Eltern, Betreuer und Träger zweifeln an Umsetzbarkeit

Aus Werdohl kommt große Kritik an Kibiz-Reform

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Werdohl - Mehr Personal, längere Öffnungszeiten und ein weiteres Kita-Jahr gratis: Die Eckpunkte der geplanten Reform des NRW-Kinderbildungsgesetzes klingen gut. Und stoßen dennoch auf erhebliche Kritik bei Eltern, Betreuern und Trägern. Sie zweifeln an der Umsetzbarkeit. Das hat die CDU bei einem Info-Abend in Werdohl deutlich zu spüren bekommen.

Wirklich überzeugen konnte Jens Kamieth, Sprecher der CDU-Landtagsfraktion für Familie, Kinder und Jugend, Teile der rund 40 Erzieher, Tagespfleger, Träger-Vertreter, Eltern und Kommunalpolitiker vom neuen Kinderbildungsgesetz (Kibiz) der schwarz-gelben NRW-Landesregierung nicht. Eingeladen hatte der Arbeitskreis Kinder und Jugend des CDU-Kreisverbandes Mark. Kamieths Ausführungen stießen am Dienstagabend im Restaurant Vier Jahreszeiten auf viel Kritik und Skepsis. Der Gesetzentwurf soll „bald nach Ostern vorliegen“, in Kraft treten soll das Kibiz im August 2020. 

750 Millionen Euro jährlich sollen ab dem Kita-Jahr 2020/21 bereitgestellt werden. Die Krux: Lediglich die Hälfte des Geldes will das Land geben, die andere Hälfte müssten die Kommunen über ihre Jugendämter beisteuern. Auf die Nachfrage eines Zuhörers, wie das denn funktionieren soll in einer überschuldeten Kommune wie Werdohl, antwortete CDU-Kreisvorsitzender Thorsten Schick, dass dies ein anderes Thema sei. 

Vier zentrale Punkte

Finanziert werden sollen von den 750 Millionen Euro vier zentrale Punkte: ein zweites beitragsfreies Kindergarten-Jahr, mehr Personal, verlängerte Öffnungszeiten der Kitas und eine Ausbaugarantie, die besagt, dass jeder neu geschaffene Kita-Platz genehmigt wird. 

Jens Kamieth, Sprecher der CDU-Landtagsfraktion für Familie, Kinder und Jugend, spricht im Vier Jahreszeiten.

Komplett beitragsfreie Kindertagesstätten, wie sie SPD und Grüne fordern, lehnt die CDU ab. Die Qualität der Betreuung sei viel entscheidender, „damit Eltern mit Spaß ihrem Beruf nachgehen können“, betonte Kamieth. Den Zwischenruf aus dem Publikum, dass Mütter und Väter arbeiten gehen müssten und dies nicht „aus Spaß“ täten, ließ er unkommentiert. 

Woher soll weiteres Personal kommen?

Auch die zweite Säule der Reform, die Einstellung von weiterem Personal, stieß auf Skepsis. Woher dieses Personal denn genommen werden soll, wenn sich die Träger heute schon keine Auszubildenden mehr leisten könnten, wurde Kamieth gefragt. Erzieher sind nur sehr schwer zu finden und extrem gefragt. Zudem warf ein Zuhörer ein, dass zumindest in katholischen Einrichtungen Erzieherinnen ab dem ersten Tag einer Schwangerschaft nicht mehr arbeiten dürften. 

Der Sprecher der CDU-Landtagsfraktion bestätigte: Er wisse, dass viele Erzieherinnen nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten würden und es zudem „einen sehr geringen Zugang in diesen Berufsfeldern gibt“. Er schilderte den Fall einer Kita in Mönchengladbach, in der seit Oktober 2018 an keinem einzigen Tag das Personal vollzählig gearbeitet habe. 

Werbekampagne soll mehr Männer anlocken

Sein Vorschlag: Zum einen soll eine Werbekampagne helfen, um auch Männer in die Frauen-dominierten Erzieher-Berufe zu locken. Zum anderen könnten 20 Prozent Betreuungszeit von berufsfremden Menschen übernommen werden, zum Beispiel Logopäden, Physiotherapeuten oder Musikpädagogen. Auf den Einwand aus dem Publikum, dass manche Kita-Träger eine Betreuung durch Menschen ohne pädagogische Ausbildung nicht erlaubten, sagte Kamieth: „Das wird man schon möglich machen.“ Eine Erzieherin rief daraufhin: „Das geht nur so lange gut, bis einem Kind etwas passiert.“ Ein anderer Zuhörer warf ein, dass es in den genannten Berufsgruppen bereits einen Mangel an Arbeitskräften gebe und somit kaum Personal vorhanden sei, um auch noch Kinder zu beaufsichtigen und den Mangel an Erziehern aufzufangen. Dieses Argument konnte Kamieth nicht entkräften. 

Ein Mann im Publikum berichtete vom Fall einer Erzieherin in Menden, die gerade erfahren habe, dass ihr befristeter Arbeitsvertrag aus Kostengründen nicht verlängert wird. Der CDU-Vertreter sagte dazu: „Erzieher werden so händeringend gesucht. Wenn mir eine befristete Stelle angeboten wird, dann wechsele ich zu einem anderen Arbeitgeber.“ 

Ausweitung der Betreuungszeiten

Schließlich sprach er über de dritten Punkt der Kibiz-Reform, der ihm am Herzen liegt, die Ausweitung der Betreuungszeiten. Kamieth stellte klar: „Ich bin kein Freund davon, dass ein Zweijähriger morgens um 5.15 Uhr zur Tagespflege gebracht wird, die ihn um 8 Uhr in den Kindergarten fährt. Warum kommt der Junge nicht gleich in die Kita?“ 

Während Kamieths Ausführungen wurde an den Tischen immer wieder gelacht. Regelmäßig gab es kritische Zwischenrufe. „Das stimmt doch gar nicht“, „Was Sie planen, macht alles nur noch schwieriger“ und „Darunter leiden die Kinder“ war zu hören. Und „Ihre Argumente gehen total an der Realität vorbei“.

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