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Werdohler hat kaum Hoffnung, seine Frau lebend wiederzusehen

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Von: Volker Griese

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Das Hochzeitfoto von Ruzanna Abadzhian und Konstantin Gross. Nach der Eheschließung fingen die Probleme an.
Das Hochzeitfoto von Ruzanna Abadzhian und Konstantin Gross. Nach der Eheschließung fingen die Probleme an. © Gross

Das Leben mit Ruzanna Abadzhian hatte sich Konstantin Gross ganz anders vorgestellt. Im Juni war der 37-jährige Werdohler nach Russland gereist, um dort die Frau zu heiraten, die er dort vor zwei Jahren kennengelernt hatte. Anschließend wollten die Frischvermählten gemeinsam nach Deutschland zurückkehren. Die Rechnung hatten sie aber ohne die Familie der Braut und ohne die deutschen Behörden gemacht.

Werdohl ‒ Konstantin Gross ist 1996, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, als Zwölfjähriger mit seinen deutschstämmigen Eltern aus Russland nach Deutschland gekommen. Er hat sich in Deutschland gut eingelebt, besitzt längst die deutsche Staatsbürgerschaft, ist als 18-Jähriger zur Bundeswehr gegangen, hat anschließend am Afghanistan-Einsatz teilgenommen und arbeitet jetzt für einen großen deutschen Sicherheitsdienst. In die alte Heimat pflegte seine Familie über die Jahre mehr oder weniger lockere Kontakte.

Werdohler hat kaum Hoffnung, seine Frau lebend wiederzusehen

Bei einem Verwandtenbesuch in Russland lernte Gross dann 2019 in der Großstadt Rjasan, etwa 200 südöstlich von Moskau gelegen, Ruzanna Abadzhian kennen, Tochter einer russischen Mutter und eines armenischen Vaters. „Es hat zwischen uns gefunkt“, beschreibt der 37-Jährige, wie aus dem Kontakt zu der drei Jahre älteren Frau Liebe geworden ist. Einem gemeinsamen Glück schien nichts im Wege zu stehen, weshalb Konstantin Gross dann im Juni nach Russland einreiste, um die Frau zu heiraten und anschließend mit ihr nach Deutschland zurückzukehren.

Mit der Heirat fingen allerdings die Probleme an, zunächst die Probleme mit der Familie der Ehefrau, dann die mit den deutschen Behörden. Der armenische Zweig der Familie von Ruzanna Abadzhian könne nicht akzeptieren, dass sie ihn, einen Deutschen, geheiratet habe, erzählt Konstantin Gross. Deutsche seien bei Armeniern nicht gut angesehen.

Werdohler kämpft um gemeinsames Leben mit seiner Frau - Drohungen und Misshandlungen

Seine Frau sei von männlichen Verwandten drangsaliert und misshandelt worden, weil sie durch ihre Heirat angeblich die Familienehre beschmutzt habe, erzählt der 37-Jährige. „Die armenischen Verwandten meiner Frau betrachtet unsere Ehe als eine Schande für die Familie“, sagt Gross. Er selbst sei bei seinem Aufenthalt dort beschossen und mit einem Messer bedroht worden.

Ein Onkel meiner Frau hat viel Geld investiert, damit die Polizei jetzt nach ihr sucht.

Konstantin Gross

Von den örtlichen Behörden sei kein Schutz zu erwarten, berichtet Gross. Die Beamten seien bestechlich. „Und ein Onkel meiner Frau hat viel Geld investiert, damit die Polizei jetzt nach ihr sucht“, behauptet er. Mittlerweile befinde sich Ruzanna Abadzhian einigermaßen in Sicherheit. Sie habe bei einer hochbetagten Verwandten in der autonomen Republik Mordwinien Unterschlupf gefunden, etwa 350 Kilometer von Rjasan entfernt, in einer ländlichen Region, fast ohne Telefon und ohne Internet.

Kampf um gemeinsames Leben: Erst auch keine Hilfe von der Deutschen Botschaft

Doch Konstantin Gross möchte seine Ehefrau, eine examinierte Krankenschwester, nach Deutschland holen. Hoffnung setzte er in die Deutsche Botschaft in Moskau, ging davon aus, dass die diplomatische Vertretung der Bundesrepublik der Ehefrau eines Deutschen Schutz gewährt. Allerdings sei diese Hoffnung enttäuscht worden, sagt Gross und berichtet von einer herablassenden, einschüchternden Behandlung durch Botschaftsangehörige.

Dennoch habe er fast alle Unterlagen besorgen können, die notwendig seien, damit die Deutsche Botschaft seiner Frau ein Visum zum Ehegattennachzug ausstellt. Was am Ende fehlte, war ein Sprachfähigkeitsnachweis, ein Zertifikat, mit dem Ruzanna Abadzhian belegen kann, dass sie über einfache Deutschkenntnisse verfügt. Konstantin Gross ist überzeugt, dass seine Frau solche Kenntnisse hat. „Sie spricht vier Sprachen“, erzählt er, auch ihr Deutsch sei relativ gut.

Das Problem bestehe aber darin, ein entsprechendes Zeugnis zu bekommen. In dem abgelegenen Ort in Mordwinien, wo sich Ruzanna Abadzhian derzeit in Sicherheit wähnt, gebe es keine Möglichkeit, entsprechende Prüfungen abzulegen, beschreibt ihr Ehemann, wo das Problem liegt. Aus ihrem Versteck, wo sie im Selbststudium mit Büchern an ihren Deutschkenntnissen arbeite, wage sie sich nicht heraus.

Werdohler wird des Landes verwiesen

Mittlerweile musste Konstantin Gross Russland verlassen, seine Ehefrau alleine zurücklassen. Trotz abgelaufenen Visums war er geblieben, um seiner Frau zu helfen, dann flog er bei den russischen Behörden auf. Gross wurde des Landes verwiesen, darf bis auf Weiteres nicht wieder einreisen.

Das hat mir die letzte Hoffnung genommen, dass ich meine Frau noch lebend wiedersehe.

Konstantin Gross

Jetzt versucht der Werdohler, die Ausreise seiner Frau nach Deutschland von hier aus durchzusetzen. Er stoße aber immer wieder auf taube Ohren und verschlossene Türen, beklagt er. Sein Schicksal und das seiner Frau scheine niemanden zu interessieren. Obendrein äußerten sich die Behörden widersprüchlich, findet Gross.

Das Auswärtige Amt hat ihm mitgeteilt, dass seine Gattin ohne den entsprechenden Sprachfähigkeitsnachweis nicht dauerhaft nach Deutschland einreisen dürfe. „Das hat mir die letzte Hoffnung genommen, dass ich meine Frau noch lebend wiedersehe“, war Konstantin Gross nach dieser Nachricht am Boden zerstört.

Doch es gab neue Hoffnung: Die Botschaft in Moskau stellte eine Ausnahmegenehmigung in Aussicht, ganz offensichtlich, weil die besonderen Umstände einen Härtefall begründen könnten. Die Botschaft könne eine Ausnahme aber nicht in eigener Zuständigkeit entscheiden, müsse sich mit der Ausländerbehörde abstimmen, wurde Gross mitgeteilt.

Jetzt war also die Ausländerbehörde des Märkischen Kreises im Spiel. Ihre Aufgabe war es, herauszufinden, ob Konstantin Gross in geordneten Verhältnissen lebt und über ein regelmäßiges Einkommen verfügt. Auf den ersten Blick sollte das für den Mann, der seit Jahren im Sicherheitsdienst arbeitet und in Werdohl eine Wohnung hat, kein Problem darstellen. Doch der Teufel steckte im Detail: Für die zurückliegenden drei Monate, in denen er sich in Russland aufgehalten hatte, konnte Gross keinen Einkommensnachweis erbringen. Eine Bescheinigung seines Arbeitgebers, dass er in einem festen Arbeitsverhältnis stehe, habe die Ausländerbehörde nicht anerkannt, sagt der Werdohler.

„Das ganze Verfahren hängt an diesem Sprachtest. Wegen dieses fehlenden Stücks Papier will man meine Frau nicht nach Deutschland einreisen lassen“, fasst Konstantin Gross die Situation zusammen und ist mit seinem Latein am Ende. Seine letzte Hoffnung ist, dass sich irgendein Entscheidungsträger in dem verworrenen Verfahren einen Ruck gibt und sein Herz entdeckt, damit die Botschaft in Moskau seiner Frau das ersehnte Visum für die Einreise nach Deutschland ausstellen kann.

Mordwinien: Autonome Republik mit Bodenschätzen und Straflagern

Mordwinien – auch Mordowien oder russisch Mordowija genannt – ist eine von 21 autonomen Republiken in der Russischen Föderation. Die Republik im Westen Russland, ist etwa zehn Mal so groß wie das Saarland. Die Mordwinen sind ein finno-ugrisches Volk und sprechen Ersjanisch und Mokschanisch. Die Bevölkerungsmehrheit vor allem in den größeren Städten stellen aber die slawischsprachigen Russen. In Mordwinien leben aber auch Tartaren, Tschuwaschen, Ukrainer und Weißrussen. Mordwinien leidet bereits seit Jahrzehnten unter einem starken Bevölkerungsschwund. Derzeit leben dort noch etwa 800.000 Menschen. Die größte Stadt ist die Hauptstadt Saransk (300.000 Einwohner), wo auch Spiele der Fußball-WM 2018 stattgefunden haben. Die Republik hat gute Verkehrsanbindungen, unter anderem nach Moskau, Nischni Nowgorod und Samara. Darüber hinaus verfügt Mordwinien auch über eine hoch entwickelte, diversifizierte Wirtschaft und ist reich an Bodenschätzen, vor allem Edelmetallen. Von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre waren in Mordwinien die politischen Gefangenen der Sowjetunion in mehreren Straflagern eingesperrt. Die Lager sind bis heute in Betrieb.

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