Brennpunkt in Werdohl

So wird der Colsman-Platz zur Jobbörse für Bulgaren und Rumänen

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Der Colsman-Platz war selten so menschenleer wie an den heißen Tagen Ende Juli. Sonst verbringen ganze Familien aus Osteuropa ihre Zeit auf den Sitzgelegenheiten. Die Männer warten auf Gelegenheitsarbeiten, die ihnen von „Arbeitgebern“ ganz in der Nähe angeboten werden

Werdohl - Die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Union bringt Probleme nicht nur in die Dortmunder Nordstadt oder nach Hagen, wohin angeblich eine halbe Dorfgemeinschaft gezogen sein soll.

Seit 2014 können Bulgaren und Rumänen in Deutschland arbeiten, seitdem wächst die Armutsmigration auch in Werdohl. Mittlerweile sorgt sie für Probleme im sozialen Gefüge der Stadt. Der Colsman-Platz ist zu einer Art Brennpunkt geworden.

Den Vorfall im Lidl-Markt am 13. Juli beschreibt die Polizei so: Nach bisherigen Erkenntnissen sollen zwei bulgarische Tatverdächtige, 19 und 20 Jahre alt, gegen 20.40 Uhr zwei türkisch-stämmige Frauen (23 und 25 Jahre alt) verbal belästigt haben. „Die Ehemänner der Frauen, 25 und 26 Jahre alt, kamen hinzu, woraufhin es noch im Geschäft zu Streitigkeiten kam“, schreibt die Polizei weiter. 

150 Facebook-Kommentare

Rund 150 Kommentare bei Facebook beschäftigen sich mit dem Vorfall. Aus den Posts lässt sich herauslesen, dass sich Frauen von Männern begafft und belästigt fühlen. Solche Situationen lassen sich an vielen Wochentagen zu allen Tageszeiten beobachten: Ganze Familien verbringen auf den Bänken und auf dem Platz vor Rossmann und der Stadtbücherei ihre Zeit. 

Den Kindern wird mit kräftigen Stimmen hinterhergerufen, Familienleben findet öffentlich statt. Auffällig ist, dass auch am Tage besonders viele Männer herumsitzen und die Zeit totschlagen. Blicke aus dunklen Augen und die hart klingende sehr laute Sprache fallen auf. Es ist nicht erkennbar, ob die Menschen in Streit sind oder nur sehr vernehmlich miteinander sprechen. 

317 Bulgaren in Werdohl gemeldet

„All diese Beobachtungen können wir aus unseren Erfahrungen teilen“, sagt Bodo Schmidt, Fachbereichsleiter Soziales in Werdohl. Aktuell sind 123 rumänische sowie 317 bulgarische Männer, Frauen und Kinder in Werdohl gemeldet. Während die Zahl der Rumänen von 2014 bis heute geringe Schwankungen zwischen 147 und 185 aufweist, stieg die Anzahl der Bulgaren jedes Jahr an, beginnend mit gerade einmal 54 Personen in 2014. 

Schmidt verweist in dem Zusammenhang auf die Zu- und Wegzüge. Dort sei viel Bewegung erkennbar, viele würden nur eine bestimmte Zeit bleiben, andere kämen neu hinzu. Die tatsächliche Anzahl der in Werdohl lebenden bulgarischen Staatsbürger wird sicher höher sein. Bodo Schmidt: „Für Werdohl sind das zum Teil beachtliche Zahlen.“ 

Viele wohnen direkt in der Innenstadt

Aus den Meldeadressen lässt sich herauslesen, dass die meisten bei Privatvermietern direkt in der Innenstadt wohnen. Sehr enge und arme Wohnverhältnisse sowie eine gewisse Gewohnheit, draußen im Familienverbund die Zeit zu verbringen, haben auf dem Colsman-Platz für Beunruhigung gesorgt. Schmidt: „Es ist tatsächlich eine schwierige Situation im Moment.“ Zweifellos sei auch das kostenfreie W-Lan vor der Stadtbücherei ein Grund, sich auf den Sitzgelegenheiten vor Rossmann und Ernstings aufzuhalten. Schmidt: „Man sieht die jungen Männer den ganzen Tag auf dem Handy daddeln.“ Wenn nach dem Sommer in der ganzen Innenstadt freies W-Lan angeboten werden könne, würde sich die Situation vielleicht verändern. 

Die Ordnungsbehörden hätten bislang keinen Grund zum Eingreifen gehabt, so Schmidt. Das Aufhalten und Bespielen öffentlicher Plätze sei nicht verboten. Subjektiv fühle sich allerdings so mancher Besucher und so manche Besucherin der Innenstadt und der Geschäfte in dem Bereich gestört. Manche nerve es auch einfach, keinen freien Sitzplatz mehr zu bekommen, weil die Bänke dauernd von Familien belegt seien. Auch das laute Rufen und Sprechen werde als „schwierig“ wahrgenommen. 

Kunden des Jobcenters

Sozialleistungen der Stadt Werdohl bezieht diese Personengruppe nicht. Sie sind allesamt Kunden des Jobcenters. Von den aktuell 123 Rumänen beziehen nur 19 Hartz-IV-Leistungen vom Jobcenter Märkischer Kreis. Das sieht bei den Bulgaren völlig anders aus: 157 der 317 in Werdohl lebenden Bulgaren erhalten Hilfeleistungen zum Lebensunterhalt. 

Die Lebensbedingungen besonders für Bulgaren seien in Werdohl äußerst schwierig. Schmidt: „Trotz der Armut und der beengten Wohnverhältnisse scheint das Leben hier immer noch besser zu sein als in deren Heimat.“ Auch eine Ansprache dieser Menschen gestalte sich oft als unmöglich, da sie weder deutsch noch englisch sprechen könnten. „Da kommen wir mit unseren Flüchtlingen sprachlich sehr viel besser klar“, so Schmidt. 

Armutsmigranten, keine Flüchtlinge

Bulgaren und Rumänen sind Armutsmigranten, keine Flüchtlinge. Junge Bulgaren sehen in ihrem Land keine Zukunft für sich. Die Zeit des Aufenthalts in Werdohl ist für den Einzelnen allerdings begrenzt: Wer nach einer bestimmten Zeit keine Arbeit findet, hat keine Chance, sein Leben legal zu gestalten. Sechs Monate ohne Arbeit dürfen sie in Deutschland bleiben. Einige kehren für kurze Zeit in ihre Heimat zurück, suchen danach in einer anderen deutschen Stadt ihr Glück oder bleiben illegal in Werdohl.

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Kommentare

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Kommentare

Sasho KaravelovAntwort
(0)(0)

Ich habe nicht geschrieben, dass sich Türken so benehmen. So benehmen sich eben nur Roma. Mich stört es, dass Journalisten von Bulgaren oder Rumänen schreiben, obwohl es Roma aus Bulgarien oder Rumänien sind. Die haben zwar den bulgarischen bzw. den rumänischen Pass. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Hier in Deutschland will man doch auch wissen, wer z. B. eine Straftat begangen hat. Bei z. B. libanesischen Straftätern (haben sehr viele den deutschen Pass) würde es sehr viele Menschen nerven zu lesen, dass es sich um einen Deutschen handelt. Diesen Unterschied muss man meiner Meinung nach machen. Sonst kann man ja einfach nur schreiben es war ein Mann. Das Alter auch weglassen? Geschlecht weglassen? Dann hat halt ein Mensch irgendetwas angestellt. Mehr Infos gibt es nicht? Das ist etwas überspitzt ausgedrückt. Aber diesen Unterschied sollte man meiner Meinung nach dringend machen. Natürlich nicht so, dass es irgendjemanden angreift. Kein Rassismus schüren etc.. Die Dinge müssen aber beim Namen genannt werden.

Hein Blöd
(0)(0)

Hört auf zu heulen!
Das ist das Deutschland, in dem wir gut und gerne leben!

LäuferAntwort
(1)(2)

Diesen Unterschied zu machen hilft uns nicht weiter, das ist wohl Teil des Problems, ausgelöst von ihren Herkunftsländern.
Ich kenne auch keine Türken, die sich so benehmen.