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Vater fährt auf Sohn zu - der rettet sich mit einem Sprung auf die Motorhaube

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Von: Volker Heyn, Thomas Krumm

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Im September 2015 kippte ein Lastwagen in der Borbecke-Kurve um und riss dieses Wohnhaus nieder. Immer wieder war der Besitzer des Hauses gebeten worden, die Trümmer beiseite zu räumen. Mittlerweile ist er vom Märkischen Kreis gezwungen worden, bestimmte Abfälle und Fahrzeuge zu entfernen. Er widersetzt sich allerdings gegen das von der Stadt Werdohl verhängte Zwangsgeld.
Im September 2015 kippte ein Lastwagen in der Borbecke-Kurve um und riss dieses Wohnhaus nieder. Immer wieder war der Besitzer des Hauses gebeten worden, die Trümmer beiseite zu räumen. Mittlerweile ist er vom Märkischen Kreis gezwungen worden, bestimmte Abfälle und Fahrzeuge zu entfernen. Er widersetzt sich allerdings gegen das von der Stadt Werdohl verhängte Zwangsgeld. © Witt, Carla

Im September 2015 verunglückte ein Lastwagen auf der B 229 ausgangs der Kurve im Bereich Borbecke. „Das Haus, in dem der Angeklagte wohnte, ist durch einen Lkw zerstört worden“, fasste Rechtsanwalt Patrick Vanderschmidt im Amtsgericht Altena dieses Geschehen und seine Folgen knapp zusammen.

Werdohl - Nach seinen Angaben hat mehr als sechs Jahre nach dem Unfall keine Versicherung den Schaden beglichen. Das entbindet den Eigentümer aber nicht davon, dass er sich um sein Grundstück kümmern muss. Das wurde bei einer Strafsitzung im Amtsgericht Altena deutlich, bei der diese Geschichte den Hintergrund für eine versuchte Nötigung lieferte.

Denn der Märkische Kreis hatte dem Eigentümer und jetzigem Angeklagten eine Ordnungsverfügung geschickt, derzufolge er Fahrzeuge und Abfälle auf seinem Grundstück entsorgen musste. Weil er dieser Aufforderung nicht nachkam, verhängte die Stadt Werdohl ein Zwangsgeld.

Der Angeklagte wehrte sich gegen die Vollstreckung und ließ einer zuständigen Sachbearbeiterin der Stadt über eine weitere Person ausrichten, er werde sie „anstecken“, wenn sie die Vollstreckungsverfügung nicht zurücknehme. Ohne viele Worte zu machen, gab der Angeklagte diese Tat zu. Damit hatte sich der erste Tatvorwurf gegen den 46-Jährigen bestätigt.

Dramatischer war eine Geschichte, die sich am 9. Mai 2020 ebenfalls in Werdohl zutrug. Der Sohn des Angeklagten hatte dabei Mühe, sich auf der Kühlerhaube des väterlichen Autos festzuhalten. Die Anklage schilderte das Geschehen etwa so: Der Angeklagte fuhr an und auf den Zeugen zu, der sich durch einen Sprung auf die Motorhaube rettete. Dann sei er im Slalom gefahren, damit sein Sohn von der Motorhaube fällt. Der habe sich aber am Scheibenwischer festhalten können.

Der 23-jährige Sohn machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Zeugen aus der Nachbarschaft hatten aber Anfang und Ende des Geschehens beobachtet. „Der Sohn stellte sich vor das Auto. Er ist hochgesprungen, als der Angeklagte beschleunigte. Dann lag er auf der Motorhaube – flach auf dem Bauch, die Beine in Fahrtrichtung“, erklärte ein Zeuge, der das Auto kurz darauf aus dem Blick verlor.

Ein weiterer Zeuge beobachtete das Ende der Fahrt: „Das ging heftig zur Sache. Es floss auch Blut.“ Das Schöffengericht kam letztlich trotz der recht dramatischen Szene zu dem Ergebnis, „dass der Angeklagte nicht ernsthaft vorhatte, seinen Sohn zu verletzen“. Übrig blieb für die juristische Endabrechnung aber dennoch ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Die dritte Straftat war eine Beleidigung von Feuerwehrleuten und Polizisten am 12. Januar 2019.

Das Schöffengericht erstellte die Gesamtrechnung nach den bekanntermaßen etwas abweichenden juristischen Additionsregeln und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je 20 Euro.

Nachbarschaft wendet sich gegen ihn, Tierschützer beschweren sich, Anzeige vom Kreis

Der heute 46-jährige Werdohler Grundstücksbesitzer hatte in der Vergangenheit mehrfach unfreiwillig Kontakt mit den Behörden und seinen Nachbarn. Schon kurz nach dem Einsturz seines Wohnhauses wurde die Verwaltung vom Werdohler Rat befragt, welche Mittel man habe, um den „Schandfleck“ an der B 229 beseitigen zu können. Jahrelang hatte es geheißen, dass von den Trümmern keine öffentliche Gefahr ausgehe und der Eigentümer das Recht habe, auf seinem Grundstück Bauschutt zu lagern. Frühere Behördenprüfungen hatten ergeben, dass auch von den abgestellten Fahrzeugen keine Gefahr für die Verse ausgehe.

Im April 2017 war er als Angeklagter vor das Amtsgericht geladen, weil seine Tochter ihm Körperverletzung vorgeworfen hatte. Die damals 22-Jährige hatte angegeben, von ihrem Vater mit einer Hantelstange auf den Kopf geschlagen und mit dem Messer bedroht worden zu sein. Sie habe ihren Vater in der Absicht vor Gericht gebracht, damit ihm Hilfe zuteil werde. Ihr Vater sei psychisch gefährdet und lebe quasi obdachlos in einem Auto auf dem Grundstück.

Im März 2018 formierten sich Nachbarn auf offener Straße und zeigten mit dem Finger auf den zusammengebrochenen Haufen. Mitglieder der Siedlergemeinschaft Borbecke unter Antje Klittich warfen dem Mann Verwahrlosung vor, man fürchte eine Abwertung des eigenen Besitzes. Ein Siedler gab an, Unterlagen zu besitzen, die eine Kontaminierung des Bodens durch eine frühere Metallwarenfabrik an der Stelle des heutigen Trümmerhaufens nachweisen würden. Die Ergebnisse eines anschließenden Behördentermins mit der Stadt Werdohl und dem Märkischen Kreis wurden auch auf Nachfrage nicht öffentlich bekannt gegeben.

Im Februar 2021 hatte der Grundstückseigentümer Probleme mit Tierschützern, die eine kaum tiergerechte Haltung von zwei großen Hunden auf dem Abbruch-Grundstück verfolgten. Wie diese Zeitung lange vorher hatte jetzt ein Fernsehsender berichtet. Kreisveterinär Dr. Jobst-Ulrich Trappe kennt die Tiere seit Jahren, die in einem Zwinger auf dem Grundstück gehalten werden. Seine Feststellung als Amtstierarzt lautete damals: „Der Halter erfüllt im Augenblick die Mindestanforderungen nach der Tierschutz-Hundeverordnung.“ Der Zwinger entspreche zumindest formal den gesetzlichen Anforderungen. Auch die Sauberkeit sei „soweit in Ordnung“.

Der 46-Jährige weiß um die Vorwürfe gegen ihn und seine Lebensführung, er ist stolz auf sein selbstbestimmtes Leben abseits gesellschaftlicher Übereinkünfte: Auf Nachfrage sagte er im Frühjahr 2021: „Ich gehe meine eigenen Wege.“ Psychisch krank sei er nicht, sagt er, direkt darauf angesprochen. Einmal sei er für 24 Stunden zwangseingewiesen, danach aber wieder entlassen worden. Im Augenblick sei er arbeitslos.

Er hatte immer wieder angegeben, die Versicherungssumme für das Wohnhaus nicht in Anspruch zu nehmen, weil ihm höchstwahrscheinlich ein Neubau an derselben Stelle behördlich verwehrt werde. Er wolle sich alle Optionen offenhalten, um vielleicht doch noch an diesem Platz ein Haus errichten zu können.

Kreis-Pressesprecher Alexander Bange erklärte auf Nachfrage, dass der Kreis den Eigentümer im Oktober 2019 aufgefordert habe, eine Reihe von Abfällen zu beseitigen. Dabei ging es um alte Fahrzeuge und weitere Abfälle – und ausdrücklich nicht um den Bauschutt. Die Frist zur Beseitigung der Abfälle ließ der Eigentümer aber verstreichen. Bange: „Bei Ortsterminen kam es darüber hinaus zu Vorkommnissen, die zur Anzeige gebracht wurden.“ Die Situation auf dem Grundstück sowie die Wohnverhältnisse seien weiterhin zu prüfen und Bestand eines laufenden Verfahrens. Hier gehe es vorrangig um Fragen der Wohnungs- und Bauaufsicht.

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