„Wir lernen jeden Tag“

Dorotha Musiol vom Forsthaus ist trotz körperlicher und psychischer Belastungen sowie ständiger Gesetzesänderungen im Berufsalltag das Lachen noch nicht vergangen.

WERDOHL ▪ Mehr als 20 Prozent aller Werdohler sind 65 Jahre und älter, gut 1 000 davon haben sogar schon die 80 überschritten, sagte Heiner Burkhardt, der am Dienstagabend zum zweiten Mal die Werdohler Gespräche leitete. In der Stadtbücherei fand die 14. Auflage dieser seit 2004 laufenden Veranstaltungsreihe des Kulturvereins Werdohl heute vor knapp 40 Interessierten statt. Von Michael Koll

Zum Thema Pflegeheime diskutierten mit Burkhardt Dorothea Musiol vom Forsthaus, Anja Rittinghaus vom Wichernhaus, Susanne Dickert vom Haus Versetal sowie Sonia Tabiadon von der Stadtklinik. Diese vier Werdohler Seniorenheime haben eine Auslastung von mehr als 96 Prozent, erklärte Moderator Burkhardt. Den folgenden zweieinhalbstündigen Diskussionsabend teilte er in acht Themenbereich auf.

I. Leitbild: Tabiadon erklärte, dass die Grundsätze, nach welchen in ihrem Haus gearbeitet würden, einem ständigen Wandel unterlägen. So seien die Selbstbestimmung sowie die Mitwirkung der Bewohner in den vergangenen Jahren in den Vordergrund gerückt. „Unsere Mitarbeiter agieren kundenorientiert.“

So sei es auch im evangelischen Wichernhaus, erläuterte Rittinghaus. Dort sei zudem die christliche Orientierung der Mitarbeiter gewünscht. Die Bewohner dagegen dürften auch Muslimen sein. „Einen Buddhisten hatten wir schon“, so die Einrichtungsleiterin. Und sie ergänzte: „Wir lernen jeden Tag dazu.“

Ihren Vorrednerinnen stimmte Musiol zu: „Unsere Bewohner sollen sich bei uns wie zuhause fühlen.“ Dickert ergänzte: „Unser oberstes Ziel sind die Wünsche der Bewohner.“

II. Aufnahmevoraussetzungen, Art der Pflege und Schwerpunkte: In allen vier Häusern werden keine Patienten aufgenommen, die künstlich beatmet werden müssten. Dickert: „MS- oder Aids-Kranke sind uns aber willkommen.“

Schwerpunkt in ihrer Einrichtung, erklärte Musiol, seien Bewohner, „die stark psychisch verändert sind“. Tabiadon erklärte, dass Ehepaare in der Regel kein Doppelzimmer wollten – anders, als viele vielleicht vermuteten. Rittinghaus bilanzierte, dass mittlerweile rund 80 Prozent der Bewohner dement seien.

Haustiere sind in allen vier Heimen möglich. Musiol betonte, dass diese aber von den Bewohnern – oder Angehörigen – versorgt werden müssten. „Die meisten können sich aber selbst schon nicht mehr versorgen. Und dann ist es schnell Tierquälerei.“ Allergien anderer Bewohner seien zudem zu berücksichtigen. Rittinghaus stellte außerdem die Frage in den Raum: „Was passiert mit dem Tier, wenn der Bewohner verstirbt?“

III. Tagesablauf: Tabiadon berichtete, es gebe sieben Tage die Woche „bis in die Abendstunden hinein Aktivierungsangebote“: Sport, Feste, Ausflüge, Vorlesen, Spiele, Kochen, Backen oder Kino. Schließlich richte sich der Tagesablauf nach individuellen Wünschen, es gebe ja auch Langschläfer. Musiol ergänzte, dass es andererseits Senioren gebe, „die um 3 Uhr morgens schon frühstücken“.

IV. Persönliches Empfinden der Mitarbeiter: „Natürlich nimmt man manches schon mit nach Hause“, räumt Musiol ein. „Da muss man auch abschalten können.“ Dickert hakte energisch ein: „Das funktioniert aber gar nicht“, betonte sie, dass ihrer Meinung niemand dazu in der Lage sei. Tabiadon unterstrich jedoch, wie wichtig es sei, dass ihre Mitarbeiter selbst psychisch stabil seien. Um Überforderung zu vermeiden, beschäftige sie ganz bewusst ausschließlich Teilzeitkräfte.

Rittinghaus berichtete von einer Phase, in der in ihrer Einrichtung in kurzer Zeit ziemlich viele Einwohner verstarben. „Da haben wir im Team einmal eine Stunde lang zusammen gesessen und uns gegenseitig erzählt, wie blöd es uns damit geht. Dazu muss auch mal Zeit sein.“ Alle vier Diskussionsteilnehmerinnen betonten aber, dass – noch mehr als die psychische und die körperliche Belastung des Berufsalltages – die ständig geänderten Gesetzesvorgaben stark belasteten.

V. Fachkräftemangel: Bei diesem Stichwort Burkhardts nickten alle vier Heimvertreterinnen heftig. Der Politiker erläuterte: Momentan arbeiteten rund zwei Millionen Menschen im Pflegebereich. Bis zum Jahr 2050 sollen es sechs Millionen sein. Tabiadon warnte: „Das ist definitiv nicht mehr finanzierbar.“ Schon heute könne sich kaum jemand die Kosten für eine Heimunterbringung von seiner Rente leisten.

Dickert unterstrich deswegen auch, dass in ihren Augen die Gehälter – schon bei den Auszubildenden – „enorm hoch“ seien. Tabiadon hielt dagegen: Sie selbst verdiene heute exakt so viel wie Anfang der 90er-Jahre, dabei habe sie damals noch nicht die Leitung der Einrichtung inne gehabt.

VI. Betreuung abseits des medizinisch Notwendigen: „In der Pflege ist dafür keine Zeit“, beklagte Dickert, dass kein Bewohner mehr in den Arm genommen werden könne. Für ein privates Gespräch „werden wir nicht bezahlt“. Als sie – mit 14 Jahren – in der Lehre gewesen sei, „haben wir das noch gelernt“. Heute gehörten solche Inhalte nicht mehr zum Lehrplan der Auszubildenden. Musiol unterstützte sie. Aufgrund der knapp bemessenen Zeitvorgaben durch die Pflegekasse, „ist es schon schwer, die Grundpflege überhaupt zu gewährleisten“.

VII. Missstände: Rittinghaus warb um Verständnis: „Wir sind auch ganz normale Menschen, die ihre Grenzen haben.“ Tabiadon, die sich oft zu Familienbesuchen in Italien aufhalte, unterstrich jedoch: „Die schlechteste Einrichtung in Deutschland wäre aber noch allerhöchster Standard in Rumänien oder eben Italien.“ Die Erwartungen der Deutschen seien „einfach zu hoch“.

VIII. Kosten: Ein Pflegeheim koste soviel wie ein Luxushotel, klagten viele – berichtete Burkhardt. Doch, so lenkte Dickert ein, neben der Unterbringung biete eine Seniorenresidenz eben auch noch eine eigene Küche, eine Wäscherei sowie kostenlose Massagen. „Für all das müssen wir Fachkräfte beschäftigen.“ Und Tabiadon brachte es auf den Punkt: „Zuhause müssen Sie essen, was auf den Tisch kommt. Bei uns kriegen Sie jeden Tag drei Menüs.“

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