Warn-App Nina: "Drei Stunden können vergehen"

+
Am 3. November brannte das galvanische Werk von Gerhardi in Dresel.

Werdohl - Warn-App Nina funktioniert nicht zuverlässig, so sieht es zumindest die Freie Wählergemeinschaft Kierspe. Als Aufhänger nimmt die FWG den Großbrand am 3. November im galvanischen Werk von Gerhardi in Dresel.

Mitarbeiter und Brandmeldeanlagen hatten gegen 7 Uhr Alarm ausgelöst, die Warn-App laut FWG dagegen erst um 13.40 Uhr und bei einigen Usern überhaupt nicht. 

Kai Tebrün, Leiter der Werdohler Feuerwehr und einer der Einsatzleiter beim Gerhardi-Brand, erklärt im Gespräch mit SV-Redakteur Markus Wilczek, wie der Großeinsatz mit mehr als 250 Kräften ablief. 

Herr Tebrün, was waren die ersten Schritte nach der Alarmierung am Morgen? 

Kai Tebrün: Wir sind sofort mit allen verfügbaren Kräften ausgerückt. Nachdem wir uns vor Ort einen Überblick über die Lage verschafft hatten, wurde der Messzug des Märkischen Kreises alarmiert, um festzustellen, ob beim Brand Giftstoffe freigesetzt werden. Über die Kreisleitstelle haben wir die Bevölkerung durch Radio und Internet warnen lassen, Fenster und Türen geschlossen zu halten. 

Wie setzt sich dieser Messzug zusammen? 

Tebrün: Feuerwehren aus mehreren Städten im Märkischen Kreis, beispielsweise Plettenberg, Herscheid, Halver und Neuenrade, stellen jeweils ein Fahrzeug, das über die entsprechende Technik verfügt, mögliche Giftstoffe in einer Rauchwolke messen zu können. Auch die Stadt Werdohl verfügt über ein solches Fahrzeug, das beim Löschzug Eveking stationiert ist und beispielsweise beim Brand des Automobilzulieferers Dura in Plettenberg Mitte September im Einsatz war. 

Feuerwehrchef Kai Tebrün (rechts) im Gespräch mit Michael Grabs und Bodo Schmidt (von links) von der Stadt Werdohl.

Wie sieht der Einsatz des Messzugs aus? 

Tebrün: Das Team des Fahrzeugs, das als erstes vor Ort ist, übernimmt die Messleitung. Anschließend erfolgt zwar eine Absprache mit der Einsatzleitung, ansonsten arbeitet der Messzug relativ autark. Denn es werden nach genau festgelegten Kriterien wie Windrichtung und Topografie Luftmessungen an verschiedenen Punkten durchgeführt und protokolliert. Deshalb wurde beim Gerhardi-Brand nicht nur die Luft vor Ort, sondern auch in den umliegenden Höhenzügen analysiert. So ist beispielsweise ein Fahrzeug nach Neuenrade gefahren. 

Was passiert mit den Messergebnissen? 

Tebrün: Diese werden an die Einsatzleitung übermittelt, die im Gefahrenfall die Kreisleitstelle informiert. Von dort aus kann die Bevölkerung über die Warn-App Nina informiert werden. 

Firma Gerhardi in Dresel brennt

Wieso kam die Information über die App erst in den Mittagsstunden? 

Tebrün: Der Messzug muss zunächst alarmiert werden und sich dann an der Einsatzstelle treffen. Von dort aus werden die umliegenden Ortschaften angefahren. Rechnet man diese Fahrtzeit und die Zeit, die benötigt wird, um die Luftproben zu nehmen und zu analysieren, zusammen, können durchaus zwei bis drei Stunden zusammenkommen. Sobald die Messergebnisse vorlagen, haben wir die Daten an die Kreisleitstelle übermittelt. 

Mittlerweile ist der Einsatz zwei Wochen her, ist die Aufarbeitung bei der Feuerwehr Werdohl abgeschlossen? 

Tebrün: Nein. Denn bei diesem Großeinsatz können wir wirklich schon von einer Materialschlacht sprechen. Sind wir wie jetzt in Dresel über einen ganzen Tag im Einsatz, dauert die Aufarbeitung Wochen, manchmal sogar Monate. Kleidung, Chemikalienschutzanzüge, Atemschutzgeräte und alle benötigten Geräte müssen gereinigt und anschließend auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft werden. Viele Schläuche beispielsweise können wir nicht mehr benutzen und müssen nachbestellt werden. Das ist ein riesiger Aufwand. 

Können Sie die Kosten schon beziffern? 

Tebrün: Das ist zum gegenwertigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Bei einem vergleichbaren Einsatz ziemlich genau vor einem Jahr, als auch in Dresel die Entlackungsfirma Ab-Ek gebrannt hat und 210 Kräfte im Einsatz waren, lagen die Kosten im fünfstelligen Bereich. Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um Reinigung und Material, sondern auch um Lohnersatzforderungen der Firmen, bei denen unsere freiwilligen Kräfte beschäftigt sind.

Mehr zu diesem Thema lesen Sie hier

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare