Erkunden Sie den Rettungswagen interaktiv

Eine Notfallpraxis auf vier Rädern

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Rettungssanitäter Öner Günes erläutert, wie das mobile Beatmungsgerät funktioniert, das die Sauerstoffversorgung des Patienten sichert und gleichzeitig verschiedene medizinische Werte überwacht.

Werdohl - Von außen sieht er aus, wie ein ganz normaler Rettungswagen, der neue Mercedes-Sprinter, den die Werdohler Rettungswache vor kurzem erhalten hat. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Fahrzeug aber als eine rollende Notfallpraxis.

Schon ohne die medizinisch-technische Ausstattung hat sich der Märkische Kreis den neuen Rettungstransportwagen (RTW) rund 150.000 Euro kosten lassen. Medizintechnische Geräte, Verbrauchsmaterial, Medikamente und vieles mehr füllt eine 18 Seiten lange Liste und schlägt noch einmal mit 70.000 Euro zu Buche.

Alles hat in diesem Fahrzeug seinen festen Platz. Der Wagen ist so vollgepackt, dass er 4,6 Tonnen auf die Waage bringt. Der 190-PS-Motor bringt ihn aber trotzdem im Notfall schnell an den Einsatzort.

Die Rettungsassistenten Öner Günes und Martin Dieckmann gewähren einen Einblick in den RTW. Ein Beatmungsgerät, befestigt an der linken Seitenwand, ist so etwas wie das Herzstück des Rettungswagens. Die Rettungsassistenten können das Gerät mitsamt Tragetasche abnehmen und mit dorthin nehmen, wo ihre Hilfe benötigt wird.

Der Rettungswagen von der Beifahrerseite: Klicken Sie auf die Markierungspunkte, um zu sehen, was wo verstaut ist! Die Punkte erscheinen, wenn Sie auf das Bild klicken. Für die optimale Darstellung mit dem Mobile halten Sie ihr Smartphone oder Tablet querformatig.

Mindestens genauso wichtig ist das darunter angebrachte EKG-Gerät, mit dem die Helfer nicht nur ein Elektrokardiogramm (EKG) schreiben, sondern auch den Sauerstoffgehalt im Blut, die Herzfrequenz und den Blutdruck des Patienten messen können. Die Daten können direkt an ein Krankenhaus gesendet werden, so dass sich die Ärzte dort schon ein erstes Bild vom Zustand des Patienten machen können, bevor dieser überhaupt eingetroffen ist. Nicht zuletzt dient dieses Gerät, dessen drei Bestandteile über Bluetooth miteinander verbunden sind, auch als Defibrillator, es kann also durch gezielte Stromstöße Herzrhythmusstörungen beenden.

Im Innenraum des Rettungswagens lagern in einer Vielzahl von Schubladen und Schränken Desinfektions- und Verbandmaterial, Papiertücher, Einmalhandschuhe, Brechbeutel und sogar ein kleiner Teddybär, der kleinen Patienten Trost spenden soll. In einem Fach werden Notfallmedikamente alphabetisch sortiert aufbewahrt, in einem anderen befinden sich Replantatbeutel in verschiedenen Größen, in denen abgetrennte Gliedmaßen gekühlt aufbewahrt werden können, damit Ärzte sie später (hoffentlich) wieder „annähen“ können.

Akkuschrauber und Kühlschrank

Ein kleiner Akkuschrauber gehört ebenfalls zur Ausstattung. Damit können die Sanitäter Menschen, bei denen es unmöglich ist, einen venösen Zugang zu legen, eine Injektionsnadel in den Schienbeinkopf schrauben. „Der menschliche Knochen ist immer noch durchblutet, auch wenn ein Patient schon sehr viel Blut verloren hat“, erklärte Rettungssanitäter Öner Günes.

Der Rettungswagen von der Fahrerseite: Klicken Sie auf die Markierungspunkte, um zu sehen, was wo zu finden ist! Die Punkte erscheinen, wenn Sie auf das Bild klicken. Für die optimale Darstellung mit dem Mobile halten Sie ihr Smartphone oder Tablet querformatig.

Auch für spezielle Notfälle ist der Rettungswagen ausgerüstet. Beispielsweise können die Rettungsassistenten auch Säureverletzungen versorgen. Sogar Infektionsschutzanzüge werden mitgeführt für den Fall, dass einmal Patienten mit ansteckenden Krankheiten transportiert werden müssen.

Zur Aufbewahrung von wärmeempfindlichen Medikamenten steht ein kleiner Kühlschrank zur Verfügung. Allerdings gibt es auch ein Wärmefach, in dem Infusionen auf Körpertemperatur gebracht werden können, bevor sie den Patienten verabreicht werden.

In der Mitte des Patientenraums findet die Krankentrage Platz, die so konstruiert ist, dass einerseits Patienten bequem und sicher darauf liegen können, andererseits aber auch die Rettungskräfte kraft- und rückenschonend damit arbeiten können. Die fahrbare Trage verfügt sogar über ein Kinderrückhaltesystem, so dass darauf auch kleine Patienten sicher transportiert werden können.

Über der Trage befindet sich im Wagen eine helle Beleuchtungseinheit, damit eventuell ein mitfahrender Arzt Verletzungen seines Patienten gut erkennen und behandeln kann. Alternativ kann auch auf die sogenannte Trauma-Beleuchtung umgestellt werden, eine spezielle blaue Innenbeleuchtung, die die psychische Belastung Schwerverletzter reduzieren soll.

Der Rettungswagen von hinten gesehen: Ein Klick auf die Markierungspunkte zeigt, was alles an Bord ist. Die Punkte erscheinen, wenn Sie auf das Bild klicken. Für die optimale Darstellung mit dem Mobile halten Sie ihr Smartphone oder Tablet querformatig.

Einige wichtige Rettungsgeräte sind auch oder nur von außen zugänglich. Auf der Fahrerseite kann eine kleine Tür geöffnet werden, so dass dann das EKG-Gerät und eine Absaugpumpe für Flüssigkeiten auch von außen erreicht werden können. Hinten links gibt es noch ein Fach, in dem neben einem Feuerlöscher auch diverse Werkzeuge wie Bolzenschneider und Brecheisen, Feuerwehrbeil und Klappspaten untergebracht sind. Schließlich müssen sich die Retter mitunter ihren Weg erst bahnen, bevor sie helfen können. Zwei Sauerstoffflaschen haben genug Inhalt, um einen Verletzten über mehrere Stunden künstlich beatmen zu können.

Auf der Beifahrerseite verfügt der RTW über zwei Fächer: Im vorderen sind Notfalltaschen mit verschiedenen Medikamenten, Spritzen und Messgeräten für Erwachsene und für Kinder, eine Traumatasche für den Einsatz nach Verkehrsunfällen oder Stürzen aus großen Höhen, und eine Sauerstofftasche verstaut.

Steter Wettlauf mit dem Tod

Das KED-System, das eingesetzt wird, um traumatisierte Patienten auf engem Raum immobilisieren zu können, wird im hinteren Fach aufbewahrt. Wo mehr Platz zur Verfügung steht, können die Rettungskräfte dafür auch die ebenfalls dort befindliche Schaufeltrage oder die Vakuummatratze oder auch das Spineboard einsetzen, das diese beiden Geräte in sich vereint. Darüber hinaus ist dort der Evakuierungsstuhl verstaut, mit dem Patienten sitzend sogar über eine Treppe transportiert werden können.

Täglich müssen die Rettungsassistenten überprüfen, ob auch wirklich alles an Bord ist, was sie für den nächsten, möglicherweise lebensrettenden Einsatz benötigen. Einmal im Monat müssen sämtliche Medikamente und auch das Verbrauchsmaterial auf Stückzahl, Haltbarkeit und mögliche Beschädigungen der Verpackung überprüft werden.

Auch die medizintechnischen Geräte werden regelmäßig auf ihre Funktionalität getestet. So soll gewährleistet sein, dass der Rettungswagen an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr uneingeschränkt einsatzfähig ist. Denn wenn Günes und Dieckmann oder die anderen 26 Kollegen von der Rettungswache Werdohl losfahren, beginnt nicht selten ein Wettlauf mit dem Tod. Ob die Rettungsassistenten ihn gewinnen, hängt auch davon ab, ob sie zuvor gewissenhaft alles überprüft haben.

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