Michael Schmidt ist Cheftrainer der Vorspringer im Skisprung-Weltcup

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Blick nach oben zum Schanzenturm: Sobald die Ampel auf Grün springt und die Anlage damit freigegeben ist, hat Michael Schmidt maximal zehn Sekunden Zeit, seinen Sportler abzuwinken und damit auf die Reise nach unten zu schicken. In diesem kurzen Zeitfenster gilt es die besten Verhältnisse abzupassen.

Werdohl - Wenn am 30. Dezember die Vierschanzentournee mit dem ersten Springen in Oberstdorf beginnt, wird auch wieder der Werdohler Logistik-Unternehmer und Skisprung-Trainer Michael Schmidt an der Schanze stehen.

Schmidt ist Cheftrainer der Vorspringer des Internationalen Skiverbands FIS und ist in dieser Position entscheidend mit dafür verantwortlich, dass wenig später für die Besten der Szene die Anlage wettkampftauglich ist. Ohne Schmidt und sein internationales Springerteam wäre in der gesamten Weltcupsaison keine Veranstaltung möglich.

2008 hat der Neuenrader damit begonnen dieses Team aufzubauen, weil viele Weltcupveranstalter Schwierigkeiten hatten, die vorgeschriebene Anzahl von bis zu 20 Vorspringern für einen Wettkampf zu stellen.

„Seitdem habe ich den geilsten Job, weil wir einfach eine so bunte, internationale Truppe sind“, sagt Schmidt, der übrigens ehrenamtlich arbeitet, sein Geld stattdessen als Geschäftsführer der Firma Haaf STS Logistik, die ihren Sitz an der Schlacht hat, verdient. Seine Trainertätigkeit für das „Team Vorspringer“ gegen einen finanziell lukrativen Job als Skisprung-Nationaltrainer einzutauschen, kam für Schmidt dennoch nie infrage. Zu viel Herzblut steckt in dem Projekt. „Ich hatte beispielsweise mal eine Anfrage der Russen, habe aber alles abgelehnt“, sagt der 50-Jährige.

Arbeit ist hochprofessionell

Obwohl der Cheftrainerposten offiziell also nur ein Hobby ist, arbeitet Schmidt genauso professionell wie seine Nationaltrainerkollegen, denn seinem Team gehören keineswegs nur Amateure an. „Natürlich habe ich auch Jungs, die den Sport nicht mehr beruflich betreiben, aber hauptsächlich sind es Sportler, die nach Verletzungen, einer Pause oder Formschwäche wieder zurück in die Weltcupmannschaft der verschiedenen Nationen wollen und deshalb mit vollem Engagement bei der Sache sind“, erzählt Schmidt.

Anders Jacobsen wurde nach einer längeren Skisprungpause schon von Schmidt mit der Fahne vom Trainerturm aus abgewunken. Wenig später gewann der Norweger in der Saison 2006/07 die Vierschanzentournee. Oder auch der Slowene Rok Urbanc, der nach dem Formaufbau bei Schmidt immerhin einen Weltcupsieg im polnische Zakopane holte.

Einen Stamm von rund 65 Aktiven, unter anderem aus Deutschland, Österreich, skandinavischen und osteuropäischen Ländern, aber auch Japan umfasst das Team der Vorspringer mittlerweile, die je nach aktuellem Leistungsstand bei den Springen im Weltcup, Kontinentalcup (zweite Liga des Skispringens) oder der Nordischen Kombination eingesetzt werden.

Die letzte Chance auf dem Weg zurück

Für viele Sportler ist Michael Schmidt, der häufig Unterstützung vom Neuenrader Hans-Eberhard Einwächter erhält, dann die letzte Chance, noch einmal in den Weltcup-Tross zurückzufinden. „Ich versuche, zunächst dafür zu sorgen, dass die Jungs wieder mit Spaß an die Schanze kommen. Den haben sie häufig verloren, weil es sportlich gerade nicht so läuft. Aber im Skispringen wird ganz viel auch im Kopf entschieden und schon Kleinigkeiten zu verändern, kann große Auswirkungen haben. Diese ohne Druck verändern zu können, ist häufig deutlich einfacher. Diese Möglichkeit haben die Athleten bei uns“, sagt Schmidt.

Bei der Vierschanzentournee gehen die Vorspringer an den Trainings- und Wettkampftagen jeweils vor den Weltcupathleten über die Schanzen, um den Zustand der Anlage und des Aufsprunghügels zu checken, die richtige Anlauflänge zu bestimmen und die Kameraeinstellungen für die Fernsehübertragung vornehmen zu können. Als Versuchskaninchen möchte Schmidt seine Springer aber keinesfalls verstanden wissen: „Wenn die Bedingungen einen Sprung nicht zulassen, hole ich die Sportler auch wieder vom Absprungbalken. Denn wenn die Ampel auf Grün springt, bin ich verantwortlich für das Leben der Jungs. Da wird nichts riskiert.“

Für diese ehrlichen Worte und seine Geradlinigkeit wird der Sauerländer von vielen in der Skisprungfamilie geschätzt. „Die anderen Sportler sind dankbar, wenn sie bei schwierigen Bedingungen gar nicht erst hoch auf den Turm müssen, wenn ich schon entschieden habe, dass an diesem Tag nichts geht“, sagt Schmidt, der stets im engen Kontakt mit den lokalem Rennleitern von FIS-Renndirektor Walter Hofer steht.

Irgendwann erwischt es jeden mal

Ohnehin muss Schmidt an jedem Weltcup-Wochenende an den Schanzen viele Hände schütteln. Schließlich stoßen zu seinem Vorspringerteam häufig auch einige Athleten hinzu, die die Qualifikation für den Wettkampf verpasst haben. „Und irgendwann erwischt es tatsächlich jeden mal, dass er von mir abgewunken werden muss“, erzählt der Werdohler lachend.

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