„Wir tragen die Verantwortung mit“

Mit Hilfe zahlreicher Literatur fand Barbara Schmidt heraus, dass auch Werdohler in Auschwitz gestorben sind. - Foto: Peuckert

WERDOHL -  Mit nachdenklichem Blick sitzt Barbara Schmidt in einem Sessel in ihrem Wohnzimmer. In der Hand hält sie einen Zettel. „Auch Werdohler gehören zu den Holocaust-Opfern in Konzentrationslagern“ steht darauf geschrieben. Seit drei Jahren arbeitet Schmidt daran, dass auch in Werdohl der Menschen, die in Auschwitz gestorben sind, gedacht wird.

Von Jana Peuckert

Der 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag. Er ist als Jahrestag bezogen auf den 27. Januar 1945, den Tag der Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs. Ginge es nach Barbara Schmidt, sollte dieser Tag auch in Werdohl eine Rolle spielen: „Mein Traum ist, dass am 27. Januar in Werdohl eine Gedenkveranstaltung stattfindet. Vielleicht in Form eines Gottesdienstes oder einer Feierstunde im Rathaus.“

Sie habe das Gefühl, dass in Werdohl gern über das Thema geschwiegen werde. Und so habe sie vor drei Jahren beschlossen, sich intensiver mit der schrecklichen Vergangenheit zu beschäftigen. Es folgten unzählige Telefonate und Besuche in Archiven. „Wir Deutschen können doch nicht die Augen verschließen und sagen, es waren die anderen. Wenn man irgendwo lebt, trägt man auch die Verantwortung mit“, sagt Schmidt.

Im Laufe ihrer Recherche habe sie herausgefunden, dass auch Werdohler in Auschwitz umgekommen sind. Zu ihnen gehörte laut Schmidt Pauline Lennhoff, die 1883 in Werdohl geboren und am 29. Januar 1943 in Auschwitz gestorben ist. Der in Russland geborene Yoel Glass wurde als Zwangsarbeiter nach Werdohl geholt. Später wurde der Mann aufgrund seiner jüdischen Abstammung in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wo er am 12. Februar 1940 starb. Wilhelm Guido Schlesinger wurde 1883 in London geboren und lebte viele Jahre in Werdohl. Von Dortmund aus wurde er am 29. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er starb am 23. Januar 1943 im Konzentrationslager Auschwitz, berichtet Schmidt.

Zur jüdischen Familie Schlesinger habe sie eine besondere Beziehung. So habe sie einige Familienmitglieder während ihrer Kindheit kennengelernt. In ihrer eigenen Familie sei viel von den Schlesingers gesprochen worden. Auch Paul Schlesinger, der Bruder von Wilhelm Guido Schlesinger, sei Opfer des Nationalsozialismus geworden. Er wurde 1874 in New York geboren, hat einige Lebensjahre in Werdohl verbracht, bevor er dann am 29. Oktober 1940 in einem jüdischen Krankenhaus in Köln verstarb, erzählt Schmidt. Zuvor hätten sich Werdohler Ärzte geweigert, den Mann zu behandeln.

„Für die Stadt Werdohl und seine Bürger sollte es wichtig sein, die Menschen, denen so großes Unrecht angetan wurde, in Erinnerung zu behalten und sie durch unser Bedauern und die Bitte um Vergebung zu ehren“, sagt Schmidt.

Sie selbst habe angefangen, sich bei Menschen zu entschuldigen. Dabei sei es ihr wichtig, Angehörige verschiedener Nationen anzusprechen. Allen voran entschuldigte sie sich bei der Familie Schlesinger. „Dafür, dass wir sie nicht versteckt haben und nicht protestiert haben, als sie deportiert wurden“, sagt Schmidt.

Und so habe sie Kontakt zu Friedrich Schlesinger, Sohn von Paul Schlesinger, aufgenommen. „Er war 97 Jahre alt und lebte in Hamburg“, erinnert sich Schmidt. Sie habe ihm einen Brief geschrieben, in dem sie sich entschuldigte. „Drei Wochen später ist er gestorben“, erzählt Schmidt, ihre Augen werden feucht. Auf der Beerdigung habe sie mit den Söhnen Friedrichs gesprochen. Es folgten eine Entschuldigung gegenüber niederländischen Chormitgliedern, Briefe an einen Mann aus Israel sowie Geldspenden und Briefe an russische Familien. „Wenn solche schlimmen Sachen passieren, geht es gar nicht ohne Entschuldigung“, sagt Schmidt. Derzeit versuche sie Adressen in Frankreich und Belgien zu bekommen, um auch den Menschen dort Briefe schreiben zu können.

Im Leben von Barbara Schmidt spielt der Glaube an Gott eine große Rolle. Und so habe sie sich am 27. Januar 2012 mit einer Betergruppe auf dem Schützenplatz in Werdohl getroffen, um der Opfer zu gedenken. „Zeitgleich hat meine Tante in Amerika gemeinsam mit einem Pfarrer gebetet. Das war sehr ergreifend. Sie schrieb gerade ihre Lebensgeschichte auf, in der auch die NS-Zeit eine Rolle spielte“, erklärt Schmidt. Sie hofft sehr, dass es in Werdohl zukünftig – ähnlich wie in Plettenberg – eine Gedenkveranstaltung am 27. Januar gibt.

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