Lockdown „nicht zu Ende gedacht“

Einzelhändler und Gastronomen wünschen sich Lockerungen

Heike Schröder überreicht den Kunden die vorbestellte Ware an der Tür des Fachgeschäftes. Auf unserem Foto ist ein Mitarbeiter in die Rolle des Kunden geschlüpft.
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Heike Schröder überreicht den Kunden die vorbestellte Ware an der Tür des Fachgeschäftes. Auf unserem Foto ist ein Mitarbeiter in die Rolle des Kunden geschlüpft.

Während sich einige Politiker für Lockerungen des Lockdowns in NRW stark machen, treten andere auf die Bremse. Das können nicht alle Einzelhändler und Gastronomen in Werdohl nachvollziehen.

Sie verweisen auf die geöffneten Lebensmittelschäfte und Drogeriemärkte: Dort sei es oftmals unmöglich, den erforderlichen Abstand zu anderen Kunden einzuhalten.

„Wenn ich schon sehe, dass der Parkplatz voll ist, verschiebe ich meinen Einkauf“, sagt Heike Schröder, Mitinhaberin des Fachgeschäftes EP:Schröder an der Bahnhofstraße. Dennoch benutze sie ihren Einkaufswagen öfters als Abstandhalter: „Ansonsten rücken einem anderen Kunden mitunter viel zu nahe auf den Leib“, hat sie festgestellt. Auch der Einkauf im Drogeriemarkt sei manchmal abenteuerlich, denn auch dort halte sich nicht jeder an die Regeln.

Kunden müssen vor der Tür in der Kälte warten

„Nach diesen Erfahrungen kann man einfach nicht verstehen, dass wir nicht einmal einen Kunden ins Geschäft lassen dürfen, sondern sie vor der Tür in der Kälte stehen lassen müssen. Das ist einfach nicht zu Ende gedacht.“ Gerade in kleineren Fachgeschäften sei es kein Problem, die Anzahl der Kunden im Ladenlokal zu begrenzen und auf die Einhaltung der Regeln zu achten.

Deshalb hofft Heike Schröder, „dass wir unsere Kunden bald wieder persönlich bedienen dürfen“. Obwohl sie grundsätzlich nicht klagen könnten. „Es klappt ganz gut. Wir haben uns während des ersten Lockdowns viele Gedanken gemacht“, berichtet die Geschäftsfrau, dass man sämtliche Möglichkeiten nutze, um weiterhin präsent zu sein. Verkaufsgespräche am Telefon oder per Videotelefonie gehörten mittlerweile ebenso zum Alltag, wie Terminvereinbarungen online oder per WhatsApp. Die Übergabe der gewünschten Artikel finde vor der Tür des Fachgeschäftes statt. Alternativ dazu sind Bestellungen im Online-Shop mit Lieferung möglich.

Werkstattbetrieb läuft weiter

Parallel zu diesen Verkaufsaktivitäten laufe der Betrieb in der Werkstatt des Fachgeschäftes weiter. „Und da zu unserem Service auch die Fernwartung von Notebooks gehört, gibt es auch in diesem Bereich einiges zu tun“, verweist Heike Schröder auf das Homeschooling, und damit verbunden auf eine höhere Nachfrage nach passenden Endgeräten und entsprechender Hilfestellung.

Solche Möglichkeiten hat Tomislav Lavric nicht, um seine Kunden zufrieden zu stellen. Der Inhaber des Restaurants Vier Jahreszeiten an der Dammstraße könnte zwar einen Außer-Haus-Verkauf anbieten, er hat sich aber bewusst dagegen entschieden: „Wer möchte schon ein Steak essen, dass schon vor 20 Minuten zubereitet wurde? Das schmeckt einfach nicht, egal wie gut das Fleisch war.“ Er biete gehobene Speisen an und könne die Erwartungen seiner Kunden bei der Lieferung „auf dem Plastikteller“ einfach nicht erfüllen. „Sie sind dann enttäuscht und kommen womöglich auch dann nicht wieder, wenn ich irgendwann öffnen darf.“

Die finanzielle Situation ist desaströs

Seine finanzielle Situation beschreibt der Gastronom als desaströs. „Da ich hauptsächlich von größeren Gesellschaften lebe, hatte ich seit etwa Mitte Oktober so gut wie keine Einnahmen mehr.“ Mit der Zuteilung und der Zahlung der Corona-Hilfen sei er zufrieden. „Das klappt sehr viel besser als beim ersten Lockdown.“ Dennoch sei die Lage für ihn und seinen Bruder Sascha Lavric, Mitgeschäftsführer in der Unternehmergesellschaft (UG), sehr ernst. „Wir haben seit Mitte März kein Geld mehr bekommen, denn das Restaurant hat ja nichts mehr abgeworfen. Das ist ungerecht und nicht in Ordnung.“

Er lebe seit Monaten ausschließlich von seinem Ersparten: „Das Geld war eigentlich für die Rentenzeit gedacht. Aber Hartz IV werde ich auf keinen Fall beantragen.“ Sollte es keinen anderen Ausweg geben, müsse er sich einen anderen Job suchen. „Aber ich bin seit meinem 15. Lebensjahr in der Gastronomie tätig und kann mir eigentlich nichts anderes vorstellen.“

Verärgerung über Maskenmuffel

Auch Tomislav Lavric ärgert sich über volle Geschäfte und „viele Kunden und Verkäufer, die dort ihre Maske nicht oder nicht richtig aufsetzen“.

Er kann die Schließung der gastronomischen Betriebe nicht nachvollziehen. „Ich kann sehr gut verstehen, dass es keine großen Feiern geben darf. Mir würde es auch wenig nützen, wenn die Familien wieder Essengehen dürften. Aber meine Kollegen in Werdohl haben vor dem erneuten Lockdown streng auf die Einhaltung der Regeln geachtet. Sie hatten gute Hygienekonzepte, und die Nachverfolgung möglicher Kontaktpersonen war kein Problem.“

Dagegen wisse niemand, wie viele Menschen und erst recht nicht wer möglicherweise gerade neben einem Virenträger im Discounter gestanden und sich angesteckt habe.

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