„Wir haben langsam die Schnauze voll“

Kreuze säumten den Weg zur Betriebsversammlung von ThyssenKrupp Bilstein in Hagen.

WERDOHL/HAGEN ▪ Solidarität, Unterstützung und Kampfbereitschaft auf breiter Front – das konnten die Werdohler Mitarbeiter von ThyssenKrupp Bilstein Suspension Donnerstag Mittag aus Hagen mitnehmen. Konkrete Aussagen über ihre Zukunft von der Geschäftsführung und dem Vorstands gab es dagegen nicht – die hatten ihre Teilnahme abgesagt.

Nahezu komplett war die Lennestädter Belegschaft zur gemeinsamen Betriebsversammlung der Standorte Werdohl und Hohenlimburg in die Hagener Stadthalle gefahren. Zudem waren dort unter anderem zahlreiche Betriebsräte aus anderen Konzern-Unternehmen vertreten, dazu die Bürgermeister Siegfried Griebsch und Brigitte Kramps aus Werdohl und Hagen und die neuen Landtagsabgeordneten Michael Scheffler und Wolfgang Jörg.

Die Fahne hoch!

Zu viele firmenfremde Personen für eine Betriebsversammlung, hatte die Konzernleitung anscheinend befunden und das Ganze schon im Vorfeld als Kundgebung eingestuft, der man fernblieb. Allein Arbeitsdirektor Gerd Kappelhoff stellte sich der Versammlung, wenn auch nicht auf dem Podium. Seine Bitte um Verständnis, dass man öffentlich keine Betriebsinterna berichten könne, wurde von der ansonsten eher ruhigen Versammlung mit Pfiffen und Buh-Rufen quittiert.

Dieser „Kaltschnäuzigkeit“ an der Spitze, so Versammlungsleiter Axel Berg, gedachte man mit einer Schweigeminute. „Enttäuscht und verärgert“ war auch Konzernbetriebsratsvorsitzender Thomas Schlenz. „Wie ist eine Zusammenarbeit so möglich?“, blickte er besorgt nicht nur in die Werdohler Zukunft.

In der Hagener Stadthalle wurde demonstriert.

Um die wird es am Dienstag in Düsseldorf gehen, wenn erste „Sondierungsgespräche“ über die „Werdohler Erklärung“ der Bilstein-Betriebsräte auf der Tagesordnung stehen. Schlenz wie auch der Werdohler Betriebsrat Udo Böhme betonten gestern, dass für sie an erster Stelle das Ziel „keine betriebsbedingten Kündigungen“ stehe. Man müsse die Menschen von Arbeit in Arbeit bringen. Das erfordere zahlreiche Maßnahmen und koste viel Geld. „Aber das ist der Konzern uns schuldig“, so Schlenz.

Konkret auf dieses Thema angesprochen versicherte auch Arbeitsdirektor Kappelhoff, dass der Konzern möglichst für alle 110 Mitarbeiter in Werdohl und nicht nur für die 17, die nach Hohenlimburg wechseln sollen, eine sozialverträgliche Lösung finden wolle: „Der Eindruck, dass wir uns nicht kümmern, ist falsch. Wir haben uns aus dieser Verantwortung nie stehlen wollen.“

Alte und junge Betriebsangehörige waren solidarisch.

„Wenn wir nicht weiter kommen, werden wir den Druck erhöhen müssen“, sicherte Thomas Schlenz für den Fall schwieriger Verhandlungen konzernweite Unterstützung zu, die gestern bereits durch die zahlreichen Vertreter aus anderen Unternehmensteilen offenkundig wurde. Und während im Hintergrund Lebensläufe und Fotos der Werdohler Mitarbeiter, viele seit Jahrzehnten im Betrieb, an die Wand projeziert wurden, bilanzierten Böhme und sein Hohenlimburger Betriebsratskollege Gerold Vogel Konzernpolitik und Versäumnisse der Unternehmensleitung, erinnerten an ähnlich gelagerte Betriebsversammlungen und alte ThyssenKrupp-Werte, die es nicht mehr gebe. Von Vogel kurz zusammengefasst: „Wir haben die Schnauze langsam voll.“

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