Spezialprodukte für Linkshänder

Seit 1976 wird am 13. August der internationale Linkshändertag begangen.

WERDOHL ▪ „Nimm doch das schöne Händchen!“ – An diesen Spruch werden sich vermutlich noch viele Linkshänder erinnern. Früher war es verpönt mit links zu schreiben, heute gibt es sogar allerhand Produkte, die Linkshändern das Leben erleichtern sollen. Von Andrea Mackenbruck

Pünktlich zum Schulanfang halten auch die Werdohler Geschäfte einiges für diejenigen bereit, die im Alltag hauptsächlich die linke Hand benutzen. Knallbunte Lernfüller, Collegeblöcke, kindgerechte Bastelscheren – im WK gibt es einige Spezialprodukte. Sabrina Ripkens, die in der Schreibwarenabteilung arbeitet, erklärt einige Unterschiede: „Bei den Füllern sind die Griffmulden anders angeordnet.“ Und bei den Blöcken befindet sich die Drahtspirale nicht an der Seite, sondern oben. Andernfalls würden Linkshänder sich beim Schreiben darauf stützen. Wenn Eltern kommen, um kurz vor der Einschulung einen Füller für ihren Nachwuchs zu kaufen, muss sie aber oft nachhaken: „Viele wissen gar nicht, dass es spezielle Linkshänderprodukte gibt. Deswegen frage ich nach.“

Auch Katrin Guntermann, die in ihrem Buchladen „Lesen und Ambiente“ unter anderem auch Schreibwaren verkauft, war bis vor Kurzem gar nicht bewusst, dass es zum Beispiel Kugelschreiber eigens für diese Personengruppe gibt. Seit kurzer Zeit hat sie die Schreibgeräte aber auch im Angebot und schon einige davon verkauft.

Meistens stellt sich schon Jahre vor der Einschulung heraus, ob Kinder eher die linke oder rechte Hand benutzen. Der Neuenrader Kinderarzt Gerd Hildebrand behandelt auch viele Werdohler. Er erklärt, dass sich die Händigkeit zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr schon entscheidet. Eltern könnten dann schon erkennen, mit welcher Hand das Kind häufiger nach Rassel und Kuscheltier greift. Hildebrand beobachtet, dass nur noch äußerst selten besorgte Väter und Mütter bei ihm in der Praxis auftauchen, weil ihr Kind offensichtlich mehr mit links macht. „Das ist kein großes Thema mehr“, bestätigt er. Ob Links- oder Rechtshänder – beide haben in seinen Augen weder Vor- noch Nachteile. Er selbst ist ebenfalls Linkshänder. Während er aber mit links schreibt, hält er den Tennisschläger oder das Besteck eher mit der rechten Hand. Wenn seine Feinmotorik gefordert ist, nutzt er dagegen häufiger die linke Hand, hat der Kinderarzt festgestellt. Die Umgewöhnung auf rechts, die früher üblich war, hält er für unnötig und „nicht besonders nett“.

Sandra Koch, Leiterin der Kindertagesstätte Wunderkiste, stimmt in dieser Einschätzung mit ihm überein. Es sei unter anderem ihre Aufgabe und die ihrer Erzieherkolleginnen darauf zu achten, wie es um die Händigkeit der Kinder bestellt ist. Einfluss wird aber nicht genommen. Vor allem bei Tätigkeiten wie malen oder Besteck halten zeige sich, ob die linke oder rechte Hand die dominante ist. Diese Daten werden zusammen mit anderen Beobachtungen gesammelt und mit dem Einverständnis der Eltern auch an die Schulen weitergegeben. Das sei sinnvoll, damit die entsprechenden Hilfsmittel wie Füller oder Scheren angeschafft werden könnten. Sogar der Sitzplan in der Klasse muss unter Umständen entsprechend umgestaltet werden: Wenn ein Kind mit links schreibt und rechts neben einem Rechtshänder sitzt, können sich die beiden in die Quere kommen. Auch Koch hat festgestellt, dass Eltern und Kinder mittlerweile entspannt mit Linkshändigkeit umgehen. Zehn bis 15 Prozent der Kindergartenbesucher würden eher die ehemals „unschöne“ Hand nutzen.

Bei Tobias Schmidt, der seit fünf Jahren als Fotograf bei Atta Fotowelt arbeitet, wurde erst sehr spät diagnostiziert, dass er eigentlich Linkshänder ist. Als er kurz vor der Einschulung stand, nahm er an einer Therapie teil, weil der Verdacht auf eine motorische Störung bestand. Dort wurde ihm beigebracht, hauptsächlich seine rechte Hand zu nutzen. Als er einige Jahre später erneut zu einer Untersuchung musste, stellte sich heraus, dass der 25-Jährige eigentlich Linkshänder war – und sozusagen versehentlich umerzogen wurde. „Meine Mutter nennt mich einen verkorksten Linkshänder“, meint er lächelnd. Heutzutage macht er einiges mit links, anderes mit rechts. An einer Tafel kann er sogar mit beiden Händen schreiben.

„Auf rechts getrimmt“ wurde dagegen Mayk Schröder, Inhaber des EP-Elektronikladens in der Innenstadt. „Ich habe aber keinen Schaden genommen“, meint er lachend, als er davon erzählt, dass er mit rechts schreiben lernen musste. Mittlerweile nutzt er beide Hände, aber die Saiten seiner Gitarre zupft er mit der rechten Hand.

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