Der Werdohler Wald leidet

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Kevin Hauser markiert eine Fichte, die von Borkenkäfern befallen ist. Da die Bäume wenig Harz bilden, ist es in diesem Jahr besonders schwer, den Schädlingsbefall zu erkennen.

Werdohl - „Der Borkenkäfer wird sicher größere Schäden anrichten als im vergangenen Jahr. Aber das größte Problem für die Fichten ist die Trockenheit“, sagt Kevin Hauser. Deshalb rät der Leiter des Forstbetriebsbezirks Werdohl den heimischen Waldbauern langfristig dazu, ihre Wälder an den Klimawandel anzupassen.

Sturm, Dürre, Hitze und Borkenkäfer – vor allem die Fichtenbestände mussten und müssen in diesem Jahr leiden. Und sie dominieren nach wie vor im heimischen Forst. Hauser, der sich um circa 2200 Hektar Werdohler Wald kümmert, spricht von einem 60-prozentigen Nadelholz- und einem 40-prozentiger Laubholzanteil. Beim Sturm Friederike im Januar seien die Werdohler noch glimpflich davon gekommen, erklärt der Experte: „Circa 3000 Festmeter sind damals gefallen.“ Allerdings hätten die Freiflächen, die Friederike geschaffen hatte, es den angrenzenden überlebenden Bäumen nicht leichter gemacht: Wind und Sonne haben gerade dort größere Angriffsflächen. 

Der bislang wärmste Sommer 

Darauf folgte der wärmste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen und – so stellt der Landesbetrieb Wald und Holz NRW fest – ein um 40 Prozent geringerer Niederschlag als im langjährigen Mittel. 

Und so verwundert es nicht, dass Hauser direkt oberhalb einer Freifläche eine ganze Fichtengruppe entdeckt hat, die die extremen Sommermonate nicht überlebt hat. Er ist sicher: „Das ist ein Trockenschaden.“ 

Die Fichte bildet auf geeigneten Böden (Lockerböden) ein Senkerwurzelsystem, was von flachstreichenden Hauptwurzeln ausgeht. Auf Stauwasserböden bildet sie beispielsweise diese „Tellerwurzel“ aus. Dies ist eine Anpassung der Wurzel an die schlechte Durchlüftung. Die Eiche wurzelt aber beispielsweise mit ihrer Pfahlwurzel tiefer und kann zusätzlich die Trockenheit deutlich besser ertragen. Die Fichte passt am besten auf gut wasserversorgte Standorte mit lockeren und tiefgründigen Böden. An Süd- oder West-Hängen habe es dieser Baum beispielsweise oft schwer. 

„Wenn der Boden noch steinig ist, also eine geringe Wasserspeicher-Kapazität hat, gehört die Fichte dort eigentlich nicht hin“, stellt Hauser fest. Dagegen hätten sogar Jungkulturen, die an Werdohler Nordhängen mit einer guten Wasserversorgung gepflanzt wurden, die vergangenen Monate augenscheinlich relativ gut überstanden. 

Zu früh, um Bilanz zu ziehen 

Dennoch sei es jetzt noch viel zu früh, um eine Schadensbilanz zu ziehen. Denn die durch Hitze und Dürre gestressten Fichten müssen noch den Borkenkäfer überstehen. Kevin Hauser ist regelmäßig im Wald unterwegs, um die Bestände zu kontrollieren. 

Fichten sondern kaum Harz ab 

Doch ausgerechnet in diesem Jahr ist es besonders schwierig, befallene Bäume zu entdecken: Normalerweise sondern die Fichten sofort Harz ab, um die Borkenkäfer abzuwehren. Doch weil zu wenig Wasser zur Verfügung steht, kann die Pflanze nur wenig Harz bilden. Der Schutzmechanismus funktioniert nicht richtig und Hauser muss genau hinschauen. Hat er einen Käferbefall festgestellt, markiert er den betroffenen Baum, damit er gefällt werden kann. 

In der Rinde dieser Fichte sind Borkenkäfer-Fraßspuren zu erkennen. An manchen Stellen entdeckt der Revierförster auch Holzmehl, das die Käfer hinterlassen, wenn sie sich in den Baum hineinfressen.

Erstmals seit er als Leiter des Forstbetriebsbezirk Werdohl im Einsatz ist, erlebe er in diesem Jahr, dass bereits gefällte Bäume mit einem Insektizid behandelt werden, um die weitere Vermehrung der Käfer zu stoppen. „Der Einsatz von Insektiziden ist das letzte Mittel. Idealerweise gehören die Bäume sofort ins Sägewerk“, unterstreicht er. Doch diese seien voll ausgelastet – und unter anderem noch mit den Bäumen beschäftigt, die Friederike auf dem Gewissen hat. 

Waldbesitzer müssen umdenken 

Die aktuelle Situation zeigt nach Ansicht des Experten, dass die Waldbesitzer langfristig umdenken müssen – und nicht mehr ausschließlich auf die Fichte setzen sollten. „Die Eiche verträgt Hitze und Trockenheit besser. Beim Nadelholz sind Lärche, Douglasie, Tanne und Kiefer mögliche Alternativen.“, stellt er fest. 

Kevin Hauser unterstreicht: „Allerdings muss man sich den jeweiligen Standort immer genau anschauen, um dann entscheiden zu können, welche Baumart an dieser Stelle besonders geeignet ist. Sowohl die Ausrichtung des jeweiligen Waldstücks als auch die Nährstoffverhältnisse im Boden spielen da unter anderem eine Rolle.“ 

Generell könne man aber feststellen, dass es zukünftig sinnvoll sei, bei Neuanpflanzungen auf große, zusammenhängende Fichtenbestände in den Wäldern zu verzichten. „Kleine Bestände und Mischwald sind weit weniger vom Sturm bedroht und auch der Borkenkäfer kann sich darin nicht so leicht ausbreiten“, erklärt Kevin Hauser.

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