Friedenskirche zum Sprechen gebracht

+
Pfarrer Dirk Grzegorek (rechts) begrüßte den Werdohler Jürgen Hennemann in der Friedenskirche und bedankte sich später bei ihm für all das Wissen, das Hennemann an die Gäste weitergab.

Werdohl - „Sie haben das Gebäude  zum Sprechen gebracht“, bedankte sich Pfarrer Dirk Grzegorek bei Jürgen Henneman. Dieser hatte den Geistlichen und  weitere Besucher durch und rund um die Evekinger Friedenskirche geführt und die architektonischen Besonderheiten erläutert.

Dafür erhielt er reichlich Applaus. 60 Minuten zuvor gab Hennemann zunächst einen Abriss über die historischen Bau-Epochen. Die erste Etappe des deutschen Kirchenbaus sei demnach die Romanik im Mittelalter gewesen. Ein Beispiel dafür sei der Kaiser- und Mariendom zu Speyer. Es folgte die Gotik, repräsentativ dafür nannte der Referent den Kölner Dom. 

Die dritte Phase war dann der Historismus im 19. Jahrhundert. Diese Phase griff auf alte Ideen zurück, „setzt aber Elemente, die in der Originalepoche so nicht zu finden sind“, skizzierte Hennemann. Ein Beispiel für diesen Baustil sei die St.-Michael-Kirche in Werdohl. Im 20. Jahrhundert erfolgte eine Zweiteilung. 

Einige Bauherren errichteten ganz moderne Gotteshäuser – ohne Bezug zum Mittelalter. Andere bauten Kirchen mit modernen Elementen und solchen, die Bezug zum Mittelalter nehmen. 

Ein Beispiel für Letzteres sei eben die Friedenskirche in Eveking. Architekt Hans Huth errichtete sie von 1955 bis 1956. Eine erste Grundsteinlegung gab es aber bereits am 31. Oktober 1917. Pfarrer Grzegorek verriet: „Dann kam die Rezession. Es war einfach kein Geld mehr da.“ 

Fenster nicht zentral hinter dem Altar 

Hennemann begann seine Führung in der Choranlage, wo Altar und Kanzel das Zentrum des liturgischen Raums darstellen. „Interessant ist, dass das Fenster hier nicht zentral hinter dem Altar angebracht ist. Stattdessen hängt in der Mitte ein großes Kreuz“, sagte Hennemann. Eine Erklärung dafür habe er nirgendwo finden können. Das Fenster sei also Teil der mittelalterlichen Formensprache, seine Position hingegen modern. 

Weiter ging es in die drei Schiffe. Am Rand des Mittelschiffs stehen Pfeiler. Diese seien aber so weit außen, dass die äußeren Schiffe „fast nur noch Gänge“ seien. Das Mittelschiff sei enorm breit und dominant. Das Vorbild für diese Bauweise, so Hennemann, sei die Trierer Palast-aula. Die Breite des Mittelschiffes sei eine „mittelalterliche Reminiszenz“. Die Pfeiler selbst seien aber extrem schmal, was wiederum moderner Baustil sei. 

„Die lang gezogenen Fenster“, führte Hennemann weiter aus, „in den Wänden der Seitenschiffe sind gotischer Natur.“ Sie dienten der Beleuchtung des Mittelschiffes. In einer herkömmlichen Basilika hingegen hätten die Nebenschiffe und das Mittelschiff „jeweils eigene Lichtführungen“. Der Referent gab seinen Eindruck preis: „Diese Fenster in der Friedenskirche saugen die Nebenschiffe quasi auf.“ 

Hennemann wandte sich der „geknickten Holzdecke über dem Mittelschiff“ zu. In der Romanik seien Holzdecken flach gewesen. In Speyer sei aber eine gewölbte Decke zu besichtigen. Diese Form werde in der Evekinger Friedenskirche aufgegriffen. 

Die beiden Rundportale im vorderen Bereich der Friedenskirche sind der Romanik entnommen. Andernorts tauchen im selben Gotteshaus aber Halbbögen – konsequent in der Flucht des Mittelschiffes – oder gar eckige Türen auf, so wie der Durchgang vom Vorraum zur Kapelle. Hennemann merkte an: „Dass die Kapelle dort im Vorraum verortet ist, ist eine eigenständige, moderne Lösung.“ Solcherart sei das sonst nicht zu sehen. 

Westfälisches Ein-Turm-Motiv 

Mit der Vorhalle an sich werde wieder ein Element der Romanik aufgegriffen, bloß sei sie in der Friedenskirche im Vergleich zu anderen Vorhallen „verkürzt“. Nach dem Gang nach draußen erläuterte der Kirchenführer „das westfälische Ein-Turm-Motiv“, welches eben auch am Evekinger Gotteshaus nachzuvollziehen sei. 

Hennemann bilanzierte zum Schluss: „Die Friedenskirche ist ein Konglomerat vieler einzelner Elemente.“ Der Referent ergänzte: „Der Architekt vernetzt diese zu einem Gesamtkunstwerk.“ Dieses erschloss sich den Teilnehmern der Führung auf bisher ungekannte Weise.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare