Viel Fördergeld vom Land

Werdohl wird zur Modellkommune: So sollen Roma in die Gesellschaft integriert werden

Michael Tauscher (rechts) und Jörg Wierig genannt Schärf von der Stadt Werdohl arbeiten seit einem Jahr an dem Projekt „Europa für alle “ (Efa) zur Integration von Roma-Familien. Im Gewerbehof an der Neustadtstraße schaut die vom Hagener Streetart-Künstler Martin Bender entworfene Frauenfigur „Efa“ auf die wegen der Corona-Pandemie brach liegenden Fitnessgeräte.
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Michael Tauscher (rechts) und Jörg Wierig genannt Schärf von der Stadt Werdohl arbeiten seit einem Jahr an dem Projekt „Europa für alle “ (Efa) zur Integration von Roma-Familien. Im Gewerbehof an der Neustadtstraße schaut die vom Hagener Streetart-Künstler Martin Bender entworfene Frauenfigur „Efa“ auf die wegen der Corona-Pandemie brach liegenden Fitnessgeräte.

Rund 500 Menschen aus Bulgarien und Rumänien leben in Werdohl, die meisten von ihnen sind Roma. Das Land NRW hat der Stadt Werdohl und dem Märkischen Kreis 300 000 Euro zur Verfügung gestellt, um diesen Familien Teilhabe zu ermöglichen und soziale Probleme in der Innenstadt abzufedern.

Zweieinhalb Stunden brauchten der städtische Integrationsbeauftragte Michael Tauscher und Silke Ewald vom kommunalen Integrationszentrum des Kreises am Dienstag, um den Mitgliedern des Werdohler Sozialausschusses das Förderprojekt „Efa – Europa für alle“ für zugewanderte Roma-Familien nahezubringen. Bereits seit einem Jahr wird an diesem vom Land zugewiesenen Projekt in Werdohl intensiv gearbeitet, ohne dass es der Politik oder der Öffentlichkeit so richtig bewusst geworden war.

Kritik daran brachte der CDU-Sprecher und stellvertretende Bürgermeister Dirk Middendorf deutlich zum Ausdruck: „Wir können nicht verstehen, dass schon ein Jahr lang an diesem Projekt gearbeitet wird, ohne dass wir als Politik in Kenntnis gesetzt waren, geschweige denn gefragt wurden.“ Das sollte es aber auch schon sein an Vorwürfen. Vertreter aller vier Parteien im Rat zollten der geleisteten Arbeit Respekt, bedankten sich für den hohen Einsatz der Mitarbeitenden und sagten ihre vollständige Unterstützung zu.

Erbarmungswürdiges Elend auf der einen, gute Chancen auf der anderen Seite

Was bei der Sitzung am Dienstag im Festsaal Riesei zu hören war über die Zuwanderung aus Südosteuropa ins beschauliche Werdohl, zeigte erbarmungswürdiges Elend auf der einen und gute Chancen auf der anderen Seite auf. Eines gelte es festzustellen, so Silke Ewald, die viel Arbeitszeit in das Werdohler Projekt steckt: „Durch das Förderprojekt sind wir sensationell aufgestellt in Werdohl. Andere Kommunen sind neidisch auf uns, weil wir so viel Geld zur Verfügung haben und weil wir mit den beiden Kulturmittlerinnen zwei absolute Glücksfälle haben anstellen können.“

Um das Landesprojekt habe sich weder das kommunale Integrationszentrum des Kreises noch die Stadt Werdohl beworben, erklärte Ewald: „Kurz vor Weihnachten 2019 ist das Land auf uns zugekommen und hatte von uns ein Konzept verlangt.“ Denn in Werdohl leben legal rund 500 Roma – für eine Stadt mit rund 16 000 Einwohnern eine überdurchschnittlich große Anzahl. Eine unbekannte Zahl von hier nicht Gemeldeten kommt hinzu. So geriet Werdohl als Kleinstadt mit Modellcharakter bei der Roma-Integration des Landes in den Mittelpunkt. Tauscher und Ewald erarbeiteten ein Konzept für kleinstädtische Strukturen, das offenkundig Anklang fand. Für den Förderzeitraum von April 2020 bis Ende 2022 gab es mehr als 300 000 Euro.

Zunächst wird Basisarbeit geleistet

Im ersten Jahr wurde viel Basisarbeit geleistet. Die in Balve lebende Bulgarin Margarita Enchewa wurde Vollzeit als Kulturmittlerin eingestellt, sie spricht neben Bulgarisch und Deutsch auch die eigene Sprache der Roma. Alexandrina Martin aus Plettenberg ist in Teilzeit als rumänische Sprachmittlerin angestellt. Auf 220 Quadratmetern sind Beratungs- und Besprechungsräume im städtischen Gewerbehof an der Neustadtstraße renoviert, möbliert und bezogen worden. Sogar ein ganzes Fitnessstudio ist aufgebaut und wartet samt Trainer auf Abruf auf die jungen Leute. Die Geräte wurden übrigens gebraucht und sehr preiswert bei der Auflösung einer Physiotherapiepraxis in Hessen ergattert. Sobald Corona es zulässt, soll hier ein soziales Sportangebot geschaffen werden.

Michael Tauscher von der Stadt und Silke Ewald vom kommunalen Integrationszentrum stellten „Efa“ vor.

Die Mittlerinnen haben bereits Kontakte zu rund 40 Familien aufgebaut. Die Menschen seien außerordentlich scheu und sehr misstrauisch, berichtete Margarita Enchewa dem Ausschuss. Nur mit erheblichem Einsatz sei es gelungen, das Vertrauen der Roma-Familien zu gewinnen. Geholfen wird im Augenblick nur in Einzelgesprächen und Begleitungen. „Die Leute kommen mit ganzen Tüten voller Formular zu uns“, beschreiben Tauscher und Enchewa die Hilfenachfrage. Zuerst gehe es ausschließlich um Unterstützung und Information.

Verbindung zu vorhandenen Einrichtungen aufgebaut

Ein Jahr lang haben sich die Efa-Leute mit den hier vorhandenen Hilfeeinrichtungen verbunden, schließlich sollen auf keinen Fall Doppelstrukturen entstehen. So ist klar, dass das Bildungswerk Tertia die Sprachkurse anbietet und nicht die Stadt. Nicht gefördert wurde übrigens die Anschaffung eines Kleinbusses, auch eine eigene Stelle für Schulsozialarbeit wird es nicht geben – weil man niemanden dafür findet.

Eindringlich baten Tauscher und Ewald darum, das Förderprojekt als langfristige Zukunftsaufgabe zu sehen. „Der Zuzug aus Bulgarien und Rumänien wird weiter anhalten, die Menschen werden auf lange Sicht hier bei uns leben und nicht mehr weggehen.“

Probleme auf dem Colsman-Platz

Tauscher, Ewald und Enchewa wurden auch auf das kaum zu akzeptierende Verhalten von denen angesprochen, die sich oft in großer Zahl auf dem Colsman-Platz aufhalten. Die Männer seien jedenfalls nicht gefährlich, hieß es. Im Efa-Projekt werde allerdings mit allen Kräften daran gearbeitet, genau diese Verhältnisse zu verbessern. Tauscher versprach, ab sofort über alle Entwicklungen bei Efa zu berichten.

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