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„Wiederholungstäterin“ Koppetsch? Zweites Disziplinarverfahren gegen aus MK stammende Soziologin

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Von: Volker Heyn

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Gegen die Soziolgie-Professorin und Bestseller-Autorin Cornelia Koppetsch wird erneut ein Disziplinarverfahren der TU Darmstadt eingeleitet.
Gegen die Soziologie-Professorin und Bestseller-Autorin Cornelia Koppetsch wird erneut ein Disziplinarverfahren der TU Darmstadt eingeleitet. © Jan-Christoph Hartung

Wegen erneuter Plagiatsvorwürfe wird die Universität Darmstadt ein zweites Disziplinarverfahren gegen die aus Werdohl stammende Soziologin Prof. Dr. Cornelia Koppetsch einleiten. Das berichteten die Deutsche Presseagentur, mehrere Medien wie der „Spiegel“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sowie das hochschulpolitische Magazin „Forschung und Lehre“ Ende Mai 2022.

Werdohl/Darmstadt/Berlin – Die in Berlin lebende Koppetsch (55) hatte sich einige Zeit nach den ersten Plagiatsvorwürfen aus dem Jahr 2020 auf ihrer Homepage der Uni bei den betroffenen Autoren und der Öffentlichkeit entschuldigt. Sie ist Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung an der TU Darmstadt.

Zu den Ende Mai 2022 bekannt gewordenen Plagiats-Vorwürfen in mindestens 25 Stellen könne sie laut „Spiegel“ nichts sagen. Ihr lägen die Vorwürfe erst seit wenigen Tagen vor, erklärte sie am 29. Mai auf Anfrage des Nachrichtenmagazins. Eine Stellungnahme komme erst nach Abschluss der Prüfung infrage. Für unsere Redaktion war Koppetsch am Freitag nicht zu erreichen.

Laut „Spiegel“ hat eine Untersuchungskommission der TU Darmstadt 25 Plagiate und Verstöße „gegen gute wissenschaftliche Praxis“ in einem populärwissenschaftlichen Werk von Koppetsch festgestellt, das an der Uni entstanden war. Die Kommission hatte sich den Berichten zur Folge seit April mit dem 2020 erschienenen Buch „Rechtspopulismus als Protest“ der Soziologieprofessorin befasst und dabei die fraglichen Stellen entdeckt.

Dies gehe laut Mitteilung der Uni aus dem Abschlussbericht einer im April 2021 offiziell eingesetzten Untersuchungskommission hervor. Wie der „Spiegel“ weiter berichtet, sei es dabei ausdrücklich nicht um eine vollständige Untersuchung des Buchs gegangen, sondern um die generelle Stichhaltigkeit der Vorwürfe. Das Nachrichtenmagazin berichtet aus einem Untersuchungsbericht, den die Uni vorlegte: Demnach sei die Bagatellgrenze deutlich überschritten. Das wäre „unbestreitbar bereits bei der Hälfte der aufgefundenen Stellen der Fall gewesen“. Und: „Es ist gut möglich, dass weiteres Suchen noch mehr Verstöße aufgedeckt hätte.“ Die TU Darmstadt wolle daher jetzt ein zweites Disziplinarverfahren eröffnen.

Es handele sich laut der im „Spiegel“ zitierten Kommission im aktuellen Fall um einen „Wiederholungstatbestand“. Koppetsch habe zudem im Nachwort ihres neueren Buches ihre Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis als „handwerkliche Mängel“ bagatellisiert, was zeige, dass es sich um eine „verfestigte (unrichtige) Einschätzung“ handele.

Die TU Darmstadt teilte vor wenigen Tagen mit, dass hinreichende Anhaltspunkte vorlägen, die den Verdacht eines Dienstvergehens rechtfertigten, weshalb die Präsidentin der Hochschule ein zweites Disziplinarverfahren einleiten werde, um den Sachverhalt aus dienstrechtlicher Sicht überprüfen zu lassen. Das berichtete das Magazin „Forschung und Lehre“.

Bereits 2020 hatte eine Untersuchungskommission der Universität Darmstadt zwei Bücher und vier Aufsätze von Koppetsch überprüft und 111 Textstellen als Plagiate oder Verstöße eingestuft. Die Plagiatsvorwürfe waren im Vorfeld der Verleihung des Bayerischen Buchpreises im November 2019 erhoben worden, für den Koppetsch nominiert war.

Die Kommission sprach laut „Spiegel“ damals von einer „durchgehend verfehlten Arbeitsweise“. Bei der Professorin zeige sich „eine gewisse Routine bei einer Form der Texterstellung, die den Eindruck der Originalität der eigenen Schrift zulasten anderer (und auch des Forschungsstandes) steigert“. Weitere Erklärungen aus dem Prüfbericht der Uni lesen sich verheerend für die Arbeit einer seriösen Wissenschaftlerin: „Die geprüften Schriften enthalten nicht einzelne, punktuelle Fehler. Sie weisen vielmehr eine Vielzahl von Unregelmäßigkeiten auf, die sich breit gestreut über alle überprüften Texte verteilen“, hieß es in einer Mitteilung der TU Darmstadt.

Zahlreiche der problematischen Stellen seien als Plagiate, etliche als markante Textübernahmen zu bewerten. „Hinzu kommen Verschleierungsbefunde und Stellen, die dem Muster des Bauernopfer-Belegs entsprechen“, hieß es im Bericht der Prüfkommission weiter. Die Untersuchungskommission attestierte der Wissenschaftlerin Koppetsch eine „durchgehende verfehlte Arbeitsweise“. „Teils werden gehaltvolle, oft aber auch unoriginelle Textabschnitte als Mosaiksteine verbaut oder eigene Aussagen an fremden Textstücken entlang formuliert“, zitierte die TU Darmstadt aus dem Prüfbericht.

Dass ich mir Kritik an meinen Fehlern zurechnen lassen muss, ist mir bewusst. Vor allem möchte ich mich in aller Form bei den betroffenen Autoren und der Öffentlichkeit entschuldigen.

Prof. Dr. Cornelia Koppetsch, TU Darmstadt

Auch wenn es sich bei den Texten nicht um wissenschaftliche Qualifikationsschriften wie etwa eine Dissertation gehandelt habe, sei das keine Rechtfertigung für den Verstoß gegen wissenschaftliche Standards, hieß es vor zwei Jahren.

Erst Im Januar 2022 gab die TU Darmstadt nach Abschluss des ersten Disziplinarverfahrens dienstrechtliche Konsequenzen gegen ihre Professorin bekannt – ohne allerdings genauer zu sagen, wie diese Konsequenzen konkret aussahen. Koppetsch lehre und forsche weiter an der TU als ordentliche Professorin am Institut für Soziologie, hieß es zu Anfang dieses Jahres. Über die Art der Sanktion könne sich die TU aus dienstrechtlichen Gründen nicht äußern. Zuvor hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über den Abschluss des Disziplinarverfahrens berichtet.

Koppetsch hatte sich angesichts der ersten Plagiatsvorwürfe auf ihrer Uni-Homepage entschuldigt: „Die Untersuchungskommission hat in meinen Publikationen ‘Die Wiederkehr der Konformität’ und ‘Die Gesellschaft des Zorns’ sowie in einigen Aufsätzen Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis festgestellt. Bedanken möchte ich mich bei den Mitgliedern der Kommission für die eingehende Untersuchung. Dass ich mir Kritik an meinen Fehlern zurechnen lassen muss, ist mir bewusst. Vor allem möchte ich mich in aller Form bei den betroffenen Autoren und der Öffentlichkeit entschuldigen.“

Koppetschs Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ hatte 2019 für medialen Wirbel gesorgt. Die Publikation, in der die Soziologie-Professorin den Rechtspopulismus in Zeiten der Globalisierung analysiert, erhielt in Deutschlands Feuilletons viel Lob, die Bestsellerautorin wurde in großen Interviews hofiert. Im Lokalteil berichtete auch diese Zeitung über den vermeintlichen Erfolg der gebürtigen Werdohlerin.

In ihrer Heimatstadt ist man stolz auf die Autorin, deren Buch in den beiden bedeutendsten deutschen Bestsellerlisten Platz eins erobert hatte. So stolz, dass der Heimat- und Geschichtsverein und das Kleine Kulturforum sie für Ausstellung und Buch „Werdohler Köpfe“ berücksichtigte, in der berühmte Söhne und Töchter der Stadt gewürdigt werden. Letztlich hatte man den lobenden Text über Koppetsch noch einmal elegant überarbeitet.

Vita Cornelia Koppetsch: Nach dem Abitur von Werdohl zum Studium nach Gießen

Cornelia Koppetsch besuchte das Bergstadt-Gymnasium in Lüdenscheid. Sofort nach ihrem Abitur verließ sie ihr Elternhaus und das „viel zu enge Werdohl“ und nahm ein Studium der Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Justus-Liebig Universität Gießen auf.

Nach dem Vordiplom 1988 wechselte sie an die Universität Hamburg und absolvierte 1992 dort das Diplom in Psychologie. Danach arbeitete Koppetsch an ihrer Dissertation zur Wissenschaft an Hochschulen. 1996 wurde sie an der Freien Universität Berlin zur Dr. phil. promoviert. 2006 folgte die Habilitation mit einer Studie über Arbeit und Identität im Wandel. 2009 bekam sie eine Stelle als Professorin in Darmstadt. Koppetsch lebt in Berlin und lehrt in Darmstadt. Die ältere Schwester Anne-Kathrin Koppetsch ist evangelische Pfarrerin in Dortmund, sie hat mehrere Thriller und Kriminalromane geschrieben. Im März 2022 erschien ihr jüngstes Buch „Mordsoper“.

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