Stadtteile stehen im Blickpunkt

Gerhard Sonneborn, Carla Marlinghaus, Günter Vogt, Manfred Hoh, Gerhard Meyer und Dietrich Pohlmann unterhielten.

WERDOHL ▪ Dass die Stadt an der Lenne mal Modehauptstadt Deutschlands gewesen sei, erinnerte ein Zuhörer der jüngsten Werdohler Gespräche in der Stadtbücherei am Mittwochabend. 1945 hätten die Werdohler einen Zug-Waggon, der im Bahnhof stand, geplündert. Die darin enthaltene, orangene Fallschirmseide hätte sich später als Hosen, Blusen, Röcke und Hemden im Stadtbild wieder gefunden.

Bei der 19. Auflage der Werdohler Gespräche, initiiert vom Kulturverein „Werdohl heute“, standen diesmal die Stadtteile im Mittelpunkt. Günter Vogt, Gerhard Sonneborn, Manfred Hoh, Gerhard Meyer und Dietrich Pohlmann wussten Interessantes zu berichten.

„Werdohl blieb von den Kriegshandlungen weitgehend verschont“, blickte Dietrich Pohlmann zu Beginn des Abends 67 Jahre zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei in Werdohl so viel gebaut worden, wie noch nie, fuhr Pohlmann fort. „Heute gibt es kaum noch freie Flächen.“ Der Ort, seit 1936 mit Stadtrechten ausgestattet, wuchs. „Aber meine Oma hat immer noch gesagt: ‘Wir gehen ins Dorf’.“

„Werdohl war sehr sangesfreudig“, wusste Pohlmann zu berichten. Ganze zwölf Chöre habe er aus seiner Erinnerung heraus zählen können. „Auch gab es nach dem Krieg zahlreiche Aufführungen von Opern und Operetten.“

Stefan Groß vom Stadtumbaubüro ergänzte mit einem Ausblick in die Zukunft: „Wir versuchen unser Möglichstes, das, was damals schon gut war, zu erhalten. Die Impulse funktionieren. So wollen nun auch die Einzelhändler etwas in die Hand nehmen in der Innenstadt. Ich denke, es wird alles gut werden. Ich freue mich darauf.“

Sonneborn kam dann auf Ütterlingsen zu sprechen. Um das Jahr 1100 herum habe an der heutigen Eduardstraße die Familie To Ütterlinge gewohnt, woher der Stadtteil seinen Namen habe. In Werdohl aber sei er nur „die kalte Heimat“ genannt worden – vermutlich weil es dort kaum Infrastruktur gegeben habe. Einzig das 1935 eröffnete Freibad sei vorhanden gewesen. „Die ersten Geschäften kamen nach dem Krieg.“ Die seien mittlerweile aber fast alle wieder verschwunden – wie auch in nahezu allen anderen Stadtteilen.

„Wir sprechen heute so viel von Integration, die fand in Ütterlingsen schon in den 40er-Jahren statt – zwischen Sauerländern und Schlesiern“, blickte Sonneborn zurück.

Stadtteilmanagerin Silke Kreikebaum fuhr fort: „Ütterlingsen war schon immer ein Stadtteil, wo die Leute gerne hingezogen sind. Die Woge hat hier in den vergangenen Jahren mehr als zehn Millionen Euro investiert.“ Und damit ginge es auch weiter. Als Nächstes würden vier Häuser entlang der sogenannten „Kleinen“ Berliner Straße abgerissen. „Da entsteht eine Freifläche in Parkform.“

Wenn er sich so angehört hätte, was es über andere Stadtteile zu sagen gebe, meinte Gerhard Meyer, dann könne er feststellen: „Bei uns im Versetal war alles ganz anders.“ Um 1300 hätte sich dort bereits Industrie gebildet, da habe das Ruhrgebiet noch niemand gekannt. Auch die bundesweit erste Betriebskrankenkasse sei im Versetal entstanden. „Später hatten wir 5000 Einwohner, mehr als 1000 Arbeitsplätze und 15 Lebensmittelläden.“ Das sehe heute freilich wieder anders aus.

Und es habe das Hotel Zur Verse gegeben, „da wurden Feiern gemacht, das die Bude krachte“, gab Meyer zu.

Dann kam Manfred Hoh auf die Königsburg zu sprechen: „Dieser Stadtteil ist, wie schon der Name sagt, die Krönung von allem“, lobte er. Tatsächlich jedoch käme der Name von Richard König, der erste, der dort einst ansiedelte. Und mit der Feldstraße, die 1,1 Kilometer lang sei, habe die Königsburg auch die längste Wohnstraße der Stadt.

Immer zehn Familien hätten dort gemeinsam zehn Häuser gebaut – und hinterher verlost, wer welches bekam, berichtete Hoh. Auch eine Discothek – die Melone – habe es später dort gegeben. Anfang der 70er Jahre sei das Hallenbad eingeweiht worden.

Abschließend hielt Günter Vogt einen kurzen Abriss über Pungelscheid. Noch in den 60er-Jahren hätten dort gerade einmal geschätzte 50 Einwohner gelebt – „heute sind es mehr als 2800 und es gibt eine stetige Weiterenticklung“.

Die sieht Bürgermeister Siegfried Griebsch, der ebenfalls zu Gast war, auch in der Gesamtstadt: „Unser Vorteil gegenüber den Griechen ist: Die können nur noch sparen, wir dürfen auch gleichzeitig investieren.“

Ende des Jahres habe Werdohl Kassenkredite in Höhe von 34 Millionen Euro. „Das ist nichts anderes als der Dispo beim Privatkonto“, erläuterte das Stadtoberhaupt. Werdohl habe aber ein Potential, mit dem zu wuchern sei: „Wir haben einen Fluss in Steinwurf-Nähe zur Fußgängerzone. Das ist ganz selten. Das gibt es noch in Altena, aber dann hört es auch schon auf.“ Zum Brunnen am Alfred-Colsmann-Platz sagte Griebsch, er könne verstehen, dass der Bürgerstammtisch dessen Aufgabe kritisiere: „Aber der ist nunmal jeden Tag zugemüllt.“ Über Finanzierungsmöglichkeiten zum Erhalt des Brunnen lasse sich indes aber reden. - Michael Koll

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