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Wie eine Kirchenmusikerin ein Konzert immer wieder neu erfindet

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Von: Volker Griese

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Marion Jeßegus blättert in einem Ordner mit alten Konzertprogrammen: Seit 40 Jahren leitet sie die „Advents- und Weihnachtsmusik“ in der Werdohler Christuskirche.
Marion Jeßegus blättert in einem Ordner mit alten Konzertprogrammen: Seit 40 Jahren leitet sie die „Advents- und Weihnachtsmusik“ in der Werdohler Christuskirche. © Volker Griese

Was unterscheidet eigentlich ein Adventslied von einem Weihnachtslied, vielleicht sogar einem Winterlied? Und wie gestaltet man mit solcher Musik ein Konzert? Wie versetzt man einen Laienchor in die Lage, auch anspruchsvolle Musikliteratur vorzutragen? Und wie gewinnt man professionelle Künstler für ein Konzert mit Laien? Marion Jeßegus (63) weiß Antworten auf diese und noch weitere Fragen, denn sie kann auf den Erfahrungsschatz von 40 Jahren zurückgreifen.

Werdohl ‒ Nach ihrem Studium der Kirchenmusik hatte die Werdohlerin Marion Jeßegus 1981 ihre Stelle als Kirchenmusikerin an der Christuskirche angetreten. Damit verbunden war auch die Leitung des knapp 100 Jahre zuvor gegründeten Kirchenchores. Der gab damals schon seit rund 25 Jahren in der Adventszeit ein Konzert, und dessen Vorbereitung war nun auch Aufgabe der neuen Kirchenmusikerin.

Die hatte allerdings nach eigener Aussage mit dem Titel des Konzertes, das in Werdohl als „Advent- und Weihnachtsmusik“ bekannt war, ein „kleines Problem“. Denn Marion Jeßegus unterschied damals schon fein zwischen den Adventsliedern, die den Advent, die Erwartung der Ankunft Gottes bei den Menschen, thematisieren und daher in der Adventszeit gesungen werden, und den Weihnachtsliedern im engeren Sinne, die die Geburt Jesu Christi feiern. Das wollte Jeßegus nun in dem Konzert unter einen Hut bekommen. Säkulare Lieder ohne explizit weihnachtlichen Bezug oder – für die Kirchenmusikerin undenkbar – weihnachtliche Popmusik fanden bei ihr keinen Platz. „Jingle Bells hat doch mit Weihnachten überhaupt nichts zu tun“, nennt Jeßegus ein Beispiel. Sie verstehe sich als „Kämpferin für alte Musik“, betonte sie. „Die strahlt so viel Harmonie für die Seele aus.“

Diese Herangehensweise fand offensichtlich schon sehr früh Befürworter in Werdohl. „Werner Dreisbach kam mit dem Wunsch auf mich zu, gemeinsam mit seinem Chor der Friedenskirche die Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz aufzuführen“, erinnert sich Jeßegus. Dieses frühbarocke Werk des deutschen Komponisten würde eine Herausforderung werden, das war der Kirchenmusikerin sofort klar. Der Reiz, dieses Werk mit den Laienmusikern der beiden Chöre, aber auch mit Instrumentalisten und Solisten aufzuführen, war aber groß. Marion Jeßegus übernahm die Gesamtleitung und bereitete damit gleich im ersten Jahr ihrer Tätigkeit nicht nur die „Advents- und Weihnachtsmusik“, sondern auch diese anspruchsvolle Aufführung vor. Den instrumentalen Part des Konzertes übernahmen Musiker der Hochschule für Kirchenmusik der Westfälischen Landeskirche. „Das war im Grunde genommen eine Studententruppe“, erinnert sich Jeßegus, der die „Weihnachtshistorie“ als ein Höhepunkt ihres Schaffens in Werdohl im Gedächtnis geblieben ist.

Mitunter forderte die Kirchenmusikerin und Chorleiterin auch die Besucher zum Mitsingen auf, wie beispielsweise beim Konzert im Jahr 1989.
Mitunter forderte die Kirchenmusikerin und Chorleiterin auch die Besucher zum Mitsingen auf, wie beispielsweise beim Konzert im Jahr 1989. © Hans-Walter Gerke

Ein anderes Highlight sei die Aufführung des „Oratorio de Noël“ von Camille Saint-Saens gewesen, für die sich Marion Jeßegus mit dem Kirchenchor der Christuskirche Plettenberg „Verstärkung“ holte. Doch neben einem vierstimmigen gemischten Chor brauchte es für dieses Werk auch fünf Vokalsolisten, ein Streichorchester, eine Harfe und eine Orgel. „Das war eine ganz große Nummer mit einem sehr großen Orchester“, erinnert sich Jeßegus an den Auftritt mit der damals noch recht jungen Camerata Instrumentale Siegen, der Harfenistin Annegret Kolf und den Solisten Waltraud Sander (Sopran), Irene Bulzakowski (2. Sopran), Bettina Pieck (Alt), Imo Schröder (Tenor) und Guido Sterzl (Bass).

Mittlerweile hatte sich Marion Jeßegus auch zum Ziel gesetzt, das traditionelle Konzert in der Christuskirche immer wieder neu zu erfinden, ihm also zum Beispiel im jährlichen Wechsel eine andere Klangfarbe zu verleihen, indem immer wieder andere Instrumente eingesetzt werden. Oft hat sie ihre persönlichen Kontakte genutzt, um Gastmusiker nach Werdohl zu holen. Johannes Geffert, ihr Orgel-Professor aus Studienzeiten, war mehrfach dabei. „Er hat auf den großen Bühnen dieser Welt gespielt“, sagt Marion Jeßegus anerkennend über den Bonner Kirchenmusiker, wobei ein bisschen auch der Stolz mitklingt, diesen renommierten Musiker immer wieder nach Werdohl locken zu können.

Auch Bläser der mittlerweile aufgelösten, aber bis zur Jahrtausendwende sehr bekannten Philharmonia Hungarica aus Marl und Streicher des Stadtorchesters Hagen hat Marion Jeßegus für Konzerte in der Christuskirche gewinnen können. Ohne gewisse Beziehungen wäre das aber wohl oftmals nicht möglich gewesen, betont sie. „In Werdohl konnte man ja nie in tiefe Töpfe greifen. Finanzieren mussten wir das meistens durch Kollekten bei anderen Konzerten.“

Und wenn es mit den Beziehungen einmal nicht so klappte, war eben umso mehr Kreativität gefragt. Marion Jeßegus erinnert sich an einige „Advents- und Weihnachtsmusiken“, die sie als offenes Singen konzipiert hat. Die Besucher waren also zum Mitsingen aufgefordert. „Da habe ich dann Arrangements geschrieben, damit es ein schönes Konzert wurde“, blickt die Kirchenmusikerin zurück.

Manchmal habe sie auch Werke von bestimmten Komponisten zu einem Konzert zusammengefasst, denkt Mario Jeßegus zurück. Oder sie habe neuzeitlicher und alte Lieder und Musikstücke mit einer gemeinsamen inhaltlichen Aussage zu einem Programm vereint.

Wie sie das jeweils nächste Konzert gestalten wolle, sei eine Frage, die sie ständig begleite, antwortet Jeßegus auf die Frage nach dem Ursprung ihrer Ideen, nach dem Anfang des sprichwörtlichen roten Fadens, der sich durch die Konzerte ziehen soll, die nie länger dauern sollten als „fünf Mal eine Viertelstunde“. „Aber sie wurden oft länger, weil ja nie alles wie am Schnürchen läuft“, weiß die 63-Jährige aus Erfahrung.

Immer sei es aber darum gegangen, die musikalischen Laien im Kirchenchor zu Höchstleistungen zu befähigen, nennt Jeßegus ihre ständige Herausforderung. Die Bezeichnung „Laien“ verwendet sie dabei keineswegs abschätzig, auch wenn sie die Vorbereitung auf die Konzerte stets als „harte Arbeit“ empfunden habe. Immerhin hat die Kirchenmusikerin schon als Elfjährige selbst in diesem Chor gesungen. „Ich weiß, dass ich die sangesfreudigen Männer und Frauen sehr gefordert habe“, bekennt die spätere Chorleiterin mit Blick auf die meistens zwölf Wochen umfassende Konzertvorbereitung mit dem Kirchenchor, der sich allerdings vor drei Jahren aufgelöst hat.

Superintendent Klaus Majoress (rechts) und Kreiskantorin Liesa Forstbauer (links) verlioehen Marion Jeßegus nach einem Konzert den Titel „Kantorin“.
Superintendent Klaus Majoress (rechts) und Kreiskantorin Liesa Forstbauer (links) verlioehen Marion Jeßegus nach einem Konzert den Titel „Kantorin“. © Rainer Kanbach

Und wenn Marion Jeßegus dann noch einmal an die vorweihnachtlichen Konzerte mit dem Chor zurückdenkt, die ihr aus ganz persönlichen Gründen besonders im Gedächtnis geblieben sind, fällt ihr spontan die „Advents- und Weihnachtsmusik“ ein, die sie kurz nach dem Tod ihrer Mutter geleitet hat. Sie selbst sei damals schwanger gewesen. Beides zusammen, der Tod der Mutter und die Erwartung des eigenen Nachwuchses, habe bei ihr seltsame Gefühle ausgelöst, gewährt Mario Jeßegus einen kurzen Einblick in ihr Seelenleben: „Das war damals schon ein ganz besonderes Konzert.“

Besonders, aber auf ganz andere Art, sei auch die „Advents und Weihnachtsmusik“ im Jahr 2013 gewesen. Ein Bach-Konzert mit musikalischen Leckerbissen war gerade zu Ende gegangen an diesem 1. Dezember. Erneut hatte Johannes Geffert an der Orgel musiziert, das Ensemble Chalumeau unter der Leitung des damaligen Musikschulleiters Martin Theile hatte eigens für Klarinetten umgeschriebene Kompositionen präsentiert, die Besucher hatten am Ende den verdienten Applaus gespendet. Und dann war der damalige Superintendent Klaus Majoress aufgestanden, der in Begleitung von Kreiskantorin Liesa Forstbauer gekommen war. „Darüber hatte ich mich schon gewundert“, erinnert sich Jeßegus. Der Abend gipfelte für sie in der Ernennung zur Kantorin. „Das war für mich völlig überraschend, denn ich habe ja hier nur eine nebenamtliche Stelle“, denkt Marion Jeßegus daran immer wieder sehr gerne zurück.

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