Literarische Ruhrpottliebe in der Mensa

Gespannt lauschten die Schüler den Ausführungen der jungen Autorin und merkten, dass auch in der größeren Stadt Dortmund Jugendliche Probleme haben und nicht alles besser ist.

Werdohl - Lena Schätte liest schnell. Ihr Vortrag gibt die Geschehnisse ihres Debüt-Romans „Ruhrpottliebe“ distanziert-sarkastisch wieder. Die 21-Jährige betont dabei pointiert. Die Zuhörer lauschen ihr konzentriert. Am Ende erhält sie herzlichen Applaus in der Mensa der Albert-Einstein-Gesamtschule (AEG).

Der zwölfte Jahrgang, der ihr Publikum ist, ist angetan. „Gar nicht mal so schlecht“, findet ein junger Mann nach der 45-minütigen Lesung beim Herausgehen das soeben Gehörte. Eine seiner Mitschülerinnen erkundigt sich derweil danach, wo sie das Buch erwerben könne.

Eine Dreiviertelstunde zuvor begrüßt die Autorin die Menge nervös mit den Worten: „Ihr seid ganz schön viele. Falls ich kollabiere, bringt mich bitte in die stabile Seitenlage.“ Bevor Schätte eine Ausbildung zur Krankenschwester begann und ihr Buch schrieb, war sie Schülerin an der AEG.

Das, was sie in „Ruhrpottliebe“ schildert, trifft die Lebenswelt ihrer Zuhörer an diesem Tag. Da benötigen Singles aus Sicht ihrer Eltern einen Behinderten-Ausweis, alle anderen leben „im offenen, monogamen Vollzug“. Wer verliebt ist, findet die Musik von James Blunt „plötzlich nicht mehr allzu schwul“. Die Zwölftklässler schmunzeln, wenn sie bemerken, dass die Romanfiguren und vielleicht auch die Autorin ebenso denken, wie sie selbst. Die Gesamtschüler nicken, lachen und erkennen sich wieder – etwa bei der Schilderung eines Discotheken-Besuchs: eine Mischung aus Schminke, Alkohol, Elektro-Beats und Nikotin – von allem zu viel. Und aus der Sicht von Schättes Club-Besuchern tragen Mitt-Vierziger bereits ihre dritten Zähne.

Wer „Tattoos aus dem vorvorletzten Sommer“ trägt, ist in „Ruhrpottliebe“ bereits out. Schätte schildert beklemmende Szenen, in welchen aus Facebook-Profilen plötzlich „ein realer Mensch“ wird und in denen falsche SMS-Empfänger für äußert peinliche Momente sorgen.

Ihr Roman spielt in Hagen und Dortmund. Die Zuhörer am AEG träumen sicher oft von der großen Stadt. So sind sie wohl überrascht, als die 21-jährige Roman-Schreiberin, eine ihrer Hauptfiguren sagen lässt: „Dortmund ist doch tot. Jeder, der nur etwas im Kopf hat, geht. Der Rest hängt frustriert an den Bushaltestellen herum.“ Schulleiter Reinhard Schulte, der in Dortmund wohnt, bestätigt im Anschluss an die Lesung im Gespräch mit Schätte: „Das mit den Bushaltestellen ist wirklich so.“

Die Menschen im Buch leben in einer Welt, in der Distanz schick ist. Verliebte, die ihre Zuneigung durch Nähe gar Berührungen zeigen, werden von der Hauptfigur Dana verächtlich „Schalke-Pärchen“ geschimpft.

Die Akteure in „Ruhrpottliebe“ leben in einer Welt, in der Pornos und Mode hoch im Kurs stehen. Sie sind Heranwachsende einer Altersklasse, in der es selten ist, dass sie Tage erleben, an denen sie sich selbst mögen.

Manch AEG-Zwölftklässler mochte sich nach dieser Lesung möglicherweise selbst ein Stück mehr, hatten sie doch gerade gemerkt, dass sie mit ihren Empfindungen und Erfahrungen gar nicht allein sind.

Von Michael Koll

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