Werdohler Publikum vom „Interview“ überwältigt

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Julia Grimper lieferte sich mit ihrem Bühnenpartner elegante Wortgefechte.

WERDOHL ▪ Überwältigt war das Publikum am Donnerstagabend von der Theateraufführung des Stücks „Das Interview“ im Festsaal Riesei. Der gleichnamige Film war 2003 der vorletzte Streifen des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh, der am 2. November 2004 von einem islamistischen Fundamentalisten ermordet wurde.

Die Kino-Verfilmung ist düsterer, schroffer, härter, subversiver. Die Inszenierung des Tournee-Theaters Thepiskarren aus Hannover war allerdings gleich fesselnd. Sie lebte von den beiden Akteuren, die die herausfordernde Aufgabe, in der Geschwindigkeit eines Augenzwinkerns die Emotionen zu wechseln, mit beeindruckender Überzeugungskraft bewältigten.

Dabei lieferten sich die beiden bekannten Schauspieler Julia Grimper (spielte das Filmsternchen Katja, sonst in der TV-Serie „Forsthaus Falkenau“ zu sehen) und Martin Lüttge (spielte den Bosnien-Kriegsberichterstatter Peter, im Fernsehen war er unter anderem Tatort-Kommissar) elegante Wortgefechte.

Katja und Peter legten dabei gegenseitig verletzte Eitelkeiten wie vernarbte Seelen offen. Dabei wurde der starke Politik-Journalist schwach und das vermeintlich dumme Blondchen böse. Der Zeitungsmann glaubte, die Schauspielerin sei ebenso wie er selbst eine leblose Hülle, die nur noch vorgibt, Mensch zu sein. Er meinte den Tod als verbindendes Element zwischen sich selbst und seiner Interview-Partnerin zu erkennen.

Es entwickelte sich ein Schlagabtausch zweier sehr intelligenten Menschen, die in den Medien zuhause sind und mit allen erdenklichen Waffen kämpften. Der Zeitungsredakteur geißelte sich alsbald als „Versager ohne Persönlichkeit“. In einem irren Hin und Her wechselten sich Psychospielchen sowie Gehässigkeiten mit Momenten der Nähe ab. Sogar ein Kuss entstand.

Für den Zuschauer boten sich so auch immer wieder Gelegenheiten, herzhaft auf die Schenkel zu klopfen. Das Lachen blieb den gut 180 Gästen im Saal jedoch oft im Halse stecken, berührten die beiden Rollen doch immer wieder ihr Innerstes. Vom gesprochen Wort lenkte dabei nichts ab. Die Bühne war streng ausgestattet. Lediglich eine Hängematte und ein TV-Gerät standen vor einem blauen Vorhang.

„Hör’ auf mit Deiner dämlichen Schauspielerei“, keifte er sie etwa an, „Du mit Deinen Kunsttitten und Deinen Stöckelschuhen.“ Und er schob hinterher: „Du entnimmst Deine Gefühle drittklassigen Drehbüchern.“ Doch auch sie ging mit ihm nicht zimperlich um. So fragte sie ihn: „Woher hast Du das Recht, zu lügen?“ Er retournierte lakonisch: „Ich bin Journalist.“ Und sie geiferte zurück: „Die reihen ja nur Worte aneinander.“

So nahmen sich die beiden nichts. Er, der sich anfangs seiner Gesprächspartnerin haushoch überlegen fühlte, wurde immer unsicherer. Sie, die ihn zu Beginn verächtlich als oberflächlichen Schreiberling ansah, entwickelte Gefühle für ihn.

Und doch lief alles auf ein überraschendes Ende hinaus. Das Filmsternchen Katja entpuppte sich am Ende als kalt und berechnend. Der alte Mann verlor.

Das Werdohler Publikum im Festsaal Riesei hatte da allerdings schon längst gewonnen: einen wundervollen Abend voll feinster Unterhaltung. Von Michael Koll

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