Vom Bauverein zum Immobiliendienstleister

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Mit dem sogenannten Hochhaus errichtete die Woge 1966/67 in Ütterlingsen ihr erstes Wohn- und Geschäftshaus.

Werdohl - Die Wohnungsgesellschaft (Woge) Werdohl ist in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden. Aus einer gewissen Notlage heraus gegründet, hat sie sich zu einem umfassenden Immobiliendienstleister entwickelt und zum wichtigsten Wohnungsanbieter in der Stadt an Lenne und Verse entwickelt.

Ihre Ursprünge hat die Woge im bereits 1902 als eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung (eGmbH) gegründeten Gemeinnützigen Bauverein. Sie wurde 1941 in die Wohnungsgesellschaft Werdohl umgewandelt, eine GmbH, deren Anteile zu gleichen Teilen die Städte Werdohl und Neuenrade und 16 Werdohler und Neuenrader Industriebetriebe halten.

Die Gründe für das Engagement der Wirtschaft lagen auf der Hand: Die Unternehmen benötigten Wohnungen für ihre Arbeiter. Offenbar war trotz der Kriegszeiten der Optimismus immer noch stark genug, an eine große wirtschaftliche Zukunft zu glauben.

Der Bau eines Hauses war in den 1960er-Jahren noch harte Arbeit, vieles musste von Hand erledigt werden wie hier die Gründungsarbeiten am Hochhaus.

Der alte Bauverein hatte 43 Häuser mit 226 Wohnungen mit in die Neugründung eingebracht. Und schon bis zur Währungsreform errichtete die neue Woge 46 Häuser mit 241 Wohnungen. Nach 1948 nahm die Bautätigkeit sogar noch zu: In den Nachkriegsjahren der 1950er-Jahre errichtete die Woge rund 100 Häuser mit mehr als 600 Wohnungen. Dabei wurden die größten Neubauanstrengungen im Werdohler Stadtteil Ütterlingsen erbracht. Besonders vertriebene Deutsche aus den Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Reichs fanden dort eine neue Heimat. Die Straßennamen – Leipziger, Berliner, Danziger und Breslauer Straße – erinnern noch heute an die Herkunft der ersten Bewohner dieser Häuser.

Nicht nur Mietwohnungen

In den 1960er-Jahren Jahren wurden im Wesentlichen die Häuser im zweitgrößten zusammenliegendem Gebiet der Woge gebaut: In Pungelscheid wurden 37 Häuser mit rund 300 Wohnungen errichtet. 1965 baute die Woge am Leopoldweg in Neuenrade 14 Eigenheime mit 18 Wohnungen.

In Ütterlingsen errichtete die Wohnungsgesellschaft in der Nachkriegszeit viele Mehrfamilienhäuser, damit Flüchtlinge und Vertriebe ein Dach über dem Kopf hatten.

1966/67 hat die Woge zudem an der Ütterlingser Straße und der Breslauer Straße in Ütterlingsen mit ihrem ersten Wohn- und Geschäftshaus – im Volksmund damals „Hochhaus“ genannt – ihren Bestand vergrößert. In zwei viergeschossigen und zwei achtgeschossigen Häusern entstanden 54 Wohneinheiten und neun Ladenlokale. Über die Zeit gesehen, waren dort unter anderem eine Gaststätte, ein Lebensmittelgeschäft, ein Lottoladen, ein Friseur, die Sparkasse, eine Bäckerei, die Post, ein Drogeriemarkt, ein Fliesenhändler und ein Imbiss beherbergt. Derzeit sind die Ladenlokale mit einem Pflegedienst, einer Physio-Praxis, einem Sattler, einem Friseur, einem Kfz-Sachverständigenbüro, einem Versicherungsbüro und dem Woge-Bürgerbüro besetzt.

Ihre Bautätigkeit hat die Woge über die Jahre kontinuierlich fortgesetzt. Es entstanden weitere Objekte in Pungelscheid und Ütterlingsen, aber auch in Kleinhammer, am Bausenberg und auf der Königsburg sowie in Neuenrade. Nicht nur Wohnraum für Mieter, sondern auch Eigentumswohnungen und Garagen sind im Laufe der Jahre gebaut worden. Allein in den ersten 25 Jahren hat die Woge mehr als 1250 Mietwohnungen mit insgesamt rund 65 000 Quadratmetern Wohnfläche gebaut und damit vor allem in der Nachkriegszeit die Wohnungsnot gelindert.

Eine neue Wohnform entsteht

Eine ganz neue Wohnform entstand ab 2006 mit den Errichtung von Nachbarschaftshilfezentren (NHZ), die anstelle von leer stehenden oder Anbauten an vorhandene Mietshäuser errichtet wurden. Das erste NHZ wurde am 3. Oktober 2007 an der Danziger Straße in Ütterlingsen eröffnet. Gekostet hat es rund 775 000 Euro. Zwischenzeitlich ist mit einem Aufwand von 250 000 Euro ein weiteres NHZ an der Iserschmittstraße in Pungelscheid entstanden und an der Oststraße auf der Königsburg befindet sich derzeit ein drittes NHZ mit 29 Wohnungen im Bau, das rund 3,3 Millionen Euro kosten und im Spätherbst 2017 bezugsfertig sein soll.

Mit dem Nachbarschaftshilfezentrum an der Danziger Straße in Ütterlingsen – hier ein Foto von der Einweihung am 3. Oktober 2007 – schuf die Woge eine neue Wohnform in Werdohl.

„Diese Wohnform ermöglicht, dass pflegebedürftige Mieter von einem Pflegedienst betreut werden. Abgerechnet werden nur die Leistungen des Pflegedienstes, die auch in Anspruch genommen wurden. Weiterhin werden in den NHZs Veranstaltungen, wie Nachbarschaftskaffees, Gottesdienste und diverse Vorträge angeboten, an denen nicht nur die Bewohner teilnehmen können“, erläutert Woge-Geschäftsführer Ingo Wöste das Prinzip der Nachbarschaftshilfezentren, deren Bau vom Land mit zinsgünstigen Krediten gefördert wird.

Die Wohnungsgesellschaft übernimmt bei dieser Wohnform lediglich die Vermietung und beschäftigt eine Quartiersmanagerin, die die vorgenannten Veranstaltungen mitorganisiert, aber auch für die Organisation weiterer Zusammenkünfte wie zum Beispiel Bastel-, Näh- und Sprachkurse zuständig ist. Teilweise wird für diese Veranstaltungen auch der Gemeinschaftsraum im 2012 direkt gegenüber dem NHZ gebauten Wohnhaus Danziger Straße 9 genutzt. Auch dieses Objekt ist eine Wohnform für Senioren.

Aber nicht nur im Bereich des Wohnungs- und Mieterbestandes hat sich mit der Zeit eine Wandlung vollzogen, auch die Leitung der Wohnungsgesellschaft Werdohl GmbH ist durch mehrere Hände gegangen. Im Gründungsjahr begann die Gesellschaft mit zwei Geschäftsführern: Heinrich Stäckel und Wilhelm Panne leiteten in den Anfangsjahren die Geschicke der Woge. Ihnen folgten als Einzelgeschäftsführer Engelbert Wahle, Peter Paul Möller, Hans-Otto Belecke und ab 2005 Ingo Wöste, der vielfach als Hoffnungsträger für Werdohl bezeichnet worden ist.

In der Tat hat der in Emsdetten geborene und in Küntrop lebende Betriebswirt ganz konkrete Vorstellungen von einer positiven Entwicklung einer Stadt, die er auch in Werdohl umsetzen will. Der demographische Wandel der Gesellschaft werde die Nachfrage am Wohnungsmarkt verändern, gibt er zu bedenken.

Auch die Woge zieht um

Der Standort der Verwaltung wurde 2013 von der Dammstraße in das modernisierte Werdohler Bahnhofsgebäude verlegt. Wöste: „Im Gegensatz zur Dammstraße ist damit eine wesentlich zentralere Lage gegeben, so dass die Wohnungsgesellschaft mehr Aufmerksamkeit erfährt.“ „Unsere Gesellschaft hat sich über die Jahre hinweg zu einem umfassenden Immobiliendienstleister entwickelt“, blickt Ingo Wöste auf die 75-jährige Geschichte zurück, von der er selbst knapp ein Siebtel maßgeblich mitgestaltet hat. Die Woge hat sich dabei vielfach der Mittel bedient, die die öffentliche Hand zur Verfügung stellt, um Wohnraum zu schaffen. In den 50er- und 60er Jahren waren es Darlehen, die für Landesbedienstete, ehemalige Bergleute oder Mieter aus Abbruchhäusern gewährt wurden, in der Gegenwart sind es oft Fördermittel für barrierefreien Wohnraum oder zinsgünstige Darlehen von Kreis, Land und Bund, die die Woge einsetzt, um ihren Wohnungsbestand fit zu machen für die Zukunft.

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