Werdohler Türken sagen ihre Meinung zu Erdogan

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Gökhan Özsoy und seine Mitarbeiter bei MC-Döner finden, dass die ausländischen Medien zu einseitig berichten. Die Situation in der Türkei werde übertrieben dargestellt.

WERDOHL - Bilder von den Unruhen in der Türkei dominieren zur Zeit die Titelseiten der Zeitungen. Rauchwolken und Menschen mit wütenden Gesichtern flimmern in den Nachrichtensendungen über die Mattscheibe. Polizisten, die Demonstranten von den Straßen zerren, sind zu sehen. Für den Süderländer Volksfreund schildern türkischstämmige Werdohler, wie sie die Situation in ihrem Heimatland sehen.

Ali Akdeniz, Ratsmitglied für die SPD und Vorsitzender des Türkischen Elternvereins hofft, dass bald Ruhe einkehrt: „Ich verfolge das wie jeder andere auch mit Entsetzen, dass so brutal gegen die Demonstranten vorgegangen wird“, sagt er. „Es zeigt sich jetzt, dass es nicht nur um den Park geht, sondern um Erdogans Haltung zur Demokratie und seinen Regierungsstil. Er denkt, weil ihn damals 50 Prozent der Bürger gewählt haben, könne er nun alles allein entscheiden, ohne die Opposition zu fragen.“

Die türkischen Medien seien gespalten, sagt er: Ein Sender berichte zum Beispiel von 22 Verhaftungen und der andere von 400. Erdogans Argument, dass die Menschen die Moscheen mit Schuhen betreten und entehren werde damit erklärt, dass die Menschen vor der Gewalt in die Moscheen flüchten mussten und gar keine Zeit hatten, ihre Schuhe auszuziehen. „Ich werde nun trotzdem meinen Urlaub in der Türkei verbringen – das ist schließlich unser Heimatland“, sagt er abschließend.

Ahmet Tasdemir, Mietbetreuer bei der Werdohler Wohnungsgesellschaft, sieht das Verhalten der Polizei in der Türkei kritisch: „Gegen die Demonstranten wird sehr radikal vorgegangen – das hätte man sanfter lösen können“, sagt er. Erdogans Aussagen, mit denen er seine Anhänger gegen seine Gegner aufhetze, würden die Sache nur weiter zuspitzen. „Man muss bedenken, dass die Türkei nicht nur aus den 50 Prozent der Bevölkerung besteht, die Erdogan gewählt haben, sondern auch aus den restlichen 50 Prozent, die ihre eigenen Vorstellungen haben und ihre Meinung durchsetzen wollen – das sollte akzeptiert werden.“ Eine Lösung, vermutet Tasdemir, könnte eventuell ein Volksentscheid bringen.

„Die Situation in der Türkei erschüttert mich sehr und es macht mich gleichzeitig unglaublich traurig“, sagt auch Gülcan Kiraz vom türkischen Frauenverein. „In den Reden hört es sich nach einer Spaltung der Türkei an. Erdogan ist ein Machtmensch und die Menschen sehen ihn als Diktator.“ Hier zeige sich, dass Demokratie nicht nur aus Wahlen, sondern auch aus verschiedenen Meinungen und dem Zulassen von Protesten besteht. „Allerdings sollten Proteste gewaltfrei ausgeübt werden können“, betont sie. Kiraz glaubt, dass Erdogan trotz der Unruhen bei Neuwahlen wieder gewählt würde.

Gökhan Özsoy betreibt den Imbiss MC-Döner an der Freiheitstraße. Er und seine Mitarbeiter glauben, dass die Lage in der Türkei missverstanden wird. „Die deutschen Medien übertreiben und zeigen nur die schlechten Nachrichten“, finden sie. „Es scheint so, als habe es die ganze Welt auf die Türkei abgesehen. Deutschland und die Türkei standen immer gut zueinander, deswegen tut es uns weh, dass jetzt so viel Schlechtes berichtet wird“, sagen sie. Es sei sicherlich nicht immer richtig, wie sich die Polizei verhalte, aber es seien schließlich die Demonstranten, die Autos anzünden und Geschäfte verwüsten. „Man darf nicht vergessen, dass Erdogan mit 50 Prozent der Stimmen gewählt wurde – die, die gerade rebellieren sind nur ein kleiner Teil.“ Besonders traurig finden sie, dass wegen der Unruhen schöne Veranstaltungen in der Türkei von den Medien ignoriert würden: „In den letzten drei Wochen waren Studenten aus der ganzen Welt in der Türkei zu Gast, um an der Kultur-Olympiade teilzunehmen – darüber haben die deutschen Zeitungen nicht berichtetet. Sie zeigen nur die Unruhen, “ so die beiden Männer.

Cemil Sabahat, Inhaber des Reisebüros am Eggenpfad, ärgert vor allem, dass über die Unruhen in der Türkei so groß berichtete werde, über Demonstrationen in Deutschland und anderen Ländern aber kaum. „Ich bin unpolitisch und kein Erdogan-Fan – ich habe noch nie gewählt“, stellt er klar. „Trotzdem glaube ich, dass die Türkei in den letzten zehn Jahren durch Erdogan zu stark geworden ist, sodass die anderen Weltmächte – und auch Deutschland – nun auf die Unruhen zielen, um es wieder klein zu machen.“ Er ist davon überzeugt, dass die friedlichen Demonstranten nur eine Minderheit bilden und zwischen die Fronten geraten. Die meisten wollten einfach nur randalieren, sodass den Polizisten keine Chance bleibe, sich anders als mit Tränengas und Wasserwerfern zu wehren. „In meinen Augen sind das Chaoten“, sagt er. „Meinungsfreiheit ist in der Türkei kein Problem. Außerdem haben die Demonstranten bereits ihr Ziel, einen Baustopp am Gezi-Park, erreicht. Erdogan hat ihnen auch einen Volksentscheid angeboten. Dass sie trotzdem weiter demonstrieren zeigt, dass die Diskussion um den Park nur ein Vorwand war, um auf die Straßen zu gehen.“

Von Laila Weiland

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