Sechs Wochen bis zur Bundestagswahl

Bürger in Werdohl legen Finger in die Wunden

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Willi Hübner: „Wählen gehe ich immer!“

Werdohl - Noch sechs Wochen bis zur Bundestagswahl: Zeit, einmal die Bürger zu fragen, was sie sich eigentlich von der Politik wünschen? Welche Themen sollen die Parteien angehen? Und wie?

„Ich habe genauso wenig eine Idee, wie die in Berlin“, sagt Rolf Gester zunächst. Er sinniert: „Ich weiß gar nicht, auf welcher Ebene die Politiker schweben.“ Vom wahren Leben hätten die Parteivertreter sich weit entfernt. „Aber ich gehe wählen, das lass ich mir nicht nehmen. Nur wen ich wähle, das weiß ich noch nicht“, überlegt der gebürtige Werdohler.

Dann fällt Gester aber doch noch ein Thema ein, welches ihm auf den Nägeln brennt: „Ich bin jetzt 58 Jahre alt. Und wenn ich mir meine Rentenbescheide ansehe: Das wird doch jedes Jahr weniger, was ich da erwarten darf.“ Er grübelt und sagt: „Das wird eng für mich.“

Der Maschineneinrichter bei Georg Fischer berichtet: „Ein Bekannter von mir hat 50 Jahre gearbeitet und immer gut verdient. Der bekommt jetzt als Rentner 1400 Euro. Das ist ja nichts.“ Und er schiebt hinterher: „Die großen Sprünge fallen dann weg.“ Dann betont er: „Für die Jugend ist das Thema ja noch wichtiger. Die müssen für später ja richtig vorsorgen.“ Alles werde immer teurer. „Die Menschen müssen ja heute schon doppelt verdienen. Das geht ja gar nicht anders“, habe er beobachtet.

Das sieht auch der 21-jährige Marcel Kosar so. Neben der Rente liegt ihm aber auch ein anderes Thema schwer im Magen: „Das Handwerk verliert immer mehr Arbeiter und es lassen sich immer weniger Auszubildende finden, weil diese Berufe einfach unterbezahlt sind“, bedauert er. Alle strebten deshalb in „Berufe mit höheren Verdiensten“.

Kosars Eindruck: „Immer mehr Deutsche sind hervorragend gebildet mit Abitur und Studium. Aber viele stehen am Ende ohne Arbeit da, weil sich für sie nichts finden lässt. Und ins Handwerk will keiner.“ Der junge Mann klagt: „Die einen müssen hart arbeiten für wenig Geld und die anderen bekommen für entspannte, ruhige Arbeit einfach viel zu viel.“

Jürgen Bahr: „Die Abwrackprämie ist gar nicht gut.“

Das Thema Diesel-Fahrzeuge treibt hingegen Jürgen Bahr um. „Das mit der Abwrackprämie finde ich gar nicht gut. Warum rüsten die die Autos nicht um? Der Umwelt zuliebe! Das soll doch nur 1500 Euro kosten. Das ist doch nicht so viel.“ Bezahlen sollten das die Autohersteller und der Wagenbesitzer „halbe/halbe“, schlägt der 72-Jährige vor. Selbst hat der Autofahrer aber nie einen Diesel besessen. „Ich habe mir immer schon gedacht, dass das nicht gut ist. Die haben doch schon immer gestunken mit ihren Abgasen“, meint er.

Der Werdohler ist so kurz vor der Wahl noch unentschlossen: „Es steht noch offen, wen oder ob ich überhaupt wählen gehe“, lässt er alles offen.

Das hingegen steht für Willi Hübner nicht zur Frage: „Ich habe seit meiner Jugend immer dieselbe Partei gewählt. Und wählen gehe ich immer“, sagt er mit Nachdruck. Gleichzeitig meint er aber auch: „Was die da oben heute versprechen, gilt doch morgen schon nicht mehr.“

Einen Wunsch an die Politik in Berlin hat er gleichwohl: „Das größte Problem sind momentan die Flüchtlinge. Das kriegt die Regierung einfach nicht in den Griff“, befürchtet er. Sein Vorschlag: „Macht die Grenzen dicht. Sonst nimmt das nie ein Ende. Der Staat kann das doch gar nicht mehr bezahlen.“ Er glaubt: „Die Flüchtlinge werden doch von allen Ecken unterstützt. Und die älteren Deutschen werden von den Politikern im Stich gelassen.“

Der 34-jährige Stefan Konitzer wünscht sich, „dass Steuerüberschüsse sinnvoll und zukunftsorientiert genutzt werden“. Außerdem plädiert er für einen Bürokratie-Abbau: „Die Planungen beispielsweise in Sachen Straßenbau müssen vereinfacht werden.“ Was ihn besorgt: „Es muss ja immer erst ein Unfall passieren, bevor gehandelt wird.“

Anton Völlmecke ist nicht gut auf Angela Merkel und ihre Regierung zu sprechen. Das sagt er ganz deutlich. Er erzählt: „Ich bin Hartz-IV-Empfänger. Aber geh’ doch mal einkaufen. Alles wird teurer!“ Und er klagt: „Wenn ich höre ‘In Deutschland geht es uns gut’, schüttele ich den Kopf. Die Menschen gehen für einen Hungerlohn arbeiten.“

Bei ihm hätten gerade erst innerhalb weniger Tage erst der Herd, dann der Fernseher „den Geist aufgegeben“, berichtet er. „Und als Hartz-IV-Empfänger bekommst Du nur Geld für eine Erstausstattung, nicht aber für Ersatzausstattungen.“

Völlmecke ist krank und arbeitsunfähig. Er brauche Blutverdünner, den die Krankenkasse ihm nicht mehr finanziere: „Selbst meine Medikamente muss ich zum Teil selbst zahlen. Und dann sagen die mir vom Amt, ich soll im Monat noch 50 Euro sparen?“, sagt der 57-Jährige. „Wie, bitte schön, soll das denn gehen?“

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