Roma-Förderung in Werdohl

Schlechte Arbeit, kein Kindergartenplatz: Roma suchen in Werdohl ein neues Zuhause

Pardalean Moldovan und seine Partnerin Csilla Nagy leben mit ihren beiden Kindern Zoltan und Nicolas sowie Hündchen „Cuco“ in einer Zwei-Zimmer Wohnung direkt neben dem Bahnhofsgebäude. Vater Pardalean hat einen Minijob in Neuenrade, vor beiden liegt ein Stapel Briefe. Der beantragte Kindergartenplatz in St. Michael für den älteren Jungen ist abgelehnt. Trotzdem ist für sie in Werdohl alles besser als in Rumänien.
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Pardalean Moldovan und seine Partnerin Csilla Nagy leben mit ihren beiden Kindern Zoltan und Nicolas sowie Hündchen „Cuco“ in einer Zwei-Zimmer Wohnung direkt neben dem Bahnhofsgebäude. Vater Pardalean hat einen Minijob in Neuenrade, vor beiden liegt ein Stapel Briefe. Der beantragte Kindergartenplatz in St. Michael für den älteren Jungen ist abgelehnt. Trotzdem ist für sie in Werdohl alles besser als in Rumänien.

Mit fünf Millionen Euro fördert das Land NRW die Integration von Menschen aus Bulgarien und Rumänien, davon gehen 360 000 Euro für das „Europa-für-alle“-Projekt nach Werdohl. Aus Anlass des 50. Jahrestags der ersten Internationalen Roma-Konferenz berichten wir in einem zweiten Teil über das Werdohler Integrationsprojekt. Man weiß nur wenig über die Menschen, die auch wegen der Zigeuner-Vorurteile über sie zurückgezogen leben.

Werdohl - Pardalean Moldovon hat einen ganzen Stapel Briefe vor sich in der Zwei-Zimmer-Wohnung direkt am Werdohler Bahnhof. Weil der ungarisch sprechende Rumäne nur einen Minijob bei Alcar in Neuenrade hat, wird die Miete der Wohnung vom Jobcenter gezahlt. Verständnislos schaut er auf das Schreiben der Wohnungsgesellschaft Kensington. 100 Euro mehr soll die Wohnung auf einmal kosten, man habe sich im Mietvertrag irgendwie vertan. Das ist ein Fall für Alexandrina Martin, die rumänische Kulturmittlerin beim Werdohler Projekt „Europa für alle“.

Der 30-jährige Moldovan verließ 2018 Rumänien, weil er keine Arbeit finden konnte und für ihn das Leben in seinem Geburtsland unerträglich wurde. Bis er 18 war, lebte er in einem der berüchtigten rumänischen Kinderheime. Danach kümmerte sich der Staat gar nicht mehr um ihn – im Gegenteil. Seine Eltern kennt er nicht. Das ist ein großes Problem in einer Gesellschaft, die auf engste Familienstrukturen setzt. Ohne Unterstützung durch eine Familie kann man in Rumänien nicht leben.

Moldovan hat dazu ein Identitätsproblem. Er ist zwar in Rumänien geboren, spricht aber ungarisch. Er selbst sagt von sich und seiner Lebensgefährtin, dass sie „Zigeuner“ sind: „Tigani“. Mit dem Begriff „Roma“ kann er gar nichts anfangen. Er spricht auch kein Romanes. Er hat aber selbst erlebt, dass er als „Zigeuner“ in Rumänien verhasst war.

Also kam er als Erntehelfer für Gurken mit seinem Schwiegervater nach Süddeutschland. Er weiß noch nicht einmal mehr die Stadt, in der er dort ein paar Monate gelebt hatte. Die Eltern seiner Partnerin Csilla Nagy fanden eine Wohnung in Neuenrade. Pardalean Moldovan ist eigentlich Elektrotechniker, er bekam Arbeit für 35 Stunden im Monat beim Felgenbauer in Neuenrade. Das reichte irgendwie, um auch seine Frau und Sohn Nikolas nach Deutschland zu holen. Später wurde hier der kleine Zoltan geboren. Die Wohnung in Neuenrade wurde zu klein, so zog die Familie nach Werdohl.

Csilla Nagy hat für ihren Sohn Zoltan Csaba eine Ablehnung vom katholischen Kindergarten St. Michael bekommen. Es gibt keine freien Plätze.

Moldovan weiß, dass er in Deutschland keine Chance auf einen guten Job hat, wenn er nicht die Sprache lernt. Er ist für einen Integrationskurs angemeldet, der aber wegen Corona nicht stattfindet. Für den älteren Jungen suchen sie einen Kindergartenplatz, doch auch hier hatten sie kein Glück. Es gibt zu wenige Kitaplätze in Werdohl. Die Wartezeiten sind lang.

Wie kann man von 35 Stunden Arbeit eine Familie durchbringen? Alexandrina Martin erklärt es. Die 51-Jährige ist ebenfalls in Rumänien geboren und noch unter der Ceaucescu-Diktatur groß geworden. Sie sah aus persönlichen Gründen für sich in Rumänien keine Zukunft, bis sie vor sechs Jahren nach Plettenberg kam und sich von dort ein kleines neues Leben aufbaute. Die meisten Rumänen seien sparsam und kämen mit sehr wenig aus, sagt sie, auch aus eigener Erfahrung. Gekocht werde grundsätzlich selbst, alles andere kostet zuviel. Für ein paar Euro Lebensmittel könne eine Familie Tage essen. Alkohol getrunken wird nicht, auch das spart eine Menge Geld.

Aber ohne Sprachkenntnisse sind mehr als zehn Euro brutto Stundenlohn nicht drin. Auf die Unterstützung der in Neuenrade lebenden Familie seiner Partnerin sind sie deshalb angewiesen. Pardalean und Csilla wollen unbedingt in Deutschland bleiben. Eine Rückkehr nach Rumänien ist undenkbar.

Kulturmittlerin Martin weiß, dass man in Rumänien lernt, mit sehr wenig Geld auszukommen. Als Kind und Jugendliche haben sie und ihre Eltern unter den Kommunisten gehungert. Lebensmittel waren knapp. Dazu die immerwährende Angst, wegen irgendetwas verhaftet zu werden und spurlos zu verschwinden.

Alexandrina Martin hatte viel aus sich gemacht in Rumänien. Sie hat einen Masterabschluss in BWL und Management. Mit ihrem damaligen Mann führte sie ein landwirtschaftliches Unternehmen mit 50 Mitarbeitern. „Mehr als die Hälfte davon waren Roma“, erzählt sie heute.

Damals habe sie angefangen, die Roma verstehen zu lernen. Die Roma seien unter Diktator Ceaucescu wie Sklaven behandelt worden. Damals hieß es: „Sag niemandem, dass Du Zigeuner bist.“ Der neostalinistische Führer wollte die Zahl der Einwohner Rumäniens von gut 19 Millionen im Jahr 1966 bis zum Jahre 2000 auf 30 Millionen steigern. Das Ziel der Politik war eine Fünf-Kinder-Familie. Verhütungsmittel und schulische Aufklärung zu Verhütung waren bei Strafe verboten. Frauen, die eine Abtreibung vornahmen oder vornehmen ließen, wurden bis zu 25 Jahre ins Gefängnis gesteckt.

Als der Diktator 1989 gestürzt und hingerichtet wurde, blieb das Land noch Jahrzehnte danach von seiner Politik gezeichnet.

Wie auch Pardalean Moldovan lebten geschätzt 150 000 Kinder in überfüllten Heimen. Aufgrund der dort üblichen unmenschlichen Behandlung wurden sie auch als „Kinder-Gulags“ bezeichnet. Dazu gibt es bis heute eine große Zahl von Straßenkindern ohne Schulbildung und schlechten Zukunftschancen. Junge Leute wie Pardalean und Csilla kommen aus genau diesen Gründen nach Deutschland.

Alexandrina Martin und Margarita Encheva in ihrem Büro an der Neustadtstraße. Neben den Besuchen in den Familien haben die beiden viel „Papierkram“ zu erledigen.

Ohne Hilfe und Unterstützung wie die aus dem „Europa für alle“-Projekt können diese Menschen hier aber keinen Fuß fassen. Ihre Kenntnisse und ihr Verständnis der Verhältnisse hier sind nicht ausreichend. Ihre eigene Verfolgungsgeschichte als menschenunwürdige Zigeunerkinder in Rumänien hat sie so geprägt, dass sie mit Behörden lieber nichts zu tun haben wollen.

Alexandrina Martin von „Efa“ hat das Vertrauen dieser Familien. An „Alex“ wenden sich die Leute, wenn wieder Briefe gekommen sind, die sie nicht verstehen. Die Kulturmittlerinnen des Integrationsprojektes bringen Ordner mit, um die Tüten voller Papierkram der Familien zu ordnen. Ohne Bürokratie läuft in Deutschland nichts, auch das ist eine Erfahrung für die Rumänen.

„Nach Ende der Diktatur wurde es für die Roma noch schlimmer als für uns Rumänen“, erzählt Martin. „Zigeuner bedeutet in Rumänien: Arm, dreckig, ungebildet.“ Martin verwendet die Bezeichnung „Roma“: „Es leben mehr als die zwei Millionen gemeldeten Roma in Rumänien. Roma sind dort nicht akzeptiert.“ Die rumänischen Familien, die nach Werdohl gekommen sind, gehörten allesamt zur Volksgruppe der Roma. So gut wie alle Männer würden versuchen, hier zu arbeiten. Auch die Frauen versuchten, Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Martin: „Sie sparen für die Miete, für die Kinder, für ein paar Anschaffungen, vielleicht auch für einen kleinen Urlaub. Sie machen das, was alle Familien wollen.“

Die 51-Jährige hatte einen schlechten Start in Deutschland. Nach der Trennung von ihrem Mann wollte sie sich ein neues Leben aufbauen und kam 2015 zu einer befreundeten Ärztin in Plettenberg zu Besuch. Aus dem Besuch wurde ein Aufenthalt, der finanziert werden musste. Martin konnte sehr gut Englisch, aber kein Wort Deutsch und nahm eine Putzstelle in einer rumänischen Physiotherapiepraxis an. Aus dem Aufenthalt sollte schließlich eine neue Existenz werden: Martin schaffte den B1-Abschluss beim Integrationskurs in Werdohl und bekam über das Jobcenter eine eigene Wohnung in Plettenberg. In der Physiotherapiepraxis saß sie mittlerweile in der Verwaltung, bis sie 2019 diese Arbeit verlor. Danach machte sie eine Weiterbildung als Buchhalterin und lebte vom Arbeitslosengeld. Auf die Stelle bei „Efa“ hatte sie sich beworben und war im November 2020 für 25 Stunden Teilzeit eingestellt worden. „Momentan schaffe ich es finanziell“, sagt die alleinstehende Frau leise. „Aber so alleine, so ganz ohne Familie ist es manchmal ganz schön schwer.“

Ungewollt und ausgegrenzt: So leben viele der 500 Roma in Werdohl.

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