Werdohler Gespräche über christliche Kirchen

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Siegfried Heinrich von der neuapostolischen, Pater Irenäus von der katholischen, Pfarrer Dirk Grzegorek von der evangelischen und Thomas Kringe von der freien evangelischen Gemeinde sprachen in der Bücherei über die Werdohler Glaubenslandschaft.

Werdohl - „Warum gibt es nicht nur eine christliche Kirche“, fragte ein Besucher der Werdohler Gespräche am Mittwochabend in der Stadtbücherei. Vertreter der vier christlichen Gemeinden in der Stadt saßen auf dem Podium.

Pfarrer Dirk Grzegorek von der evangelischen Kirchengemeinde betonte: „Ich denke, es gibt eine versöhnte Verschiedenheit.“ Er prognostizierte aber auch, dass „es in der Zukunft klugerweise nicht mehr anders möglich sein wird, als eine Einheit zu bilden“.

Die mehr als zweistündige Veranstaltung wurde organisiert vom Kulturverein Werdohl heute. Sie stand unter dem Motto: „Mit dem heiligen Kilian fing fast alles an –die Vielfalt christlicher Kirchen in Werdohl“. Peter Kölsche gab zunächst einen historischen Rückblick aus Werdohler Sicht. Kilian sei ein Wandermönch im 7. Jahrhundert gewesen. Der 8. Juli sei der Patronatstag des heiligen Kilians. Deshalb feiere der Werdohler Schützenverein sein Schützenfest auch stets am ersten Juli-Wochenende.

Das Wörtchen „fast“, so Kölsche, stünde aber im Motto des Abends, denn „das Erzbistum Köln bestand schon rund zwei Jahrhunderte zuvor“. Die spätere Kilianskirche sei die „Keimzelle Werdohls“ gewesen. Im Jahr 1101 sei die Werdohler Kirche an ein Kloster geschenkt worden.

Rüdiger Schmale, Pfarrer im Ruhestand, der den Abend auch moderierte, referierte dann über die Zeit, als es einen Aufstand gegen die Institution Kirche gegeben habe. Einerseits habe das zur Gründung der Freikirchen und der Baptisten geführt, andererseits auch zur lutherisch-calvinistischen Reformation. Das habe – auch in Werdohl – die Anfänge einer Demokratisierung der Kirchen und Gemeinden bedeutet.

Vor Ort habe ein katholischer Priester Ketteler, dessen Familie 30 Jahre lang auf dem Wintersohl gelebt habe, die lutherischen Schriften in seine Predigten eingeführt. In Folge sei Werdohl evangelisch geprägt gewesen. 1874 sie die Kilianskirche abgerissen worden. 1891 errang die heutige Stadt zwischen Lenne und Verse Gemeindestatus. Und um 1900 sei die St.-Michael-Kirche gebaut worden. Pater Irenäus ergänzte, dass diese Kirche noch heute den Doppelnamen St. Kilian/St. Michael trage.

Die katholische Gemeinde Werdohl, so führte Pater Irenäus aus, wurde 2003 Klosterstandort. „Als der Orden hierher kam, hatten wir noch mehr als 20.000 Einwohner.“ 2006 wurde eine Pfarrei mit einem Teil Neuenrades begründet, mittlerweile gehört auch ein Teil Herscheids dazu. In Neuenrade gebe es derzeit noch rund 4200 Katholiken. „Wir sind somit eine der kleinsten Gemeinden im Bistum Essen.“

Pfarrer Grzegorek, seit zwölf Jahren in Werdohl tätig, erklärte, die Evangelische Kirchengemeinde Werdohl betreue rund 6000 Gemeindemitglieder. Auch diese Zahl nehme tendenziell ab. „Das große Pfund unserer Kirche sind längst die Ehrenamtlichen“, hob Grzegorek hervor.

Thomas Kringe von der freien evangelischen Gemeinde erläuterte, seine Gemeinde habe im Jahr 1870 in Werdohl die Arbeit aufgenommen – „in einem Haus an der Eggestraße“. Heute habe die Gemeinde „um die 100“ Mitglieder. In der Freikirche gebe es weder Kindstaufen noch Liturgie oder Sakramente.

Siegfried Heinrich von der neuapostolischen Gemeinde verkündete, seine Gemeinde feiere im kommenden Jahr in Werdohl 90-jähriges Bestehen. Anfangs habe das Gemeindeleben in einem Wohnhaus an der Blumenstraße stattgefunden. Seit 1961 hätten die Neuapostolen ein eigenes Haus am Krähenacker, Dieses sei 1976 mit einem Anbau versehen und 1995 saniert worden.

Aktuell habe die Gemeinde 104 Mitglieder. Die neuapostolische Kirche komme ursprünglich aus dem katholischen Glauben, habe unterdessen aber auch „Glaubensinhalte, die näher zur evangelischen Kirche“ seien – wie etwa die Konfirmation im Alter von 14 Jahren. Bei den Neuapostolen werde auch die Babytaufe vorgenommen.

Die Kirchenhierarchie bestehe auf der untersten Ebene aus Kirchenvorstehern, Heinrich ist derjenige in Werdohl. Darauf folgten die Apostel, die gewählt und vom Stammapostel ernannt werden. Der für Werdohl zuständige Apostel lebt in Lippstadt, der Stammapostel residiert in Zürich. Auf der Hierarchiestufe dazwischen fungieren die Bezirksapostel, von denen es weltweit 19 gibt.

„Keinen Einheitsbrei kochen“

„Warum soll sich jemand, der noch kein Christ ist, gerade für Ihre Kirche entscheiden“, fragte jemand aus dem Publikum die vier Gemeindevertreter auf dem Podium. Kringe antwortete mit dem Motto der freien evangelischen Kirche: „Lasst Euch versöhnen mit Gott“. Grzegorek erklärte, die evangelische Kirchengemeinde versuche, allen „ein einladendes Zuhause“ zu bieten. Pater Irenäus führte aus: „Gott ist Liebe. Wer sie erfährt, weiß, was das bedeutet. Und wenn du meinst, dich in der katholischen Kirche nicht frei bewegen zu können, dann suchst du halt woanders.“ Heinrich erläuterte für die neuapostolische Gemeinde: „Bei uns darf jeder auch mal Fehler machen und wird dann getragen von der Gemeinschaft.“

Im Publikum kam leichter Unmut auf – zu ähnlich hätten die Erläuterungen geklungen. Pater Irenäus entgegnete darauf: „Familie Schmidt und Familie Müller verbringen ihren Alltag doch auch jeweils anders, auch wenn sie von außen betrachtet nichts unterscheidet. Was uns verbindet, sollte uns nach vorne tragen.“ Und er verdeutlichte: „Viele Sachen auf der evangelischen Seite verstehe ich nicht. Aber das muss ich auch nicht.“ Moderator Schmale befand deshalb auch: „Es ist nicht schön, wenn man einen Einheitsbrei kocht.“ Neuapostole Heinrich unterstrich dagegen die Meinung von Pater Irenäus: „Wir haben genug geschichtliche Vergangenheit mit Blut befleckt. Lasst uns darüber hinweg kommen.“

Der Vorsteher der neuapostolischen Gemeinde behauptete weiterhin, in Werdohl seien 45 Prozent der Menschen muslimischen Glaubens. „Aber auch das sind tiefgläubige Menschen.“ Eine Frau aus dem Publikum in der voll besetzten Bücherei sagte: „Ich habe manchmal Angst, wenn immer mehr Moscheen in Werdohl aufgemacht werden.“ Pfarrer Grzegorek quittierte das mit einem Kopfschütteln. - Von Michael Koll

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