„Schlimmer und härter“

Abdullah Hamo verfolgt im Internet die Geschehnisse in seiner ursprünglichen Heimat Syrien.

WERDOHL ▪ Wenn Abdullah Hamo die Nachrichten im Fernsehen verfolgt, wird er täglich mit Bildern aus seiner Heimat konfrontiert, die ihn zugleich traurig und wütend stimmen. Vor mehr als zehn Jahren verließ er Syrien, doch der Bürgerkrieg dort lässt ihn auch in Deutschland nicht los. Von Andreas Mackenbruck

2001, als er sich entschloss, das Land zu verlassen, nahm die Diskrimierung religiöser Minderheiten und politisch Andersdenkender nach Hamos Angaben zu. Er selbst ist Kurde und gehört so zu einer Volksgruppe, die einen eher geringen Anteil der Gesamtbevölkerung in Syrien ausmacht. Außerdem ist er Anhänger des Jesidentums, einer eigenständigen Religion.

Hamo und seine Familie stammen aus dem Norden Syriens und lebten ungefähr zehn Kilometer entfernt von Al-Hasaka. Er hatte schon damals das Gefühl, seine Meinung nicht frei äußern zu können und dass Mitglieder der regierungsnahen Baath-Partei bevorzugt wurden. Darum ermöglichte er zuerst seiner Frau und den sechs gemeinsamen Kindern die Flucht nach Deutschland. Sechs Monate später folgte er ihnen.

Nach ihrer Ankunft in Werdohl wurden sie im Wohnheim in Pungelscheid untergebracht und litten unter den schlechten Bedingungen dort, zum Beispiel unter fehlenden Heizungen. Mittlerweile leben sie in einer geräumigen Wohnung, die ihnen von der Stadt zur Verfügung gestellt wird.

Hamo ist momentan arbeitslos – eine Tatsache, die ihn sehr belastet. 2010 arbeitete er zehn Monate lang bei einem Supermarkt in Hannover. Sein Chef sei sehr zufrieden mit seiner Leistung gewesen, betont er. Sein Plan war es, dort dauerhaft zu bleiben und seine Familie nachzuholen. Doch laut Hamos Angaben wurde sein Bleiberecht zunächst nicht verlängert, wodurch er die Stelle verlor.

Dabei hat sich der Familienvater von Anfang an bemüht, hier schnell heimisch zu werden. Er habe sich zunächst selbst Deutsch beigebracht. Aber: „Ich bin natürlich nicht zufrieden, weil ich nicht wie ein Deutscher spreche“ sagt er, obwohl er die Sprache sehr gut beherrscht.

Hamo informiert sich auf unterschiedlichen Wegen über die Lage in seinem Heimatland. Vor allem das Internet liefert ihm Information direkt von Betroffenen. Die Nachrichtenlage in Europa sieht er eher kritisch: „Das ist eine Einbahnstraße.“ In seinen Augen sei die Berichterstattung zu einseitig.

Auch die sogenannte Syrische Freie Armee habe viele Verbrechen verübt, die Regierung unter Bascha al-Assad sei nicht so, wie oft dargestellt. In seinen Augen hätten die religiösen Minderheiten von Assad und seinen Anhängern weniger zu befürchten als von den Oppositionellen.

Für den Fall eines Sturz des Präsidenten befürchtet er vielmehr ethnische Säuberungen. Die arabischen Nationalisten, die bislang die Politik mitbestimmt hätten, könne er auch nicht befürworten, aber die Islamisten fürchtet er noch mehr. Hamo ist sich sicher, dass ein Ende der Gewalt im syrischen Bürgerkrieg noch lange nicht in Sicht ist: „Es kommt noch schlimmer und härter.“

Schon jetzt seien Verbrechen an der Tagesordnung, wie er durch seine Facebook-Kontakte immer wieder erfahre. Zwei seiner Bekannte seien von der Syrischen Freien Armee entführt und erst nach der Zahlung eines Lösegeldes wieder freigelassen worden. Andere berichteten vor Überfällen und Gewalt.

In Deutschland fühlt er sich wohl, es gibt einige Eigenschaften, die er an diesem Land mag: „Die deutsche Regierung kämpft gegen Hass.“ Ihn beeindruckt dieser Einsatz gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit. Außerdem schätze er die Sicherheit vor Ort. Bei Problemen sei „in fünf Minuten die Polizei da“.

Seine Kinder, die im Alter zwischen vier und 18 Jahren sind, dächten kaum an Syrien. Sie hätten sich hier eingelebt, gehen in den Kindergarten, aufs Gymnasium und die Gesamtschule und sind im Fußballverein. Er möchte, dass seine Kinder in Deutschland aufwachsen. Gespräche über Politik und Religion seien verboten – „beides bringt nur Hass.“

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