„Der verrückte Stecher“ tätowiert jetzt im Studio

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Der 25-jährige Miguel Sieradzki aus Werdohl hat vor ein paar Wochen sein eigenes Tätowierstudio an der Neustadtstraße eröffnet. Hier sticht er der 41-jährigen Stefanie Henke aus Altena ein Mikrophon als Rockabilly-Motiv.

Werdohl - Tätowieren ist schon lange aus der Seefahrer- und Kleinkriminellen-Ecke herausgekommen. Tätowieren ist in Mode und bei der zunehmenden Individualisierung und Selbstoptimierung der Gesellschaft kaum noch ein Tabu. Profi-Fußballer auf den Fernsehbildschirmen sind tätowiert, jede zweite Schülerin träumt vom Schriftzug am Handgelenk, erwachsene Männer lassen sich für viel Geld ganze Kunstwerke auf den Körper zaubern.

Tätowieren ist auch ein Markt, ein Studio ein Geschäftsmodell. Die riesige Nachfrage hat jetzt den 25-jährigen Werdohler Miguel Sieradzki davon überzeugt, sein Hobby zu einem Geschäft für seinen Lebensunterhalt zu machen. Anfang September hat er ein Gewerbe angemeldet, in Maschinen und Einrichtung investiert und sich am Ende der Neustadtstraße selbstständig gemacht.

Miguel Sieradzki erzählt seine Lebensgeschichte sehr freimütig. Die Mutter ist Spanierin, der Vater halber Pole, daher kommt der international klingende Vor- und Zuname. Miguel ist in Werdohl aufgewachsen, im Alter von 13 Jahren ging seine ganze Familie nach Spanien, genauer gesagt nach Cordoba in Andalusien. Weil Miguel nur Deutsch konnte und es mit der spanischen Sprache anfangs nicht so gut klappte, schaffte er in Spanien nur die neunte Klasse und ging von der Schule ab.

Die Tätowiermaschine zeigt 110 an, das ist die Frequenz, mit der die Nadel in die Haut sticht. Miguel achtet natürlich auf Sauberkeit und Hygiene, ohnedem geht es nicht.


In Cordoba kam er als Jugendlicher ans Tätowieren. Mit 16 Jahren ließ er sich von einem Kumpel sein erstes Tattoo gleich auf die besonders schmerzempfindliche Brust stechen. Das Motiv: „Die Zahl 13.“ Weil er beim Kumpel oft genug zugeschaut hatte, wollte er auch unbedingt selber tätowieren. Seiner damaligen Freundin in Spanien stach er seinen eigenen Namen auf den Fußknöchel. Miguel grinst über diese Anekdote. Bei Tätowierten gilt der Name des aktuellen Freundes oder der Freundin nicht unbedingt als besonders intelligent, vor allem bei sehr jungen Leuten. Die Verflossene soll sich den Namen des Ex-Freundes übrigens überstochen haben, meint Miguel zu wissen.

Üben macht den Meister

Dem Namen auf dem Knöchel folgten viele weitere Tattoos bei anderen, Miguel: „Man muss üben, üben, üben. Üben macht den Meister, das ist tatsächlich so.“ Im Alter von 21 Jahren kam Miguel mit seiner Familie von Cordoba wieder nach Werdohl zurück. Seine Bemühungen, die Schule zum Ende zu bringen, gelangen nicht: „Ich war irgendwie zu alt dafür.“ Auch bei einer Leiharbeitsfirma wurde er nicht glücklich.

Aus dem Hobby wird der Beruf

Letztlich kam ihm der Gedanke, sein Hobby zum Beruf zu machen. Seine Tattoos hatte er für Bekannte immer im Wohnzimmer gestochen, das wollte er professionalisieren. „Mich selbstständig zu machen war eine ganz schön große Nummer“, meint er. An der Neustadtstraße mietete er ein ziemlich heruntergekommenes Ladenlokal und renovierte es mit viel Liebe zum Detail. Eine neue Tätowiermaschine für 1300 Euro schaffte er an, eine Liege, Farben, Desinfektionsmittel, Büroeinrichtung – Miguel hat richtig investiert.

Jetzt steht er stolz in seinem eigenen Studio, dass er „El Pincho Loco Tattoo“ genannt hat. Miguel grinst: „Das heißt übersetzt ‘Der verrückte Stecher’“. Seine bevorzugten Stilarten sind Chicano und Comic, aber er sticht auch alles andere: „Das Arschgeweih mache ich natürlich auch, aber davon rate ich ab“, grinst er wieder.

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