Eine typische Einwanderungsgeschichte

Musti O. lebt seinen Traum als DJ

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Mustafa Oral in dem Teil seines Studios an der Sandstraße, in dem er an Songs und Sounds für Vertragsmusiker tüftelt. Seine Art von Musik wird vorwiegend am Computer generiert, mit Keyborad und Gitarre spielt Musti O. auch richtige Instrumente ein.

Werdohl - Dass Mustafa Oral Anfang der 2000er-Jahre als junger Türke in Werdohl eine Menge Schwierigkeiten hatte, eine Lehrstelle zu finden, spielt heute keine Rolle mehr. Musti O. – so nennt er sich – lebt seinen Traum als professioneller DJ hinter den Plattentellern. 

Vor einiger Zeit hat der 32-Jährige seinen ersten Künstlervertrag an Land gezogen, er produziert seitdem die Musik von MC Xhedo. Wenn er heute in seinem kleinen Studio im Haus der Eltern an der Sandstraße sitzt, wirkt er wirklich glücklich: „Ich mache ganz genau das, was ich mir immer vorgestellt habe.“

Seine Familie hat eine typische Einwanderungsgeschichte hinter sich. Mustafas Vater Ali Sefik kam 1979, Mutter Ayla 1981 aus der Türkei nach Deutschland. Beide stammen aus Giresun, der schönen Stadt am Schwarzen Meer. Ihre Familien kamen unabhängig voneinander nach Herne, wo Sefik und Ayla Oral heirateten. 1986 wurde Mustafa im Ruhrgebiet als erster Sohn geboren, zwei Jahre später zog die kleine Familie nach Werdohl um.

Ali Sefik Oral hatte Ende der 1980er Jahre bei VDM Arbeit gefunden – er eröffnete später übrigens nebenbei einen türkischen Metzgerladen. Seine Frau Ayla führt bis heute den gleichnamigen Friseursalon an der Sandstraße. Die Familie bekam noch zwei weitere Söhne, beide leben ebenfalls im Haus an der Sandstraße.

Mustafa besuchte zuerst den Kindergarten in Pungelscheid, dann die Grundschule Kleinhammer und später die Gesamtschule auf dem Riesei. Sein damaliger Lehrer Sven Stocks – heute ist er kommissarischer Leiter der Gesamtschule – habe damals sehr darauf geachtet, dass die jungen Türken gut Deutsch lernten. „Herr Stocks hat immer aufgepasst, dass wir türkischen Schüler nicht alle unentwegt zusammenhockten. Sonst hätten wir uns nur auf türkisch unterhalten.“

Deutsch in Werdohl nicht nötig

Mustafa Orals Deutsch ist ganz ausgezeichnet – das habe er auch Sven Stocks und den anderen Lehrern auf der Gesamtschule zu verdanken. „In Werdohl braucht man nicht unbedingt Deutsch, um durchs Leben zu kommen“, beobachtet er noch heute in seiner Heimatstadt. Es gebe einen türkischen Hausarzt, türkische Sprechstundenhilfen in allen anderen Arztpraxen, türkische Geschäfte, türkische Mitarbeiter im Rathaus und in den Behörden.

Zu Beginn der türkischen Einwanderung nach Werdohl sei das anders gewesen. Mustafa Oral erinnert sich in diesem Zusammenang an seine Grundschulzeit in Kleinhammer: „Da gab es nur zwei türkische Kinder in meiner Klasse.“ Mustafas Eltern sprachen und sprechen sehr gut Deutsch, Mutter Ayla hatte schon ihre Ausbildung in Herne absolviert. Oral denkt kurz nach: „Ich spreche mit meinem Vater mehr Deutsch als Türkisch.“ Mit seiner Mutter spreche er mehr Türkisch: „Muttersprache eben“, lacht Oral.

Lange erfolglose Lehrstellensuche

2002 beendete Mustafa Oral die Gesamtschule und begab sich auf die Suche nach einer Lehrstelle. Mehr als 130 Bewerbungen habe er geschrieben, allesamt erfolglos. Erst im Nachhinein erfuhr er, dass es teilweise auch an seinem türkischen Namen gelegen hatte, wenn er nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen wurde. „Nicht mal zu Eignungstests wurde ich eingeladen“, erinnert er sich.

Mustafa Oral machte die persönliche Erfahrung, dass der deutsche Klassenkamerad mit den schlechteren Noten die Lehrstelle bekam, auf die sich beide gleichermaßen beworben hatten. Oral sagt heute: „Da fing das Thema Integration für mich an.“

Als in Deutschland geborener Türke mit deutscher Schulausbildung sei er früher eben doch benachteiligt worden, einfach aufgrund seiner türkischen Herkunft. Er sage das heute ganz ohne Groll im Herzen, bloß als Feststellung. Vorwürfe will er niemandem machen: „Es war eben so.“

Latente Diskriminierung

Die Lehrstelle bei VDM habe er letztlich durch seinen Vater bekommen: Ali Sefik Oral malochte schon seit 1988 an der Plettenberger Straße. „Er hat dafür gesorgt, dass ich wenigstens zum Eignungstest durfte.“ Dort bewies sich Mustafa erfolgreich und bekam seine Lehrstelle als Industriemechaniker. „Als Werdohler mit Migrationshintergrund muss ich immer zwei Mal mehr leisten als der Einheimische“, bleibt er ganz nüchtern: „Aber ich akzeptiere das, es ist eben so. Ich nehme das nicht persönlich.“

In seinem Tonstudio hat Mustafa Oral auch seinen Arbeitsplatz als DJ-O Tunezz aufgebaut, Vorbild Michael Jackson ist immer im Blick. Auf den Plattentellern drehen sich zwar noch richtige Scheiben aus Vinyl, mit denen wird aber nur die Musik gesteuert, die vom Computer kommt.

Im Laufe seines Lebens sei er immer wieder auf latente Diskriminierung gestoßen, allein wegen seines Namens. Mustafa hatte ein deutsches Mädchen kennengelernt und sie mit allem Drum und Dran – und 1200 Gästen auf der Hochzeit – geheiratet. Die Hochzeit war 2011, das erste Kind wurde geboren. das zweite 2013. Ein Jahr später zogen alle Orals in das Haus an der Sandstraße, Vater Ali Sefik hatte das Haus mit dem Friseursalon gekauft.

Die Ehe ging aus Gründen kaputt, die nichts mit Migrationsproblematik zu tun hatten. Mustafa hat heute besten Kontakt zu seinen beiden Kindern, in der großen Wohnung gibt es ein eigenes Spielzimmer. Dass er als türkischer junger Mann eine deutsche Frau geheiratet hatte, war für seine Familie kein Problem. Seine Eltern hätten alle drei Brüder so erzogen, mit offenen Aufgen und Armen durch die Welt zu gehen. Wichtig sei nur, dass jeder sein persönliches Glück finde.

Kunterbunter Freundeskreis

Musti Oral hatte als Kind und Jugendlicher keine Probleme mit irgendwas: „Ich bin in Pungelscheid aufgewachsen, da war absolut jede Nationalität vertreten. Mein Freundeskreis war und ist kunterbunt.“ Im Jugendraum an der Meilerstraße begegnete er übrigens erstmals seinem späteren Lebenstraum: Hiphop wurde seine Leidenschaft.

Noch weit von einem Leben als Profi-DJ entfernt, begeisterte er sich an der Meilerstraße erstmal für Breakdance. „Singen konnte und kann ich nicht, aber meine Lieblingsmusik zu hören und danach zu tanzen war absolut mein Ding.“

Das war 1997, die goldenen Zeiten des Hiphop mit Wutan Clan, Notorious B.I.G. und auch schon Jay-Z standen oben in den Charts. Hiphop verlor so langsam das Gangster-Image, manche Platten waren verkaufsfördernd aufgrund sexistischer Inhalte zensiert. Großmeister Michael Jackson war schon Anfang der 1980er gestartet und befand sich Ende der 1990er fast am Ende seiner Weltkarriere.

Als er seinen ersten Azubi-Lohn in der Tasche hatte, startete Musti O. seine Karriere: „Ich habe mir bei Ebay zwei neue Plattenspieler plus Mischer für 300 Euro gekauft.“ Oral hatte von da an ein Ziel vor Augen: „Ich war absolut fasziniert von den Typen, die hinter den Plattentellern standen. Ich wollte auch so einer sein.“

Zu Plattenspielern und einem DJ gehörten natürlich auch Platten, aber Musti hatte wenig Geld und bekam ein paar alte Scheiben aus den 70-er- und 80-er-Jahren geschenkt. Darauf war der Wechsel von Funk und Soul zu Rap und Hiphop zu hören. Seinen ersten Auftritt als DJ hatte er – natürlich – bei der Abschlussfeier seiner Klasse der Gesamtschule.

Karrierestart mit alten Platten

Aus dieser Zeit stammt auch sein Künstlername als DJ O-Tunezz. Dabei steht das O übrigens nicht für seinen Nachnamen Oral, sondern für „old“ – „alt“. Seine Kumpels tauften ihn so, weil er am Anfang immer nur seine alte Platten spielte. „Von da an ging es mit meiner musikalischen Karriere bergauf“, erinnert sich Mustafa Oral.

Nach der Lehre wurde er bei VDM übernommen und bekam eine feste Anstellung. „Das machte mich unabhängig“, so Musti O., der fortan jedes Wochenende als DJ O-Tunezz Platten in den Clubs auflegte. „Erst habe ich nur bei kleinen Sachen gespielt, je mehr ich unterwegs war, desto öfter wurde ich gebucht.“

Anfangs war er nur regional unterwegs, später international: Auftritte bei Festivals in Holland und Frankreich folgten. Musti O. war begeistert: „Wow, dachte ich, ist das geil.“ Seine türkischen Wurzeln spielten in den großen Städten keine Rolle. Musik ist international, mit den kleinbürgerlichen Benachteiligungen aus Werdohl hatte er dort nichts zu tun. Leute aus der Szene rieten ihm, nach Düsseldorf oder Berlin zu ziehen, um näher an den neuesten Trends und den coolen Clubs zu sein. „Aber ich blieb bis heute meiner Heimat Werdohl treu, und das wird auch noch lange so bleiben.“

Gitarre statt Plattenspieler

Nach der Geburt seiner Kinder legte er eine künstlerische Pause ein. Als Vater mit zwei Kleinkindern wollte er sich nicht die Nächte in Clubs um die Ohren hauen. „DJ ist ein absolut familienunfreundlicher Job.“ Mit seiner Hochzeit 2009 hörte er mit dem Plattenlegen auf, dafür entdeckte er die Gitarre für sich. Ganz ohne Musik konnte er nicht leben. Wenn die Arbeit bei VDM erledigt und die Kinder im Bett waren, übte Musti auf der Gitarre, nur so für sich.

Als die Ehe zerbrochen und seine Frau mit den Kindern das Haus an der Sandstraße verlassen hatte, stieg Musti O. wieder voll ins Plattenlegergeschäft ein. Im Rahmen des missglückten Verkaufs von VDM an Outokumpu gab Mustafa Oral im Jahre 2015 seine Stelle auf und begann, ausschließlich von und für die Musik zu leben – „endlich“, wie er heute sagt.

Zweite Karriere als Produzent

Neben seine Buchungen und Auftritten als DJ O-Tunezz arbeitete er an einer Karriere als Produzent. Mit einer Reggae-Cover-Band trat er als Gitarrist beim Rumo-Tripot-Festival in Neuenrade auf. „Von da an habe ich geübt und geübt, weil ich auch Musik produzieren wollte.“

Er schreibt keine eigenen Songs, sondern Sänger kommen mit Ideen zu ihm, Musti O. nimmt die Instrumente zum Song auf. Der erste große Deal ist sein Vertrag mit dem Sänger und Balkan-Rapper MC Xhedo. Mit ihm arbeitet er an der Veröffentlichung eines ersten Albums. Solche Alben werden heute kaum noch auf Vinyl gepresst, wenn auch die Lust an der guten alten Schallplatte wieder hoch im Kurs ist. Die schwarzen Scheiben sind immer noch das wichtigste Arbeitsgerät eines DJs.

In seinem Studio an der Sandstraße demonstriert Musti O. seine Anlage. Auf den beiden Plattentellern liegen zwar noch Vinyl-Platten, doch Musik ist nicht darauf. Die Lieder kommen aus dem PC, die Platten dienen nur als Steuerung der Sounds. Mit geübten Händen und dem festen Blick auf eine digitale Anzeige mischt DJ O-Tunezz Songs und Sounds.

Lebenstraum erfüllt

Wer als Gast in einem Club feiern will, weiß, welche wichtige Rolle der DJ spielt. Große Namen füllen große Hallen, DJing ist eine eigene Kunstform. Musti O. kommt über seinen Beruf zurück zum Thema Integration. „Du musst offen und kritikfähig sein, sonst wird es nichts“, zieht er Parallelen.

Mit seinem Beruf als DJ hat er sich seinen Lebenstraum erfüllt. Unter den Kopfhörern taucht er ein in die tanzbaren Sounds, die er in seinem Studio aus den Boxen zaubert. Das letzte Wort dieses Interviews gehört ihm: „Ich habe 16 Jahre gebraucht, um meinen Traum zu verwirklichen. Jetzt lebe ich diesen Traum.“

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