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Alkoholprobleme: Wenn die Haftstrafe zum Glücksfall wird

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Von: Thomas Krumm

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Im Lidl-Markt am Fritz-Thomee-Platz hatte der Werdohler eine Schachtel Zigaretten mitgehen lassen. Das war nur eine von vielen Verfehlungen, um die es vor dem Hagener Landgericht ging.
Im Lidl-Markt am Fritz-Thomee-Platz hatte der Werdohler eine Schachtel Zigaretten mitgehen lassen. Das war nur eine von vielen Verfehlungen, um die es vor dem Hagener Landgericht ging. © Arne Dedert

Es mag paradox klingen: Der Umstand, dass eine Berufungskammer des Landgerichts die vollstreckbare Haftstrafe für einen 35-jährigen Werdohler bestätigt hat, war ein Glücksfall für den Angeklagten. Denn offenbar bietet nur der Knast einen organisatorischen Rahmen, in dem er nicht zum Alkohol greift.

Werdohl/Hagen – Die Vergehen, mit denen er sich das Recht auf eine öffentlich geförderte Gefängniszelle erarbeitete, gehören ins Reich der kleinen bis mittleren Kriminalität: Diebstähle, Betrügereien, Körperverletzungen. 18 Einträge sammelte er seit 2004 im Bundeszentralregister der Straftaten. Am 7. November 2020 klaute er im Lidl-Markt in Werdohl „betrunken, aber nicht hinüber“ eine Schachtel Zigaretten für 5,75 Euro. Dafür verurteilte ihn das Amtsgericht Altena am 9. März 2021 zu einer Haftstrafe von drei Monaten. Eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung kam aufgrund der vielen Vorstrafen und einer noch offenen Bewährungsstrafe nicht in Betracht. „Solange er weiterhin Alkohol trinkt, ist er nicht belehrbar“, hieß es im Urteil.

Auch das Amtsgericht Arnsberg verurteilte ihn am 9. Januar 2020 wegen zwei Diebstählen zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe. Auf das Urteil wegen des Zigaretten-Diebstahls in Werdohl folgte im Februar 2022 ein weiteres Urteil. Es fügte den insgesamt neun Monaten Haft drei weitere vollstreckbare Monate hinzu – wegen des Diebstahls einer Flasche Wodka für 8,99 Euro.

Schon das war ein katastrophaler Ausgangspunkt für eine Berufungsverhandlung, in der es um eine mögliche Strafaussetzung zur Bewährung ging. Doch es kam noch ein weiteres Problem hinzu: Der 35-Jährige hatte sich im Januar 2022 in eine Klinik zur Entgiftung und zur Alkoholentwöhnung begeben. Doch das war gründlich schiefgegangen: „Ich habe getrunken in der Klinik und wurde deshalb entlassen“, gab der 35-Jährige zu. „Der Angeklagte habe einen Rückfall gehabt, und die Therapie sei daraufhin abgebrochen worden“, zitierte der Bewährungshelfer eine Therapeutin. Es gebe keine Chance einer Rückkehr in die Therapie.

Der Staatsanwalt stellte nüchtern die Aussichtslosigkeit der Berufung fest: „Das Einzige, was wir dem Angeklagten Gutes tun können, ist, die Berufung zurückzunehmen.“ Verteidiger und Angeklagter sahen das ebenso. Die Vorsitzende Richterin Claudia Oedinghofen sprach von einer „sehr unglücklichen Situation“ und verwies auf die unausweichliche Haftzeit, „als Chance, dass da irgendetwas in Gang kommt“ - durch „eine längere Zeit der Abstinenz“.

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