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„Ich bin ratlos“: Werdohler Einzelhändler bangen um ihre Zukunft

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Von: Carla Witt

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Floristmeister Carsten Fromm hofft auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft. Er spricht von deutlichen Umsatzeinbußen und richtet einen Appell an die Werdohler.
Floristmeister Carsten Fromm hofft auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft. Er spricht von deutlichen Umsatzeinbußen und richtet einen Appell an die Werdohler. © Griese

Das Kaufverhalten der Werdohler hat sich durch die massive Teuerung vieler Produkte innerhalb kurzer Zeit verändert. Doch nicht nur der Ukraine-Krieg und die damit verbundene Energiekrise sorgen dafür, dass sich Einzelhändler Gedanken machen oder bereits Konsequenzen gezogen haben.

Werdohl - Floristmeister Carsten Fromm ist einer von ihnen. Er spricht von einem „völlig veränderten“ Einkaufsverhalten der Werdohler: „Jede Warengruppe ist im Minus. Ich habe immer geglaubt, ,geschenkt wird immer‘, doch selbst bei Geschenkartikeln merken wir den Rückgang.“ Selbst Gutscheine, laut Fromm bisher immer eine sehr sichere Bank, würden am Brüninghaus-Platz seltener verlangt. „Das ist eigentlich unfassbar“, stellt er resignierend fest.

Schon die Schließung des WK-Warenhauses habe sich deutlich bemerkbar gemacht. Doch die aktuellen Krisen sorgten dafür, dass sich der Abwärtstrend fortsetze. Der Geschäftsmann spricht von einem Minus in Höhe von 30 bis 40 Prozent monatlich. „Wir strampeln wirklich, um vor Ort bleiben zu können“, zeichnet er ein düsteres Bild für die Zukunft.

Mit zahlreichen Aktionen und Sortiments-Erweiterungen – erst seit kurzem bietet Fromm auch eine Auswahl hochwertiger Spielwaren an – habe er versucht gegenzusteuern. Bisher ohne Erfolg. „Inzwischen bin ich ratlos“, stellt er fest. Lediglich am Donnerstagvormittag, wenn die Markthändler auf dem Platz ihre Stände aufgebaut haben, sei die Welt noch in Ordnung.

Nach wie vor würden sich viele Kunden über die Parkgebühren beschweren. „Obwohl wir sie erstatten und es ja nicht viel Geld ist. Vielen geht es wohl einfach ums Prinzip.“ Carsten Fromm wünscht sich in diesem Zusammenhang, „dass im Rathaus nicht nur darüber nachgedacht wird, wie leerstehende Ladenlokale wieder vermietet oder leere Schaufenster attraktiver gestaltet werden können“. „Ich hoffe wirklich, dass man sich dort auch überlegt, wie man die letzten verbliebenen Einzelhändler unterstützen kann.“

Heike Schröder und ihre Auszubildende Georgina Hoffmann (links) weisen auf den ausgeweiteten Reparaturservice hin, der sehr gut angenommen wird.
Heike Schröder und ihre Auszubildende Georgina Hoffmann (links) weisen auf den ausgeweiteten Reparaturservice hin, der sehr gut angenommen wird. © Witt

Auch an die Werdohler Bevölkerung appelliert der Floristmeister, der inzwischen mittwochs nachmittags geschlossen hat, „weil nichts mehr los ist“: „Wer demnächst noch bei uns oder in anderen Werdohler Geschäften einkaufen möchte, der sollte auch jetzt bei Bedarf in die Stadt gehen – und nicht im Internet bestellen.“

Doch nicht nur das Geschäft mit Blumen, Deko-- und Geschenkartikeln ist rückläufig. Selbst bei Kleidungstücken überlegen die Werdohler momentan offenbar ganz genau, was sie sich leisten wollen oder können. So teilt Gunnar van Geldern, Manager Corporate Communication & PR von Ernsting’s Family nach Rücksprache mit Gebietsleiter Udo Wischnewski mit: „Wir bemerken die Kaufzurückhaltung schon sehr stark dadurch, dass alteingesessene Traditionsfirmen wie das WK Warenhaus an zentraler Stelle, Schuhfachhandel, Eisdiele und noch einige Einzelhändler vor Ort nicht mehr vertreten sind.“

Außerdem weist von Geldern auf teils „erheblich eingeschränkte Öffnungszeiten“ einiger Geschäfte in der Innenstadt hin. Auch das trage natürlich nicht dazu bei, Kaufinteressenten anzulocken. „Unsere Kunden kaufen derzeit verstärkt nach Bedarf aus den Bereichen Wäsche und Kinderbekleidung“, berichtet der Sprecher des Textilhandelsunternehmens. Aktuell sei in der Werdohler Filiale natürlich vor allem warme Kleidung gefragt. Apropos Wärme: „Eine Kaufzurückhaltung aufgrund der Gas- und Strompreiserhöhung merken wir leider ebenfalls bereits“, teilt Gunnar van Geldern mit.

Textil-Discounter Kik, der eine Filiale an der Bahnhofstraße betreibt, reagierte nicht auf eine Anfrage der Redaktion.

Heike Schröder, Mitinhaberin von EP:Schröder berichtet ebenfalls von einem veränderten Kaufverhalten: „Die Kunden kaufen nicht unbedingt weniger, aber anders.“ Denn ohne Fernsehgerät komme doch niemand mehr aus – insbesondere nicht in Krisenzeiten, wenn es wichtig sei, sich jederzeit informieren zu können. „Wenn der Fernseher kaputt ist, dann wird ein neues Gerät angeschafft.“

Doch eines sei den Kunden inzwischen wichtig, wenn die Waschmaschine nicht mehr läuft, der Kühlschrank den Dienst versagt oder die Kaffeemaschine streikt: „Energiesparende Geräte sind gefragt. Die Kunden setzen vermehrt auf Qualität und kaufen bevorzugt Produkte von deutschen Herstellern“, erzählt Heike Schröder.

Ein Comeback erlebten momentan Radios mit Batteriebetrieb. Ein möglicher Blackout sei ein großes Thema; die Kunden wollten auf einen länger anhaltenden Stromausfall vorbereitet sein. Mit Blick auf die Energiekrise seien zudem App-gesteuerte Heizungsthermostate besonders gefragt.

Parallel dazu zeichne sich ein Trend ab, den EP-Schröder ausdrücklich begrüße und fördere. „Wir haben unseren Reparaturservice ausgeweitet; auf alles, was einen Akku oder einen Stecker hat.“ Egal, ob es sich um die Küchenmaschine oder den Kaffee-Vollautomaten handele – wenn es machbar und sinnvoll sei, rate sie zur Reparatur. „Dabei geht es ja nicht nur ums Geld, sondern auch um Ressourcen, um unsere Umwelt und die Kinder unserer Kinder“, unterstreicht Heike Schröder.

Bei den Kunden komme das gut an. „Denn wir tauschen nur das Teil aus, was wirklich kaputt ist“, erläutert die Fachfrau. Und wenn Ersatzteile in diesen Zeiten nicht lieferbar seien, gebe es dafür inzwischen in einigen Fällen schon eine Lösung: „Manche Teile kommen auch schon aus dem 3-D-Drucker.“

Um möglichst viele unterschiedliche defekte Geräte instand setzen zu können, seien regelmäßige Fortbildungen der Mitarbeiter besonders wichtig. „Jeden Mittwoch gibt es eine Online-Schulung zum Thema Reparaturen. Dabei geht es jedes Mal um einen anderen Bereich. Der Austausch mit anderen Fachleuten ist für unsere Mitarbeiter sehr wichtig“, sagt Heike Schröder.

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