Traurige Entwicklung

WK-Aus war nur der Anfang: Diese Geschäfte schließen in der Werdohler City

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Das WK Warenhaus ist seit Ende Juni geschlossen.

Werdohl – Mit dem Schuhhaus Brockhaus und dem Reformhaus Hardt werden in nächster Zeit zwei weitere Einzelhandelsgeschäfte in der Werdohler Innenstadt schließen. Im Schuh- und Sporthaus Bathe läuft bereits der Räumungsverkauf, die Schließung steht für Oktober an.

„Besonders für unsere treuen Kunden und für diese Stadt tut es mir sehr leid“, sagt Andrea Brockhaus-Passenheim mit ungewohnt leiser Stimme. Der gestandenen Geschäftsfrau fällt es sichtlich schwer über ihren Entschluss zu sprechen: Die 56-Jährige wird ihr Schuhfachgeschäft in der Innenstadt zum Ende des Jahres schließen. Der Räumungsverkauf beginnt am kommenden Mittwoch. 

Leicht habe sie sich die Entscheidung nicht gemacht, berichtet Brockhaus-Passenheim – und bezeichnet die Corona-Krise als „i-Tüpfelchen“. Sie habe schließlich das Ende des Traditionsgeschäftes besiegelt. Doch der Abwärtstrend habe schon viel früher begonnen. „Seit etwa sechs bis sieben Jahren läuft das Geschäft zusehends schlechter“, erzählt Andrea Brockhaus-Passenheim. „Der Online-Handel ist der Knackpunkt. Da können wir nicht mithalten.“ Die Werdohlerin berichtet von Kunden, die sich beraten lassen, Schuhe anprobieren und Handyfotos schießen, „um dann anschließend im Internet zu bestellen.“ Während der Online-Kunde weder Porto noch eventuell anfallende Rücksendekosten zahlen müsse, könne sie als Fachhändlerin bei einigen Herstellern nur mehrere Paare bestellen. „Oder wir müssen Mindermengenzuschlag und Porto zahlen. Unterm Strich bleibt dann nichts übrig“, rechnet die studierte Betriebswirtin vor. 

Schuhparty waren sehr beliebt

Doch dem Online-Handel hätte Andrea Brockhaus-Passenheim wohl noch weiterhin getrotzt – mit neuen Ideen, wie den Schuhpartys nach Geschäftsschluss. „Die waren bei vielen Kundinnen sehr beliebt“, stellt die 56-Jährige fest. Auch die Aktionen, die regelmäßig an den verkaufsoffenen Sonntagen stattfanden, seien immer gut angekommen worden. „Wir haben an diesen Tagen sehr gut verdient. Jeder verkaufsoffene Sonntag, der nicht stattfinden durfte, hat uns richtig geschadet“, zeigt die Geschäftsfrau wenig Verständnis für die Blockadehaltung der Gewerkschaft: „Im Endeffekt sind die Leidtragenden irgendwann die Beschäftigten.“ 

Mittwoch beginnt der Räumungsverkauf: Andrea Brockhaus-Passenheim (links) schließt ihr Schuhgeschäft zum Jahresende. Mitarbeiterin Inge Schulte wird ebenso arbeitslos wie die Chefin.

Doch auch an Wochentagen seien in den vergangenen Jahren immer weniger Kunden ins Geschäft gekommen. „Es gab so viele Dauerbaustellen, zum Beispiel auf der Bundesstraße 229. Das hat tatsächlich viele Plettenberger abgeschreckt.“ Ähnliches gelte für Kunden aus Altena. Auch die Einschränkungen in Verbindung mit den Arbeiten auf dem Brüninghaus-Platz hätten sich auf den Umsatz niedergeschlagen, ebenso wie die Einführung der Parkgebühren in Werdohl. Deutlich schwerwiegender sei das Schuh-Fachgeschäft dann aber von der WK-Schließung getroffen worden. „Die Stadt ist an manchen Tagen wie leer gefegt. Eine Ausnahme ist nur der Donnerstag mit dem Wochenmarkt.“ 

Kündigungen schon im Mai ausgesprochen

Nach dem Beginn der Corona-Krise und den damit verbundenen Einschränkungen für den Einzelhandel sei endgültig klar gewesen, dass es nicht weitergehen könne: Ende Mai erhielten die zwei Mitarbeiterinnen und die beiden Aushilfen des Schuhfachgeschäftes ihre Kündigung. Drei der Betroffenen seien im Rentenalter. „Auch sie wären aber gerne noch bei mir im Geschäft geblieben“, sagt Andrea Brockhaus-Passenheim. Inge Schulte, die die Kunden schon seit vielen Jahren beim Schuhkauf berät, wird sich auf Jobsuche begeben, ebenso wie die Inhaberin selbst: „Ich hätte das Geschäft gerne bis zur Rente weitergeführt. Ich bin zu jung, um zuhause zu sitzen“, erklärt Brockhaus-Passenheim. 

Die 280 Quadratmeter große Verkaufsfläche zuzüglich des Lagers und der Nebenräume möchte die Geschäftsfrau vermieten. „Ich weiß aber, dass das sehr schwer wird.“ Zwei Wohnungen über dem Geschäft sind vemietet, und daran solle sich auch nichts ändern. 

Räumungsverkauf: 4500 Paar Schuhe müssen ausgezeichnet werden

Für den Räumungsverkauf ab Mittwoch müssten insgesamt 4500 Paar Schuhe neu ausgezeichnet werden. „Außerdem werden wir Maßnahme treffen, damit es im Geschäft nicht zu voll wird“, kündigt die Werdohlerin besondere Einkaufsregeln in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie an. Damit alle Vorbereitungen getroffen werden können, bleibt das Geschäft am Montag geschlossen. 

Nach 66 Jahren ist Schluss: Das Reformhaus Hardt schließt am 31. Oktober.

Wenige Meter entfernt bereitet sich Michael Hardt auf die Schließung seines Reformhauses vor. Nach 66 Jahren verschwindet damit so etwas wie eine Institution aus der Werdohler Innenstadt. „Mein Vater Friedrich-Wilhelm hat das Reformhaus 1954 im Hinterzimmer der elterlichen Drogerie gegründet“, blickt er zurück. Der Sohn stieg 1986 mit einer Filiale in Plettenberg ins Geschäft ein und übernahm 1992 auch das Stammhaus in Werdohl. Plettenberg gab er 2013 auf, jetzt soll Ende Oktober auch in Werdohl Schluss sein. „Es tut mir für manche Kunden wirklich leid, aber es macht keinen Spaß mehr – und es hat auch keinen Sinn mehr“, sagt Hardt, der bald 62 Jahre alt wird. Was er in seinem Geschäft am Eggenpfad anbietet – Bio-Lebensmittel, pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel, rezeptfreie Naturarzneimittel sowie Artikel für Körperpflege und Naturkosmetik – gebe es längst nicht nur im Internet, sondern auch bei Discountern. 

Mit dem WK fehlt der Frequenzbringer

Michael Hardt beklagt wie auch Andrea Brockhaus-Passenheim, dass seit der Schließung des WK Warenhauses kaum noch Menschen in der Stadt seien, und blickt auf den Eggenpfad: Viele der Ladenlokale in der Nachbarschaft sind vorübergehend oder schon ganz geschlossen oder sind ganz einfach keine Frequenzbringer. „Der einzige, der hier noch viel zu tun hat, ist der Zahnarzt.“ Früher sei das anders gewesen. „Da kamen die Menschen aus Plettenberg und Altena wegen des WK und wegen der Ärzte“, blickt er zurück. In Kürze falle mit dem Hautarzt Dr. Friedemann Enders ein weiterer Facharzt weg. „Ich sehe schwarz für die Innenstadt“, nimmt Hardt kein Blatt vor den Mund. 

In seinem Geschäft bemerke er seit Jahren einen schleichenden Rückgang der Kundenzahlen und Umsätze, berichtet Hardt. Die Corona-Krise macht er nicht dafür verantwortlich. Davon habe er anfangs sogar profitiert, gibt er zu. „Für mich ist das jetzt aber nur noch ein schlecht bezahltes Hobby“, begründet er, warum er jetzt einen Schlussstrich ziehen will. Am 31. Oktober ist für ihn endgültig Feierabend. Eine Teilzeit-Mitarbeiterin müsse sich dann auch auf Jobsuche begeben, bedauert Hardt. 

Entwicklung für Stadtmarketing nicht überraschend

Für Ingo Wöste, den Geschäftsführer der Werdohl Marketing GmbH, kommt die Entwicklung in der Innenstadt nicht überraschend. „Das war absehbar“, sagt er, auch mit Blick auf das geschlossene Kaufhaus. Kleine Städte hätten es seit Jahren schwer, erkennt er eine Tendenz, dass es Kunden in die größeren Zentren zieht. Werdohl habe sich mit dem WK lange dagegen wehren können. „Es ist aber falsch, sich gegen eine Tendenz zu stemmen, die man nicht stoppen kann“, meint Wöste. 

Schwarz sieht er für Werdohl deswegen nicht, obwohl er glaubt, dass es in Zukunft zum Beispiel keine verkaufsoffenen Sonntage mehr geben wird. Die Nahversorgung auch mit Non-Food-Artikeln müsse natürlich gesichert sein, aber der klassische Einzelhandel werde nicht zurückkehren. „Die Zeit ist jetzt aber reif, dass sich Werdohl neu erfindet“, glaubt Wöste und kommt auf sein Lieblingsthema zu sprechen: den Tourismus. Er steht unverändert zu seiner Vision von der Stadt, die durch ihre Lage an der Lenne viele Radtouristen anzieht. Dazu brauche Werdohl strukturelle Veränderungen, mehr Lebensqualität und ein besseres Image – und eine Zusammenarbeit der Kommunen entlang der Lenneschiene. Für Ingo Wöste steht fest: „Es gibt für Werdohl keine andere Lösung!“ 

Späinghaus: Schließung "eine Katastrophe"

Für Werdohls kommenden Bürgermeister Andreas Späinghaus ist insbesondere die Schließung des Schuhhauses Brockhaus „eine Katastrophe“, weil damit innerhalb kurzer Zeit das zweite Schuhgeschäft schließe. Die Situation in der Innenstadt betrachtet er als „eine Baustelle, um die ich mich sehr schnell kümmern muss“. Es müsse versucht werden, die Innenstadt und den Einzelhandel zu beleben. „Dabei sitzt der Einzelhandel auch selbst mit im Boot“, glaubt Späinghaus, dass es dazu gemeinsamer Anstrengungen bedarf. Auch im Tourismus sieht er eine Chance. „Das greift alles ineinander“, ist er überzeugt, dass es nicht die eine Lösung für alle Probleme gibt. 

Noch-Bürgermeisterin Silvia Voßloh (CDU) war für eine Stellungnahme zum Thema nicht zu erreichen.

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