„WM-Raubüberfall“: Viele Fragen bleiben offen

WERDOHL ▪ Der Freispruch für die 49-Jährige, die zwei junge Männer zum „WM-Raubüberfall“ auf ein Werdohler Rentnerehepaar am 3. Juli 2010 angestiftet haben sollte, hatte sich schon vor der Verkündung des Urteils abgezeichnet: „Es bleiben viele Fragen offen und massive Zweifel an der Täterschaft der Angeklagten“, zog Staatsanwalt Dr. Klein das Resümee aus seinem Plädoyer und forderte einen Freispruch mangels Beweisen für die Angeklagte.

Von Thomas Krumm

Zuvor hatte er das Ergebnis der Hauptverhandlung vor dem Landgericht noch einmal detailliert dargestellt. Ausgangspunkt war die Feststellung, „dass es einen Anstifter oder Tippgeber gegeben haben muss“. Denn sowohl der zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilte Haupttäter als auch das Rentnerehepaar hätten von einem Telefonat berichtet, das der 27-Jährige während des Überfalls geführt habe. Die Frage war also nur: „Kann man feststellen, dass die Angeklagte die Täterin war?“ Bei ihrer Beantwortung kam der Aussage des 27-Jährigen die größte Bedeutung zu: Er hatte durch seine Aussage im Hauptverfahren die Ermittlungen gegen die 49-Jährige ins Rollen gebracht. Die Frau bestritt, Anstifterin dieser brutalen Tat gewesen zu sein. Der Staatsanwalt zog daraus die Konsequenz: „Einer von den beiden lügt.“ Aber wer? Um die Vorwürfe gegen die 49-Jährige zu erhärten, hätten weitere Zeugen die Behauptungen des 27-Jährigen untermauern müssen. Dies jedoch geschah im Gerichtssaal nicht: Der zweite Räuber bestätigte nicht, dass der 27-Jährige die Angeklagte nach der Tat zur Rede gestellt hätte. Ein weiterer Zeuge konnte oder wollte nicht bestätigen, dass die 49-Jährige dem jungen Mann „einen Job über 500 000 Euro“ angeboten hatte. Zudem konnte kein Zeuge plausibel machen, wie die Angeklagte an detaillierte Informationen über die Wohnung des Rentnerehepaars gekommen sein sollte. Dass sie früher einmal als Pflegerin tätig gewesen wäre, wie es der Belastungszeuge behauptet hatte, bestätigte sich nicht. Allerdings gab es durchaus Motive, warum der Belastungszeuge die 49-Jährige zu Unrecht hätte belasten können: Die Nennung einer möglichen Drahtzieherin ersparte ihm in seinem Verfahren ein Jahr Haft. Sein Mittäter musste für sechseinhalb Jahre ins Gefängnis. Auch auf die Frage, warum die Angeklagte möglicherweise für eine fälschliche Bezichtigung in Frage kam, gab es eine Antwort. Sie hatte vor Gericht behauptet, dass sie nach der Festnahme eines Verdächtigen der Polizei einen Tipp gegeben habe.

Weil keine weiteren Zeugen die Aussagen des Belastungszeugen bestätigen konnten, blieb es vor Gericht letztlich bei einer „Aussage gegen Aussage“-Situation. Gleichwohl war Staatsanwalt Dr. Klein auch „nicht davon überzeugt, dass es die Angeklagte nicht war“. Doch es galt der Grundsatz „Im Zweifel für die Angeklagte“, dem sich auch das Gericht anschloss. „Wir haben Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Belastungszeugen“, begründete Richter Krause die Entscheidung und verwies darauf, dass es „keine Indizien gibt, die dessen Aussagen stützen könnten“.

Die anwesenden Sitzungsvertreter verzichteten nach dem Urteil auf weitere Rechtsmittel. Das Urteil wird allerdings erst rechtsgültig, wenn auch der Rechtsbeistand des Rentnerehepaars in dessen Namen eine entsprechende Erklärung abgibt.

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