Werdohler Hausärzte mit Nachwuchssorgen

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Atef Roumani-Spree mit seinen Arzthelferinnen Alexandra Müller (links) und Carola Sandt.

Werdohl/Neuenrade - Gunter Bessel ist 65 Jahre alt. Noch behandelt der Hausarzt Patienten und denkt nicht ans Aufhören. Aber wenn er eines Tages in den Ruhestand geht, „dann schließe ich ab und dann war es das“, sagt Bessel. Einen Nachfolger für seine Werdohler Praxis zu finden, hält er für aussichtslos.

„Ich werde mich auch gar nicht auf die Suche machen“, sagt der 65-Jährige. Schließlich habe er auch bei anderen Hausärzten erlebt, dass diese Suche in kleinen Städten wie Werdohl vergeblich sei.

Aus Pflichtgefühl gegenüber seinen Patienten praktiziere er noch, obwohl er eigentlich schon das Rentenalter erreicht habe, sagt Bessel. „Ich möchte die Leute ja nicht im Regen stehen lassen“, sagt der Hausarzt. Viele fragten schon, wie lange er noch arbeiten werde. „Die haben Sorgen, dass noch ein Arzt verschwindet.“

Solche „Überzeugungstäter“ seien gerade in ländlichen Gegenden keine Seltenheit, sagt Christopher Schneider, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. „Es gibt keine Altersgrenze für Ärzte mehr“, sagt Schneider. „Sie können theoretisch so lange arbeiten, wie sie möchten.“ Zwar wollten Hausärzte im Schnitt mit Mitte 60 ihre Praxis abgeben. Aber viele machen eben auch noch weiter.

Zu ihnen gehört auch Atef Roumani-Spree. „Ich bin Rentner“, sagt der 67-Jährige und lacht. Doch auch für ihn ist der Ruhestand noch kein Thema. Im Gegenteil: Erst vor gut drei Jahren zog der Hausarzt mit seiner Praxis von Eveking in die Innenstadt. Das habe ihm „neuen Mut und neuen Spaß“ gegeben, sagt er. „Ich arbeite gerne.“

Gunter Bessel und Atef Roumani-Spree sind nur zwei von zwölf Hausärzten im Versorgungsbezirk Werdohl-Neuenrade, die über 60 Jahre alt sind – sechs sind sogar über 70. Damit stelle der Bezirk einen Ausreißer in Westfalen-Lippe dar, sagt Christopher Schneider von der Kassenärztlichen Vereinigung. Denn im Schnitt ist rund ein Drittel der Hausärzte älter als 60 Jahre. Im Bezirk Werdohl-Neuenrade liegen mit zwölf von 18 Ärzten sogar zwei Drittel jenseits dieser Altersgrenze.

Zwar sei mit einer Versorgungsquote von rund 90 Prozent „Stand heute noch alles im grünen Bereich“, sagt Schneider. Doch auch jetzt schon macht sich bemerkbar, wie schwierig es ist, junge Mediziner für eine Praxis im ländlichen Raum zu begeistern. Vier weitere Hausärzte könnten sich nach einem Berechnungsschlüssel der Kassenärztlichen Vereinigung im Bezirk Werdohl-Neuenrade niederlassen.

Doch gerade junge Ärztinnen wollten lieber moderne Gemeinschaftspraxen in einer Stadt eröffnen. Nicht nur wegen der geografischen Lage – auch die „rustikale Einrichtung“ vieler Hausarztpraxen kommt einfach nicht gut an, weiß Schneider. Daran konnte auch ein Förderprogramm des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums bisher nichts ändern. Bis zu 50.000 Euro gibt es für Ärzte, die sich niederlassen wollen „in Gemeinden, in denen in Zukunft die hausärztliche Versorgung durch das Ausscheiden von Hausärzten bedroht oder gefährdet sein kann“, wie es in einer Information des Gesundheitsministeriums heißt.

Seit dem Start des Programms im Jahr 2009 flossen aber weder nach Werdohl noch nach Neuenrade Fördergelder. Gunter Bessel hält diese Probleme für hausgemacht. Schuld seien nicht zuletzt die Regeln von Ärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung, sagt er ärgerlich. „Das ist ein Bürokratiemonster.“ - Von Constanze Raidt

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