Fastenmonat geht mit Zuckerfest zu Ende

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Gülcan Kiraz (Mitte) freute sich über den Besuch ihrer ehemaligen Nachbarn. Gern bewirtete sie ihre Gäste mit allerhand Köstlichkeiten.

Werdohl -  „Am schlimmsten war es am Freitag, wo wir 34 Grad hatten“, gesteht der 22-jährige Emre Gök in Hinblick auf den gerade abgelaufenen Ramazan-Monat. „An dem Tag musste ich auch noch draußen mit dem Flammenwerfer arbeiten“, sagt der Industriemechaniker. „Aber ich habe durchgehalten.“ Insgesamt faste er seit seinem achten oder neunten Lebensjahr, berichtet der Werdohler. Am Sonntag endete nun der Ramazan-Monat, der in Deutschland nach seiner arabischen Bezeichnung oft Ramadan genannt wird.

Und damit begann das dreitägige Zuckerfest, das Ramazan Bayrami (Bayram heißt zu Deutsch: Feiertag). Gülcan Kiraz hat während der Fastenzeit mit ihrem Mann Hakan und der 18-jährigen Tochter Görkem die Wohnung in der Werdohler Innenstadt renoviert. Am Dienstag präsentierte sie das Ergebnis einer Reihe von Besuchern.

„Bei uns ist es Sitte, dass an den Feiertagen die Jüngeren die Älteren besuchen“, erklärt Kiraz. Und so habe sie am Montagvormittag „Dutzende Telefonate mit den Verwandten in der Türkei“ geführt. Von mittags bis in den späten Abend hinein habe sie im gesamten Märkischen Kreis Freunde und Bekannte besucht, um zum Fest zu gratulieren.

Am Tag darauf ist die 38-Jährige nun die Ältere und empfängt Gäste. Angekündigt haben sich die ehemaligen Nachbarn von der Königsburg – ein junges Ehepaar mit drei Kindern. Vor der Tür ziehen sie die Schuhe aus, schließlich ist alles frisch renoviert. Kaum sitzen die gerade erst Angekommenen, verteilt Hakan Kiraz ein gekühltes und mit Zitronenduft parfümiertes Wasser: Kolonya – eine Art kölnisch Wasser. Damit erfrischen sich die Besucher, verteilen es in den Händen und auf der Stirn.

Sahra Mira ist erst neun Monate alt. Görkem Kiraz nimmt sie auf den Arm. Die beiden anderen Kinder – Arda, ein neunjähriger Junge, und Ilayda, ein fünfjähriges Mädchen – erhalten von Hakan Kiraz kleine Geldgeschenke. Das habe Tradition, ebenso, dass die Erwachsenen sich nichts schenken. Levent Tastekin, 34-jähriger Vater der zwei Beschenkten, sagt: „Die Kinder freuen sich immer am meisten auf das Zuckerfest, denn da gibt es Geld.“

Görkem Kiraz kümmert sich sogleich um alle drei Kinder. Während sie mit dem Nachwuchs der Besucher in ihrem Zimmer verschwindet, setzen sich die Erwachsenen an den festlich gedeckten Tisch.

Es gibt neben Wasser auch Melonen, Trauben, Datteln, herzhafte Wasserbörek (Su Böregi) – mehrere Schichten Teigblätter gefüllt mit Petersilie und Schafskäse – , sowie die Süßspeisen Kadayif Tatlisi (gefüllt mit gehackten Walnüssen und eingeweicht in Zuckersirup) und Kemal Pasa Tatlisi (mit Haselnuss-Krokant und ebenfalls Zuckersirup). Dazu wird türkischer Tee gereicht. Gülcan erklärt: „Der ist für uns so wertvoll, wie Kaffee für die Deutschen.“

Die vormalige Nachbarin der Familie Kiraz, Gülseren Tastekin, ist sehr erstaunt, als sie hört, dass die Speisen von Hakan Kiraz zubereitet worden sind. Nach dessen Intervention verrät Gülcan Kiraz dann doch, dass sie ihrem Mann in der Küche leichte Hilfestellungen gegeben habe.

Hakan bietet den Gästen auch noch Mokka und Mokka-Likör an, doch zunächst lehnen alle dankend ab – keiner jedoch, weil sie oder er als Muslim etwa kein Alkohol trinken würden. Der Tisch ist einfach voll genug an Speisen und Getränken, es mangelt an nichts.

Auf der Festtafel stehen brennende Kerzen. Alle sind feierlich gekleidet. Doch es ist keine steife Veranstaltung. „An den Festtagen geht es immer locker und gesellig zu“, bestätigt Gülcan Kiraz den ersten Eindruck. Es wird viel gescherzt und gelacht.

Levent Tastekin seufzt: „Eigentlich müssten wir jetzt in der Türkei sein.“ Dort sei es doch ganz anders, die Feiertage zu begehen, schon alleine, weil dort alle drei Tage frei hätten. Dort seien diese Tage drei gesetzliche Feiertage. „Wir bemühen uns, es uns auch hier schön zu machen, aber es ist nie so ganz wie in der Türkei.“ Verständlicherweise bekämen hier nicht alle immer Urlaub. Immerhin seien dieses Jahr für die Kinder Ferien. Es klingelt an der Tür: Weiterer, spontaner, unangekündigter Besuch kommt herein. Gülcan Kiraz, sozialpädagogische Integrationskraft an der Hauptschule, begrüßt ehemalige Schüler, zwei Brüder, der 24-jährige Baris und der 22-jährige Emre Gök. Gülcan erklärt, dass auch aktuelle Schüler sie teilweise besuchten. Dennoch bleibe sie stets Respektsperson für ihre Schützlinge. In diesem Fall sei es etwas Besonderes, denn die Eltern von Emre und Baris stammten aus der selben Stadt wie ihre Eltern. Emre spielt in der Lüdenscheider Theatergruppe Halber Apfel zusammen mit Görkem Kiraz. „Wir sind schon in ganz Deutschland und auch im deutschsprachigen Ausland aufgetreten“, erklärt er. „Allein diese Reisen sind schon aufregend.“

Als auch er erfährt, wer die festlichen Speisen hauptsächlich zubereitet hat, sagt er – den Macho nur spielend – zu Hakan Kiraz: „Du bist aber kein gutes Vorbild.“ Gülseren Tastekin und Gülcan Kiraz tauschen sich kurz in türkischer Sprache aus. Gülseren Tastekin kann noch nicht so gut Deutsch sprechen. Gülcan übersetzt: „Wir haben darüber gesprochen, dass – anders, als es nach draußen scheint – in den eigenen vier Wänden in türkischen Familien eigentlich immer die Frauen das Sagen haben.“ Die Männer am Tisch nicken allesamt.

Und wieder klingelt es an der Tür. Kezban Gök, die 45-jährige Mutter der beiden Ex-Schüler von Gülcan Kiraz, kommt zur illustren Runde hinzu. Sie ist die Einzige, die ein Kopftuch trägt. Sie war gerade noch auf einer Trauerfeier (Cenaze Namazi). Sichtlich ergriffen nimmt sie an der Tafel Platz und steigt ins Gespräch ein. Nach wenigen Augenblicken lacht auch sie.

Die 32-jährige Gülseren Tastekin und sie tauschen sich aus über die Kindererziehung und was ihre Sprösslinge alles so anstellen. Gülcan Kiraz erzählt, dass ihre Tochter Görkem ab Herbst studieren möchte und nun auf die Zusagen der Universitäten wartet. Deshalb sei die Familie Kiraz in diesem Jahr auch nicht im Sommer in die Türkei gereist.

Emre Gök berichtet von seiner Schulzeit. Damals habe eine Lehrerin in der Schule den türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan kritisiert. Laut einer Boulevardzeitung habe dieser bei einer Rede in Deutschland gesagt, die Türken sollten sich hier nicht integrieren. „Aber ich war bei der Rede: Er hat uns aufgerufen, uns sehr wohl zu integrieren, aber nicht zu assimilieren.“ Seither sei er Medien kritischer gegenüber.

Auch Gülcan Kiraz stimmt ein ernsteres Thema an: Die Menschen im Gaza-Streifen lägen ihr gerade jetzt zu den Feiertagen am Herzen. Die hätten keine solch festliche Tafel in dieser Zeit. In ihren Gebeten denke sie an diese Menschen. Der erste Gast zieht derweil weiter. Görkem, Gülcan und Hakan Kiraz verabschieden ihn an der Wohnungstür. Hakan stellt die Schuhe des Gastes bereit. Dessen fragenden Blick quittiert Gülcan mit einem lapidaren: „Das ist einfach unsere Gastfreundlichkeit.“ Die genießen die anderen weiterhin – auch der Mokka wird noch getrunken.

Von Michael Koll

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