Bäume in Werdohl unter Stress

Frank Bossong weiß, wie es um die Werdohler Bäume steht.

WERDOHL ▪ „Nur ein Viertel der Bäume in unseren Wäldern ist gesund“ – Revierförster Frank Bossong zieht eine eher negative Bilanz, was die Gesundheit der Wälder in und um Werdohl anbelangt.

Von Andrea Mackenbruck

Zwar gebe es Abstufungen beim Zustand der Bäume, aber insgesamt gesehen sei die Lage „nicht überragend“. „Wenn man aus dem Fenster guckt, sieht alles so schön grün aus“, beschreibt der Förster den oberflächlichen Eindruck, den viele beim Anblick des Waldes haben. Doch Fakt ist: Um die Vitalität von Laubbäumen und vor allem auch Fichten ist es nicht gut bestellt.

Ein Hauptschuldiger für die Misere ist in Bossongs Augen aber nicht auszumachen. Es seien vielmehr mehrere Faktoren, die den Bäumen und ihrer Gesundheit zusetzen würden. Da ist zum einen die Bodenversauerung zu nennen. Über die Luft wird Säure in den Boden eingetragen. Früher war vor allem die Schwerindustrie Verursacher, heute werden vor allem durch Straßenverkehr schädliche Stoffe in die Luft geblasen. Der Förster weiß, dass es dadurch vor allem zu Schäden im Feinwurzelsystem der Bäume kommt. In Trockenperioden, wie sie durch den Klimawandel immer häufiger auftreten, fehlt den Pflanzen Flüssigkeit und sie kommen in „Wasserstress“, wie es der Fachmann nennt.

Doch damit nicht genug: Zusätzlichen Stress verursachen pilzliche Erreger oder Insekten. Viele Eichen würden so zum Beispiel durch Fraßgesellschaften, die aus den Raupen des Frostspanners und des Eichenwicklers bestehen, geschwächt. In manchen Gebieten führt das sogar zum Aussterben der Baumart. Trockene, warme Frühjahre wie in diesem Jahr begünstigen die Entwicklung der Schädlinge.

Entspannung für die Bäume ist aber auch wegen anderer Faktoren nicht in Sicht. „Wenn es warm ist, kommt es zu einer vermehrten Fruchtbildung, zum Beispiel bei Buchen“, erklärt Bossong. „Die Energie, die der Baum dort reinsteckt, schwächt ihn wiederum.“

Vor allem der Klimawandel bereitet Förstern wie Frank Bossong Kopfzerbrechen. Aber diesem „langfristigen Stressfaktor“ könne nur schwer entgegengewirkt werden. Flachwurzler wie die Fichte würden auf lange Sicht verschwinden – die langen Trockenperioden setzen ihr zu sehr zu.

In Sachen Klimawandel stehen die Förster vor Ort vor einem weiteren Problem: Die Auswirkungen auf den Werdohler Wald sind zwar deutlich spürbar, aber ihren Ursprung haben sie auf globaler Ebene in Ländern wie China oder Indien, deren Industrie rasant anwächst. Da ist Frank Bossong machtlos und kann nur auf politische Regelungen hoffen.

Aber einige Maßnahmen, die die Gesundheit des Waldes längerfristig sicherstellen, können dann doch ergriffen werden: Gegen die Versauerung des Bodens wird kohlen-saurer Magnesiumkalk ausgestreut. Drei Tonnen pro Hektar werden dabei per Hubschrauber auf dem Waldboden verteilt. Diese Maßnahme habe aber keine Tiefenwirkung, so der Fachmann.

Um die Vitalität der Wälder zu stärken und sie weniger anfällig für Krankheiten zu machen, setzen Förster wie Bossong zudem auf Mischwälder. Das sei zum einen bodenpfleglicher, da die unterschiedlichen Baumarten verschieden tief wurzeln und somit das Wasser besser im Boden halten. Außerdem enthalten die herabfallenden Blätter von Laubbäumen mehr Nährstoffe, die dann wiederum aufgenommen werden können. Ein weiteres Argument für Mischwälder: Im Falle einer Krankheit oder eines Schädlings, der nur eine Baumart befällt, muss nicht der ganze Bestand dran glauben. Damit die Werdohler Bäume nach dem trockenen Frühjahr nicht zusätzlichem Stress ausgesetzt sind, hofft Förster Frank Bossong, dass in den kommenden Monaten nicht das kommt, was andere einen Traumsommer nennen. Ihm und dem Wald wäre gelegentlicher Regen ganz Recht.

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