Winterdienst: Zehn Stunden im Rückwärtsgang

Volker Dowy ist Winterdienst-Experte, er fährt seit 17 Jahren.

WERDOHL ▪ Busrouten, Steilstücke und Krankenhauszufahrten genießen Priorität, wenn die Mitarbeiter des Baubetriebshofes zum Winterdienst ausrücken. 230 PS, Allradantrieb, Sperrdifferenziale – moderne Technik macht die Fahrten über die verschneiten Werdohler Straßen etwas leichter als früher.

„Die Gesetze der Physik können aber auch wir nicht aushebeln“, sagt Volker Dowy, der seit 17 Jahren in Werdohl im Winterdienst „schiebt“ und insgesamt schon 25 Jahre für den Baubetriebshof tätig ist.

Wenn der Schnee in Massen fällt, die Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes liegen, dann rückt das Baubetriebshofteam mit seinen sechs winterdiensttauglichen Fahrzeugen schon um vier Uhr morgens aus, um vor dem ersten Berufsverkehr die wichtigsten Verkehrsadern vom Schnee befreit und gesalzt zu haben. Am Mittwoch war allerdings das Problem, dass der Schneefall erst gegen sechs Uhr einsetzte. „Vorher rauszufahren, macht ja keinen Sinn“, meint Uwe Bettelhäuser vom Baubetriebshof und begründet damit die Schwierigkeiten, mit denen sich so mancher Autofahrer konfrontiert sah.

Ruhe zu bewahren, scheint eine wichtige Voraussetzung für den Beruf des Straßenwärters zu sein. Wenn die Autos am Straßenrand kaum Lücken für die Räumfahrzeuge lassen und die Gasse nur wenige Zentimeter breiter als der mächtige Räumschild an Dowys Mercedes Atego lässt, dann sind starke Nerven gefragt. „In 17 Jahren hat es nur einen Spiegel und eine Kotflügelverbreiterung aus Plastik erwischt“, sagt Dowy, während er seinen 15-Tonner geschickt durch das Straßenlabyrinth manövriert.

Während der Räumschild Schnee und Matsch von der Fahrbahn „fegt“, wird am Fahrzeugheck Salz verteilt. Die Steuereinheit im Cockpit ist überschaubar – aber effektiv. „Ich kann die Salzmenge zwischen fünf und 40 Gramm pro Quadratmeter justieren, die Richtung und die Streubreite einstellen. Früher mussten die Fahrer aussteigen und die Einstellungen von Hand vornehmen. Das habe ich zum Glück nicht mehr erlebt“, sagt er, während er erst den Schild von links nach rechts dirigiert und die Streueinheit nachregelt.

Auf die Frage nach den gefährlichsten Passagen im Stadtgebiet antwortet Dowy mit einem Abstecher in die extrem steile Gartenstraße. „Wenn vorwärts nichts mehr geht, fahre ich halt rückwärts – auf meinem eigenen Streugut“, erklärt er und erinnert sich an einen außergewöhnlichen Winterdienst an einem Silvestertag, der von Eisregen geprägt war. „Ich bin 14 Stunden lang gefahren, davon zehn rückwärts“, weiß Dowy noch ganz genau. Als er in die Gartenstraße einbiegt, verzichtet er auf die Zuschaltung der Sperren, die die Antriebsleistung in schwierigen Situationen besser verteilt. „Wenn es nicht klappt, versuche ich es halt nochmal“, meinte er lässig, während der Atego die Steigung erklimmt. Hoch zu fahren sei relativ ungefährlich – runter sei schon heikler.

Die Enge mancher Gassen hat ihre Tücken, aber noch heikler kann es werden, wenn etwas unter dem Schnee liegt, was man nicht sieht. „Es ist schon vorgekommen, dass plötzlich ein Stromverteilerkasten hinter dem Fahrzeug hing“, berichtet Dowy aus seinem Anekdoten-Schatz. Ein Stromkabel, das quer über die Straße verlegt war, riss der Schild mit, demontierte kurzerhand den Kasten und zog ihn im Stile einer Trophäe hinter sich her.

Der Beruf mache ihm Spaß, betont Volker Dowy, wünscht sich aber manchmal etwas mehr Rücksicht von den anderen Verkehrsteilnehmern Ein Mitfahrt durch Werdohl, die Hardtstraße hinauf, die Gartenstraße hinunter, nur eine Handbreit von den Außenspiegeln geparkter Fahrzeuge getrennt, eine Kehrtwende inklusive Rückwärtsfahrt mit dem 15-Tonner aufgrund zugeparkter Straßen, kann Augen öffnen und sorgt dafür, die Arbeit des Winterdienstes zu schätzen.

Von Markus Jentzsch

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