Schulen nehmen Druck vor der Zeugnisausgabe

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Mandy David ist als Schulsozialarbeiterin an den vier Werdohler Grundschulen tätig.

Werdohl - Der Deutsche Kinderschutzbund befasst sich mit dem Thema „Zeugnisangst“, der Verein Nummer gegen Kummer bietet Hilfe an, und die Bezirksregierung Arnsberg richtet ein Zeugnistelefon ein: Einige Kinder und Jugendliche wären froh, wenn sie den 2. Februar, den Tag der nächsten Zeugnisausgabe, aus dem Kalender streichen könnten. Die Redaktion hat nachgefragt, wie die Werdohler Schulleiter und Schulsozialarbeiterin Mandy David die Situation bewerten.

Mandy David ist an allen Grundschulen im Stadtgebiet aktiv. Sie sei noch nicht von Kindern angesprochen worden, die Angst davor haben, schlecht benotet zu werden. „Allerdings ist der Leistungsdruck insgesamt gewachsen. Die Kinder müssen viel mehr lernen als noch vor einigen Jahren“, stellt die 29-Jährige fest.

Zudem sei Nachhilfeunterricht auch an den Grundschulen schon sehr gefragt, hat Mandy David festgestellt. „Zeugnisangst erlebe ich eigentlich nicht“, erklärt auch Britta Schwarze, die Leiterin der Städtischen evangelischen Martin-Luther-Grundschule. Die Kinder würden bereits im Vorfeld auf ihre Noten vorbereitet. „Wir erklären ihnen, wie eine Note entsteht, und was sie tun können, um ihre Noten zu verbessern.“ Das habe sich bewährt.

„Allerdings wird es schwieriger, wenn die häuslichen Erwartungen besonders hoch sind“, stellt Schwarze fest. „Wenn es um die Halbjahreszeugnisse geht, ist Zeugnisangst kein Thema. Am Ende des Schuljahrs sieht das manchmal etwas anders aus“, berichtet Christel Kringe, Leiterin der katholischen Grundschule St. Michael.

Doch eine wirklich böse Überraschung könne kein Grundschüler erleben. „Wenn Kinder in einem Fach nur schwach ausreichende Leistungen zeigen, sprechen wir den Eltern eine Förderempfehlung aus.“ Dann gelte es, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, um die Note zu verbessern.

„Wir kontrollieren nach circa zwei Monaten, was sich getan hat“, erklärt Kringe. Auch an den Standorten der Gemeinschaftsgrundschule auf der Königsburg und in Kleinhammer wissen Kinder und Eltern lange bevor es Zeugnisse gibt, wie es um die Leistungen der Schüler steht. „Deshalb gibt es auch keine richtige Zeugnisangst“, sagt Schulleiterin Sybille Böddecker und berichtet: „Manchmal gibt es ein paar Tränchen, wenn es mal nicht so gut geklappt hat. Dann trösten wir die Kinder und machen ihnen Mut für den nächsten Test.“

An der Albert-Einstein-Gesamtschule (AEG) sei die Angst vor dem Zeugnis kein großes Thema, unterstreicht Schulleiter Reinhard Schulte: „Der große Vorteil der Gesamtschule ist ja, dass die Schülerinnen und Schüler zumindest bis zur neunten Klasse nicht sitzen bleiben können.“ Deshalb sei der Druck auch bei weitem nicht so hoch, wie an anderen weiterführenden Schulen.

In der Gesamtschule können Kinder bis zur 9. Klasse nicht sitzen bleiben

„Ich könnte mir vorstellen, dass es sogar im vierten Schuljahr an den Grundschulen schlimmer ist, denn dort geht es dann ja um die Empfehlung zum Besuch der gymnasialen Oberstufe“, stellt Schulte fest. Ein schlechtes Zeugnis sei zwar keine schöne Sache, „aber es ist für den einzelnen längst nicht so katastrophal, wie an anderen Schulen, wo Schüler unter Umständen ihre Klassengemeinschaft verlassen müssen.“

In der achten Klasse komme es dann manchmal dazu, dass Lehrer einzelnen Schülern und deren Eltern zur Wiederholung des Schuljahres raten. „Allerdings hat sich das Verhalten der Eltern in den vergangenen Jahren, bezogen auf diese Situation, verändert“, berichtet der Schulleiter.

Die Wiederholungs-Empfehlung werde oftmals ignoriert, das Motto laute dann: „Wir versuchen es einfach mal.“ Wenn dann in der zehnten Klasse die Frage nach der Qualifikation für die Oberstufe im Mittelpunkt stehe, erwache bei vielen Schülern der Ehrgeiz. „Dann entsteht eher positiver Stress“, ist Reinhard Schulte überzeugt: „Viele orientieren sich zu diesem Zeitpunkt an Mitschülern, die die Qualifikation erreichen.“

Sollten Schüler sich dennoch sorgen, weil sie eine schlechte Zensur befürchten, stünden den Jugendlichen an der AEG gleich mehrere Ansprechpartner zur Verfügung. „Wir haben ein sehr gut ausgebautes Klassenlehrer-System“, erklärt Schulte. Darüber hinaus könnten sich die Jugendlichen bei Bedarf an Beratungslehrer, den Schulsozialarbeiter und natürlich auch an den Schulleiter wenden: „In Konfliktsituationen trete ich gerne als Vermittler auf.“

Gute Selbsteinschätzung an der Realschule lernen

Realschul-Leiter Sascha Koch ist der Überzeugung, dass nur einzelne seiner Schüler von Zeugnis-Angst betroffen sind: „Die Schüler lernen an der Realschule auch, sich selbst einzuschätzen. Wer das kann, der weiß, was ihn erwartet.“ Zudem lege das Kollegium der Realschule großen Wert auf ein hohes Maß an Transparenz – auch den Eltern gegenüber. So seien diese in der Regel über den Leistungsstand ihrer Kinder informiert. „Bei einem direkten Draht zu den Eltern erübrigt sich Zeugnisangst für die Jugendlichen“, glaubt Koch.

Zudem hätten die Schüler viele Möglichkeiten, über ihre Sorgen zu sprechen. „Der erste Ansprechpartner ist immer der Klassenlehrer. Wenn die Chemie dort mal nicht stimmt, dann können sich die Schüler an die Beratungslehrerin oder an jeden anderen Lehrer wenden“, erklärt der Realschul-Rektor.

Der Druck, unter dem die Jugendlichen stehen, werde allerdings größer, wenn es auf den Abschluss zugeht. Koch ist aber der Ansicht, dass das nicht in erster Linie mit den Noten zusammenhängt: „Da stehen den Schülern ganz große Veränderungen bevor. Sie müssen diese Schule, an der sie sich sechs Jahre zuhause gefühlt haben, demnächst verlassen. Das belastet sie in der Regel weitaus mehr als der Notendruck.“

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