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Schutz vor Corona: Impfarzt will „Infektions-Feuerwehr“

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Von: Volker Heyn

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Dr. Patrik Roumani-Spree setzt in der Hausarztpraxis seines Vaters weiterhin auf alle einfachen Schutzmaßnahmen gegen Infektionen: FFP2-Maske, Hygiene angemessener Abstand. Er verlangt, dass Medizin, Politik und Gesellschaft zwingend aus der Corona-Pandemie lernen müssen.
Dr. Patrik Roumani-Spree setzt in der Hausarztpraxis seines Vaters weiterhin auf alle einfachen Schutzmaßnahmen gegen Infektionen: FFP2-Maske, Hygiene angemessener Abstand. Er verlangt, dass Medizin, Politik und Gesellschaft zwingend aus der Corona-Pandemie lernen müssen. © Heyn

Dr. Patrik Roumani-Spree ist mit 34 Jahren der jüngste niedergelassene Hausarzt in Werdohl, zusammen mit seinem Vater Atef (75) hat er seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie stets voll und ganz aufs Impfen gesetzt. Die beiden betreiben neben der Praxis an der Freiheitstraße eine hausärztliche Impfstelle.

Werdohl - Knapp zwei Stunden sprach Volker Heyn mit dem Arzt, das Gespräch ist nachträglich in der Form von Fragen und Antworten strukturiert.

Immer weniger Menschen tragen Masken, es gibt praktisch keine verpflichtenden Schutzmaßnahmen mehr. Ist Corona eigentlich vorbei?

Nein, das ist ein Trugschluss. Wir impfen noch jede Woche. In Spitzen-Zeiten von Corona haben wir bis zu 450 Menschen pro Woche geimpft, jetzt sind es noch höchstens 30, davon erhalten die meisten die vierte Impfung. Erst- und Zweitimpfungen verabreichen wir nur noch äußerst selten, das sind zumeist Zugewanderte. Auch Abstriche entnehmen wir nur noch wenige. Allerdings ist die Dunkelziffer weitaus höher als die Zahlen, die gemeldet werden. Die Zahlen sind viel zu niedrig, weil nicht mehr viel getestet wird. Corona ist keineswegs vorbei, wird aber Normalität.

Was sollte man tun, um sich in den nächsten Monaten gegen eine Infektion zu schützen?

Jeder, der auf Nummer sicher gehen will, sollte sich impfen lassen. Wir empfehlen die vierte Impfung jedem Risikopatienten, verabreichen sie aber auch jedem, unabhängig vom Alter, der sie haben möchte. Das ist eine individuelle Entscheidung. Jeder muss sein Risiko selbst kalkulieren. Natürlich, die Menschen müssen wieder raus, wieder leben. Fußballstadien und Clubs füllen sich wieder. Die Europäer sind gesellig, niemand will sich vereinzeln oder separieren wie vielleicht in Japan, wo sie viel bessere Zahlen haben als wir hierzulande. Die Europäer hocken eben gerne zusammen, egal ob in Island oder Italien. Jeder einzelne muss aber für sich Schlüsse ziehen, wie er sich verhalten will. Impfen, Hygiene und Vorsorge sind die drei wesentlichen Elemente.

Wie gehen Sie mit den Schutzmaßnahmen in Ihrer Praxis um?

Die Maskenpflicht war tatsächlich für ein paar Tage aufgehoben, das hielten wir für völlig falsch. Wir halten uns weiterhin an die Vorschriften für Praxen zur Hygieneeinhaltung, zur Eindämmung pandemischer Ereignisse und infektiöser Ketten. Die FFP2-Maske ist einfach immer noch der allerbeste Schutz im direkten Kontakt. Weder ich noch mein Vater haben sich bislang infiziert. Die Hausärzte, die sich infiziert haben, werden sich eher im häuslichen oder privaten Umfeld als in den Praxen infiziert haben. Omikron ist total aggressiv. Sie tragen den ganzen Tag Maske, nehmen Sie zum Trinken runter, atmen dreimal tief durch und setzen die Maske wieder auf. Wenn Sie Pech haben, haben sie sich durch die Aerosole in der Luft eine Infektion eingefangen. Also die Lüftung ist auch ein ganz wichtiges Thema.

Dr. Patrik Roumani-Spree ist mit 34 Jahren der jüngste Hausarzt in Werdohl. Zusammen mit seinem Vater Atef (75) betreibt er Praxis und Impfstelle an der Freiheitstraße.
Dr. Patrik Roumani-Spree ist mit 34 Jahren der jüngste Hausarzt in Werdohl. Zusammen mit seinem Vater Atef (75) betreibt er Praxis und Impfstelle an der Freiheitstraße. © HEyn

Wahrscheinlich werden wir wieder einen Sommer bekommen, in dem die Infektionsraten stark absinken. Was sollte man in Richtung Herbst unternehmen?

Auf die fünfte Impfung warten. Der Booster bot zusätzlichen Schutz, diese dritte Impfung hat die schweren Verläufe stark reduziert, konnte aber die Infektiösität von Omikron nicht eindämmen und ist nicht so lange haltbar. Die vierte Impfung verlängert den Impfschutz einige Zeit. Wer Sorge vor Long-Covid-Symptomen hat, kann seinen Schutz durch die vierte Impfung anheben, das hat aber eine zeitlich begrenzte Wirkung. Die fünfte Impfung im Herbst wird eine angepasste Impfung sein. Sie wird wohl auf zwei Stämme ansprechen, auf Delta und auf Omikron. Moderna arbeitet daran. Aber es bleibt bei einer persönlichen Risikoabwägung, das ist von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich. Ein Beispiel: Manche Patienten brauchen sechs Hepatitis-B-Impfungen, um geschützt zu sein, manche nur zwei. Oder die Grippeimpfung: Mittlerweile impfen wir jährlich einmal gegen gleich vier Stämme. Bei manchen hält die Wirkung nur drei bis sechs Monate, andere werden nie krank.

Also gehört die Corona-Impfung bald zur Normalität?

Ja. Wir haben jetzt schon eine Normalität herstellen können, vor allem durch das Impfen. Ich war und bin übrigens nie ein Fan der Impfpflicht gewesen, das sollte jeder für sich selbst entscheiden dürfen. Jeder trägt sein eigenes Risiko. Impfungen gegen mehrere Corona-Stämme werden möglich sein, dann wird das Impfen Alltag werden und wir halten das Virus in Schach.

Was sollte die Gesellschaft aus der Pandemie lernen?

Wir brauchen in Zukunft so eine Art Infektions-Feuerwehr. Spezialisten-Teams, die wissen, was zu tun ist. Wenn das Haus brennt, ruft man die Feuerwehr. Wenn jemand verunglückt, ruft man die Rettung. Das ist weltweit akzeptiert. Wenn die nächste große Virusinfektion kommt, muss man ein Organ, eine Einrichtung, ein System installiert haben, das Maßnahmen ergreift. Wir erkennen, das wir mit dem Impfen und anderen Maßnahmen die Infektionsketten reduzieren können, wir sehen, dass das immer besser funktioniert. Alle paar Jahre wird es ein neues Virus geben, und deshalb brauchen wir so etwas wie eine Infektions-Feuerwehr. Wir hatten Schweinepest, Vogelgrippe, Rinderwahn bei Tieren, Ebola und Corona bei Menschen. Es gibt gerade Beobachtungen für eine bestimmte Art von Leberentzündungen in England. Es ist noch nicht absehbar, was sich da entwickelt. Wir müssen aus all diesen Sachen lernen. Unser Gesundheitssystem ist im Augenblick noch nicht dafür optimiert. Die Weltgemeinschaft hat Corona deshalb nicht ausrotten können. Vorsorgliche Impfungen sind also viel wichtiger als die Behandlung. Impfstoffe können in Zukunft vielleicht sogar vor bestimmten Krebsarten schützen. Wir müssen ein internationales System zur Infektionsabwehr etablieren.

Bis vor wenigen Wochen war noch viel von Menschen zu hören, die gegen alle Corona-Schutzmaßnahmen sind und demonstriert haben.

Die, die so laut geschrien haben, müssen wir vergessen. Zwischenzeitlich war ja jeder Spezialist. Es gibt noch so unfassbar viele Daten, die noch keiner ausgewertet hat. Es ist selbst für mich als Arzt fast unmöglich, da durchzusteigen.

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