Siga an der Neustadtstraße muss schließen

Die Siga an der Neustadtstraße schließt. - Foto: Peuckert

Werdohl - „Konzeptionell ist es toll, aber es ist einfach nicht mehr wirtschaftlich“, bringt Heinz Menzel die aktuelle Lage der „Selbsthilfe-Initiative für gestaltende Arbeiten“ (Siga) auf den Punkt. Und so muss die Werkstatt an der Neustadtstraße im Juni geschlossen werden. Aber es gibt Alternativen.

Heinz Menzel ist Leiter aller Einrichtungen der evangelischen Frauenhilfe. Dazu gehört auch die Siga. 1989 eröffnete sie in der unteren Etage des Gewerbehofes an der Neustadtstraße. In den Werkstätten konnten Menschen mit psychischen Erkrankungen einer geregelten Arbeit nachgehen. Schnell sei der Platz zu wenig geworden und es kam zum Umzug an die Brüderstraße.

Einige Jahre später erfolgte die Anbindung der Siga an das Märkische Institut für Rehabilitation (MIR) in Plettenberg. Doch mit der Zeit ging die Zahl der Aufnahmen zurück. Letztlich musste das MIR schließen, was auch die Siga vor die Frage stellte: „Wohin nun?“ Schließlich zog die Werkstatt zurück an die Neustadtstraße. Dieses Mal allerdings eine Etage höher. In vielen Räumen konnten eine Montageabteilung, eine Schneiderei, eine Schreinerei und eine Buchbinderei eingerichtet werden. Anfangs übernahm die Arbeitsagentur (Arge) die Kosten für die Maßnahmen. Doch diese Unterstützung fiel bald weg. Übrig blieb der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der die Mittel für die tagesstrukturierenden Maßnahmen zur Verfügung stellt. „Das reicht aber nicht aus. Wir haben mehr Ausgaben als Einnahmen. Und das über Jahre schon“, sagt Menzel.

Zu den finanziellen Sorgen kämen personelle dazu. Immer häufiger fielen Männer und Frauen aufgrund ihrer Erkrankungen aus. Viele Aufträge von Firmen waren nicht mehr zu schaffen. Als Folge mussten immer mehr Bereiche geschlossen werden.

Davon betroffen war im November vergangenen Jahres auch die Buchbinderei. Sehr zum Leidwesen von René Hoyer. Er arbeitete 15 Jahre lang mit viel Spaß und Engagement in der Buchbinderei. „Es hat nie an Aufträgen gemangelt“, erzählt er. Aber zum Schluss seien sie nur noch zu zweit in der Binderei gewesen: „Das war nicht mehr zu schaffen.“

Jetzt müssen sämtliche Maschinen wie eine Schlagschere, ein Prägnant mit vielen Bleibuchstabensätzen, eine Presse, Bohrmaschinen und Sägen aus der Schreinerei sowie zahlreiche kleinere Werkzeuge verkauft werden.

Im Dezember fiel die Entscheidung, die Siga an der Neustadtstraße ganz zu schließen. Mit der Überbringung der Nachricht an die Arbeiter wartete Heinz Menzel absichtlich bis nach Weihnachten. „Die Mitarbeiter zeigten sich sehr betroffen“, erinnert sich Menzel.

Bis Ende März sollen die Räume an der Neustadtstraße leer sein. Ein Aus für die Siga bedeutet das jedoch nicht, verrät Menzel. An der Bahnhofstraße 26 laufen gerade Renovierungsarbeiten auf Hochtouren. Dort soll ab 1. April eine Tagesstätte für Menschen mit schweren psychischen Problemen entstehen. Für psychisch stabilere Mitarbeiter wie René Hoyer gibt es ab April im Haus Wegwende die Möglichkeit, in einer dort neu eingerichteten Montageabteilung zu arbeiten.

Von Jana Peuckert

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