So hat der Rat in der Werdohler Schuldebatte entschieden

+
Volles Haus bei der Sitzung des Rates: Viele Eltern, Lehrer und Schüler verfolgten am Montagabend stehend die Abstimmung über die Zukunft der Werdohler Schullandschaft.

Werdohl - Die Würfel sind gefallen: Die Realschule wird geschlossen, die Albert-Einstein-Gesamtschule weitergeführt. Diese Entscheidung hat der Rat in seiner Sitzung am Montagabend getroffen. Die Mehrheit war deutlich. Die Realschulleiterin nutzte die Sitzung zu einer Abrechnung mit der Stadtverwaltung.

In seiner 39. Sitzung dieser Legislaturperiode hat der Werdohler Rat am Montagabend eine schwierige und für die Stadt weitreichende Entscheidung getroffen. Die Städtische Realschule soll ab dem Schuljahr 2020/21 auslaufen und zum Ende des Schuljahres 2024/25 geschlossen werden. Damit setzt die Politik ganz auf die Albert-Einstein-Gesamtschule, die seit Jahren unter Schülermangel leidet und durch diese Entscheidung gestärkt werden soll.

So schwer sich die Politiker mit dieser Entscheidung getan hatten, so deutlich fiel letztlich das Abstimmungsergebnis aus. 21 Ratsmitglieder stimmten dafür, nur neun dagegen. Die Befürworter kamen vor allem aus den Reihen der SPD und der FDP, aber auch von CDU und WBG. Mehrheitlich hatte sich die WBG allerdings für den Fortbestand der Realschule ausgesprochen, auch die CDU hatte noch fünf Stimmen zu den Realschul-Befürwortern beigetragen.

"Schule für Werdohler Bedürfnisse"

WBG-Fraktionschef Volker Oßenberg warb unverdrossen für den Erhalt der Realschule. Am Köstersberg könne eine Schule gestaltet werden, die auf die Werdohler Bedürfnisse zugeschnitten sei, „nur leider ohne Abitur“, sagte er. Diese Schule sei dem demografischen Wandel gewachsen und auch bei sinkenden Schülerzahlen krisensicher aufgestellt, versuchte Oßenberg, noch auf den „letzten Metern“ die Ratsentscheidung zu beeinflussen.

Ob die für die sichere Fortführung der Gesamtschule erforderlichen 100 Schüler in den Eingangsklassen erreicht werden, stellte der WBG-Fraktionschef infrage. Nach der Abstimmung gebe es keine Gewinner, weil Werdohl endgültig seine Bildungsvielfalt verliere. Denn die sei nicht an der Zahl der möglichen Schulabschlüsse zu messen.

"Versuch im Interesse der Vielfalt wagen"

Das sah Friedhelm Hermes (FDP) ganz anders: Die Vielfalt der Bildungsmöglichkeiten sei genau nach den vielen Arten der Qualifikation zu beurteilen, von denen die Gesamtschule eben die meisten biete. „Deswegen sollte dieser Versuch im Interesse der Vielfalt auch gewagt werden“, sprach er sich noch einmal für die Gesamtschule aus.

Wilhelm Jansen, Vorsitzender der SPD-Fraktion, die sich schon frühzeitig für die Gesamtschule positioniert hatte, betonte, die Entscheidung falle nicht gegen die Realschule, „sondern für eine Schulform, an der alle Bildungsabschlüsse bis zum Abitur möglich sind“. Werdohl erhalte ein zukunftssicheres Schulangebot mit allen Chancen für alle Schüler, war er von der Gesamtschule überzeugt.

"100 Fünftklässler sind möglich"

In den Worten von CDU-Fraktionschef Stefan Ohrmann klang die Zerrissenheit seiner Fraktion mit, in der eine knappe Mehrheit der Schließung der Realschule zugestimmt hatte. „Das ist ein trauriger Tag für Werdohl, denn wir verlieren eine von zwei klasse Schulen“, sagte er. Ohrmann nahm die Eltern in die Pflicht, denen nun die Entscheidung obliege, ihre Kinder an der einzigen weiterführenden Schule in Werdohl anzumelden. „100 Fünftklässler zu erreichen, ist sicherlich schwierig, aber möglich“, verbreitete er gedämpften Optimismus.

"Werdohl braucht das Abitur"

Auch Bürgermeisterin Silvia Voßloh positionierte sich vor der Abstimmung noch einmal. Für Werdohl sei es wichtig, ein breit gefächertes Bildungsangebot zu erhalten, das die Fähigkeiten aller Schüler berücksichtige. Und Werdohl brauche eine Schule, die alle Bildungsabschlüsse bis zum Abitur ermöglicht. „Die Gesamtschule und das Abitur in Werdohl müssen erhalten bleiben“, sagte Voßloh klipp und klar.

Schulleiterin rechnet ab

Christiane Langs-Blöink, in deren nur einjährige Amtszeit als Leiterin der Realschule der fulminante Höhepunkt der Werdohler Schuldebatte gefallen war, nutzte die Ratssitzung zu einer Generalabrechnung mit der Verwaltungsspitze. „Die Realschule ist von der Verwaltungsspitze häufig nicht gehört worden und auch ich persönlich bin angegangen worden“, sagte sie. Langs-Blöink sprach von einer "unangemessenen Art mich zu maßregeln“. Das ging in Richtung des Fachbereichsleiters Michael Grabs, der sie in der Schulausschusssitzung zurechtgewiesen hatte.

Zudem sei die Realschule im Laufe der Jahre baulich vernachlässigt worden, beklagte die Schulleiterin. An die Politik gewandt, empfahl sie für die Zukunft, „Schulen auch einmal von innen zu betrachten und nicht danach zu entscheiden, was man vom Hörensagen zu wisen glaubt“.

Bürgermeisterin antwortet nicht

Es klang Bitterkeit in ihren Worten, als sie die Zukunftschancen der AEG bewertete: „Ich prophezeihe Ihnen: In zwei Jahren machen Sie wegen sinkender Schülerzahlen die Rolle rückwärts.“ Potenzielle Realschüler könnten schließlich auch an andere Schulen als die AEG abwandern. Zum Schluss fand Langs-Blöink doch noch halbwegs versöhnliche Worte. „Ich wünsche dem Projekt Gesamtschule alles erdenklich Gute. Und das meine ich auch so!“

Silvia Voßloh antwortete auf die Vorwürfe der Schulleiterin nicht. „Das ist eine persönliche, einseitige Darstellung. Darauf werde ich jetzt nicht eingehen“, sagte die Verwaltungschefin nur.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare