Bürgermeisterkandidat Özkan Erdogan im Interview

Özkan Erdogan

Werdohl - „Ich will nicht Bürgermeister werden, ich muss Bürgermeister werden.“ Özkan Erdogan, vor 35 Jahren im Werdohler Krankenhaus geboren, kommt gern mit starken Sätzen: „Warum? Weil ich seit langer Zeit für das Amt bereit bin.“ Der gelernte Elektriker ist seit 19 Jahren bei der Stadtverwaltung.

Von Volker Heyn

Sein Leitsatz lautet: „Der Donner ist gewaltig, aber die Arbeit macht der Blitz.“ Und noch ein Zitat liefert er gleich zum Einstieg in das SV-Interview: „Den Migrationsbonus will ich gar nicht haben. Ich bin Werdohler.“ Erdogan ist der erste türkischstämmige Bürgermeisterkandidat der Stadt Werdohl, erst am allerletzten Tag der Frist hatte er seine Bewerbung beim Wahlamt eingereicht.

Öffentlich in Erscheinung getreten ist er vorher nicht, er habe sich nie ehrenamtlich eingesetzt, gehöre keinem Verein und keiner Partei an und sei auch nicht in einer Glaubensgemeinschaft engagiert. Er sei muslimischer Alevit, sieht sich selbst aber nicht als religiös. Erdogans Vater kam zunächst allein als Gießer an die Lenne. Die Eltern leben beide heute noch in Werdohl, Özkan Erdogan hat noch zwei Schwestern und drei Brüder. Nach der Grundschule in Kleinhammer hatte er die Hauptschule am Riesei besucht und mit der Fachoberschulreife abgeschlossen. Eigentlich habe er Abitur machen wollen, aber der Vater sei zu der Zeit arbeitslos gewesen und Sohn Özkan sollte lieber eine Lehre machen. Die absolvierte er als Elektroinstallateur beim Baubetriebshof. Stolz ist er heute noch darauf, anschließend unbefristet übernommen worden zu sein. Im Zuge der Verwaltungsumstellung unter Bürgermeister Jörg Bora wechselte er 2009 ins Rathaus in die Abteilung für Immobilieninstandhaltung.

Aus seiner Biographie leitet er auch seine Unabhängigkeit ab: „Parteipolitik ist mir wurscht.“ Parteilos zu sein hieße aber nicht, ahnungslos zu sein. Seine Unabhängigkeit sei sein Vorteil als Bürgermeisterkandidat. Er stelle fest, dass immer mehr Entscheidungen in der Verwaltung getroffen würden, die aufgrund von falscher Beratung erfolgt seien. „Ich lasse mich nicht von was überzeugen, das keine Zukunft hat.“ Ihm könne hier keiner was vormachen, er sei von Haus aus Techniker.

Die Hauptaufgabe eines Bürgermeisters sei die Leitung der mehr als 200 Mitarbeiter. Die Sachbearbeiter seien die „Blitze“, die dem Bürgermeister, der in diesem Bild „gewaltig“ sei, zuspielen würden. Ein Bürgermeister könne nicht von allem wissen und müsse sich auf seine Abteilungsleiter und die auf die Sachbearbeiter verlassen. „Ich bin nicht beratungsresistent, das ist in meinem ganzen Leben so.“ Er lasse sich aber von guten Argumenten überzeugen. Woher nimmt er die Überzeugung, den Leitungsaufgaben eines hauptamtlichen Bürgermeisters gerecht werden zu können? Im Interview kommt Erdogan Immer wieder auf seine Unabhängigkeit zu sprechen: „Auch Werdohl sollte unabhängig sein, zum Beispiel auch von einem Sparkommissar.“

Eine Stelle nur für die Wirtschaftsförderung

Von sich aus leitet Erdogan das Gespräch in Richtung Wirtschaft. „Wir brauchen Wirtschaftsförderung, das ist das Erste und Wichtigste für Werdohl.“ Nur damit könne man junge Leute an die Stadt binden. Wirtschaftsförderung sei in der Verwaltung jahrzehntelang vernachlässigt worden. Wenn er Bürgermeister werde, wolle er eine ganze Stelle ausschließlich für Wirtschaftsförderung im Rathaus einrichten und sie am besten mit einem jungen Mann besetzen. Werdohl müsse für Unternehmen attraktiver werden. Wie das funktionieren soll? Man könne für ein paar Jahre als Starthilfe für ein Unternehmen die Gewerbesteuer wegfallen lassen. „Keine Ahnung, ob das rechtlich überhaupt möglich ist, aber was spricht dagegen, das bei den Aufsichtsbehörden ins Gespräch zu bringen?“ Es müsse sich was bewegen, Stillstand sei Tod. „Wenn sich Werdohl nicht in dieser Sache bewegt, werden die Leute wegziehen.“

Was, wenn er fünf Millionen Euro bekäme und sie für Werdohl ausgeben könnte? „Ich lasse mich generell immer beraten. Ich würde die Sachbearbeiter im Rathaus zusammenholen und beauftragen, mich zu beraten, wie wir dieses Geld investieren können.“ Erdogan bringt an dieser Stelle noch einen Leitsatz: Es gebe den „einfachen“ und den „richtigen Weg“. Der richtige Weg sei aber meistens nicht der einfache. Die fiktiven fünf Millionen Euro würde er vorausschauend und in die Zukunft gerichtet investieren: „Das Wichtigste in Werdohl sind die Kinder.“ Den heutigen Kindern und den späteren Jugendlichen müsse Gelegenheit für Ausbildung und Arbeitsplatz gegeben werden. In der Gesellschaft werde ohnehin viel zu kurzfristig gedacht. Als Techniker habe er gelernt, mit Ressourcen nachhaltig umzugehen.

"Mehr in die öffentliche Hand nehmen"

So kommt er auf das Thema Umweltschutz. Klimaschutz bedeute auch immer, Energie einzusparen. Leider sei die Gesellschaft noch nicht immer dazu bereit. Er sei entsetzt, dass sich in Deutschland ein Energieversorger wieder von Windrädern trennen dürfe. „Da bin ich der Meinung: Rekommunalisieren. Wir müssen mehr in die öffentliche Hand nehmen und dafür sorgen, dass nicht profitorientiert gearbeitet wird.“ Nicht Vorstände und Gremien dürften von solchen Entscheidungen profitieren, sondern die Bürger: „Das ist der Hauptfehler in unserer Gesellschaft.“

Ganz wichtig sei auch interkommunale Zusammenarbeit. Der Bauhof müsse umstrukturiert werden, man könne sich Leistungen auch in Lüdenscheid oder Neuenrade holen. Erdogan hat sich auch seine Gedanken zur Haushaltssanierung gemacht. Für freiwillige Leistungen habe die Stadt kein Geld, das wisse er. Dennoch wolle er investieren. Erdogan antwortet mit Beispielen: „In China existiert das Wort Krise gar nicht.“ Krise sei eine Chance, man könne mit den vorhandenen Mitteln effizienter umgehen. Als Techniker sei er überzeugt davon, dass durch Einsparungen Entwicklungen möglich seien.

"Einfach mal den Rasen mähen"

Die Werdohler Haushaltssanierung sehe er perspektivisch: „Nicht abwarten, bis etwas kaputt geht.“ Der „Hauptgedankenfehler“ sei in der Vergangenheit gewesen, zu langsam reagiert zu haben. Man müsse immer sofort und schnell reagieren und nicht immer erst „die langsamen Mühlen der öffentlichen Verwaltung“ abwarten. Der kurze Dienstweg sei oft auch sehr gut. Erdogan kommt mit einem weiteren Beispiel: „Als die ersten Gerüchte kamen, dass Brüninghaus geht, hätte man sofort gegenhandeln müssen.“ Wie steht Erdogan zu einem umstrittenen Projekt wie die Gestaltung des Westparks? Das sei etwas Schönes und etwas Wichtiges, aber man müsse sich fragen, ob sich die Stadt das leisten könne. Er sei davon überzeugt, dass man für den Einsatz von weniger Geld etwas Besseres bekommen könne. Wie bei der Lennepromenade könne man auch den Westpark attraktiver machen: „Einfach mal den Rasen mähen, einfach mal dort ein Picknick machen.“ Werdohl sei eine der schönsten Stadt im Kreis, die Jugendlichen sollten deshalb nicht zum Phönixsee nach Dortmund fahren, sondern an der Lenne bleiben.

Erdogan spannt den Bogen von sich aus in Richtung Demographie: „Was spricht dagegen, Wissen von älteren Generationen und von jüngeren Generationen zusammenzubringen?“ Beim Thema Lenneradweg hat Erdogan eine klare Meinung: Die Fördermittel dafür müsse Werdohl auf jeden Fall in Anspruch nehmen, weil das Geld sonst woanders für Steuerverschwendungen ausgegeben würde. Als Bürgermeister müsse man Visionen wie den Lenneradweg haben und den Menschen diese Visionen erklären. Erdogan bringt da einen Sinnspruch: „Führen durch Zusammenführen.“

Zuerst aber stehe die Information der Bürger: Offenheit und Transparenz stünden ganz oben. Zur Nachtabschaltung hat Erdogan eine ganz klare Meinung: „Die Bevölkerung steht nicht dahinter, das Licht muss wieder angeschaltet werden.“ Zum Schluss des Interviews lässt sich Erdogan auf Persönliches ein: Er habe ein starkes Selbstbewusstsein, aber er wolle nicht, dass das mit Macho-Gehabe gleichgesetzt werden. Andererseits sei er sehr gutmütig, was ihm als Schwäche ausgelegt werde. Er wisse, dass ihm als Mensch die Anforderungen des Bürgermeisteramtes nicht „gut tun“ würden: „Aber ich bin gerne bereit, diese Arbeit für die Werdohler zu machen.“

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