Unterstützung für den Schulbesuch

So wollen Werdohler syrischen Kindern helfen

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Petra, Ammar und Dr. Amer Yazigi (von links) wollen syrische Familien unterstützen, damit die Kinder die Schule besuchen können.

Werdohl - „Es bricht mir das Herz, wenn ich mit ansehen muss, dass diese Kinder die Schule abbrechen müssen, weil sich ihre Familien den Schulbesuch nicht mehr leisten können“, sagt Ammar Yazigi. Der 48-Jährige sagt diesen Satz über Schulkinder in Syrien in fast akzentfreiem Deutsch. Das ist einerseits bemerkenswert, weil Yazigi in Damaskus lebt und in Werdohl nur zu Besuch ist. Seine Lebensgeschichte erklärt jedoch, warum er die deutsche Sprache praktisch fehlerfrei beherrscht.

Ammar Yazigi ist in Syrien geboren, stammt wie viele Mitglieder seiner weitverzweigten Familie aus dem Wadi Al-Nasara, dem „Tal der Christen“, zwischen Homs und Tartus. In Syrien hat er ein Kunststudium begonnen, das er anschließend in Deutschland fortgesetzt hat. 20 Jahre hat er hier gelebt und die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, ehe er dann 2015, schon mitten im syrischen Bürgerkrieg, in das Land seiner Eltern zurückgekehrt ist, um bei seiner krebskranken Mutter sein zu können.

Mittlerweile hat sich Ammar Yazigi mit einem Geschäftspartner in Damaskus eine Existenz aufgebaut. Im christlichen Viertel der syrischen Hauptstadt, die vom mittlerweile neun Jahre tobenden Bürgerkrieg weitgehend verschont geblieben ist, betreibt er eine Bar nach westlichem Vorbild.

„In Damaskus ist vom Krieg praktisch nichts zu spüren“, versichert Yazigi. Und doch bekommt die Bevölkerung die Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen und ihrer Folgen zu spüren. „Die Mittelschicht ist in Syrien fast vollständig verschwunden“, hat Yazigi festgestellt. Wer früher ein sorgenfreies Leben habe führen können, müsse mittlerweile ums Überleben kämpfen.

Das führe dazu, dass viele Familien sich den Schulbesuch ihrer Kinder  nicht mehr leisten könnten, hat Yazigi erfahren. „Bei meinem Friseur habe ich einen zwölfjährigen Jungen getroffen, der eigentlich ein schlauer Kerl ist, aber jetzt Geld für die Familie verdienen muss, anstatt zur Schule zu gehen“, beschreibt Ammar Yazigi ein Schlüsselerlebnis. „Es tat mir in der Seele weh, erkennen zu müssen, wie diesem Kind die Zukunft verbaut wurde“, beschreibt Yazigi seine Gefühle.

Syriens Zukunft steht auf dem Spiel

Der 48-Jährige sah die Notwendigkeit zu handeln – und handelte. Die finanzielle Unterstützung der Familie des Zwölfjährigen war der erste Schritt, dem noch weitere folgen sollten. Inzwischen unterstützt Yazigi mit seinem Geschäftspartner 15 Familien, damit deren Kinder die Schule besuchen können. „Die Kinder sind die Leidtragenden in diesem Krieg“, bedauert Ammar Yazigi, dass es wahrscheinlich hunderttausende ähnliche Fälle in Syrien gibt. „Wenn diese Generation verloren geht, geht Syriens Zukunft verloren“, befürchtet er. Schlimmer noch: „Dann wächst eine Generation von Terroristen heran, weil diese Menschen nichts zu verlieren haben.“ Doch Yazigi und sein Geschäftspartner können nicht alle Kinder retten.

Ammar Yazigi zeigt auf seinem Smartphone ein Foto von Lernmaterial, das er für Schüler in Damaskus gekauft hat.

Von diesen Verhältnissen in Syrien hat Ammar Yazigi auch seinen Verwandten in Werdohl erzählt, bei denen er gerade zu Besuch ist. Der Deutsch-Syrer Dr. Amer Yazigi (72), der bis vor einigen Jahren in der Stadtklinik und seiner Praxis an der Hardstraße als Chirurg gearbeitet hat, und seine Ehefrau Petra sind Onkel und Tante von Ammar Yazigi. Sie haben ihrem Neffen ihre Hilfe zugesagt und sehen auch die Möglichkeit, noch weitere Unterstützer für die Idee zu finden, in Syriens Zukunft nach dem Krieg zu investieren.

Denn für sie sind die Kinder die Zukunft des Landes, das nach dem Bürgerkrieg wieder aufgebaut werden muss. Die Yazigis stehen allerdings vor der Frage, wie sie Hilfe für syrische Kinder und ihre Familien organisieren sollen. „Natürlich könnte man hier in Deutschland Schreibmaterial und Schultaschen für die Kinder sammeln“, sagt Petra Yazigi. „Aber wie sollen wir die Sachen nach Syrien schaffen? Schließlich gibt es da ein Embargo, das den Import verhindert.“

Wie kann man Hilfe organisieren?

Besser wäre es deshalb aus ihrer Sicht, Geld nach Syrien zu schicken, zumal damit auch die dortige Wirtschaft angekurbelt werden könnte. Doch auch eine Überweisung von Devisen ist nicht möglich. Allenfalls Bargeld könnte man ins Land bringen. „Bis zu 10.000 Euro darf man bei der Einreise einführen“, weiß Petra Yazigi, die das Land mit ihrem Ehemann regelmäßig bereist, um Verwandte zu besuchen.

Die Yazigis suchen nun nach einer Möglichkeit, in Deutschland – in Werdohl und Umgebung – Spenden zu sammeln, sehen aber auch die bürokratischen Hürden: Ein Spendenkonto einzurichten wäre einfach, aber was würden die Finanzbehörden dazu sagen? Wie müsste so etwas organisiert werden? „Wir haben damit ja keinerlei Erfahrung“, sagt Dr. Amer Yazigi.

Der Arzt und seine Frau wären deshalb froh über jeden Tipp, wie sie eine Hilfsaktion für syrische Kinder organisieren könnten. Mit ihrem Neffen Ammar hätten sie jemanden vor Ort, der dafür sorgen könnte, dass das gespendete Geld auch dort ankommt, wo es gebraucht wird. Der Schulbesuch für ein Kind kostet in Syrien umgerechnet zwischen 70 und 100 Euro im Jahr. „Es geht also um relativ kleine Beträge, die aber in Syrien eine große Wirkung entfalten können“, sagt Ammar Yazigi.

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