Neue Zahlen veröffentlicht

Stadt im MK bleibt Zocker-Eldorado: Rekordeinnahmen in Spielhallen

So sieht es in einer Spielhalle mit Merkur-Spielautomaten aus. Im vergangenen Jahr hatte es keiner der Spielhallenbetreiber in Werdohl zugelassen, dass Fotos in Innenräumen aufgenommen werden. Alle Nachfragen zum Geschäft wurden abgelehnt oder ignoriert.
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So sieht es in einer Spielhalle mit Merkur-Spielautomaten aus. Im vergangenen Jahr hatte es keiner der Spielhallenbetreiber in Werdohl zugelassen, dass Fotos in Innenräumen aufgenommen werden. Alle Nachfragen zum Geschäft wurden abgelehnt oder ignoriert.

Auch im vergangenen Jahr markierten Werdohler Zocker die einsame Spitze im Märkischen Kreis: In den 128 Geldspielgeräten in Kneipen (18) und Spielhallen (110) landeten insgesamt 3,85 Millionen Euro Spieleraufwendungen.

Noch niemals zuvor in der Geschichte der Datenerfassung der Glücksspielsucht-Stelle in Nordrhein-Westfalen wurde in Werdohl statistisch so viel Geld verzockt: 2018 waren es insgesamt 3,54 Millionen Euro, davon 3,15 Millionen Euro in Spielhallen. Höchststand bis dato war das Jahr 2014 mit 3,78 Millionen Euro. Vor sechs Jahren gab es mit 150 Geräten aber auch den Höchstbestand an Spielgeräten in Kneipen (34) und Hallen (116).

Die Glücksspielsucht-Stelle veröffentlicht die Statistik alle zwei Jahre, die hier veröffentlichen Daten sind erst wenige Tage alt.

Zahl der Geräte in der Gastronomie nimmt ab

Interessant zu beobachten ist, dass die Zahl der Geräte in der Gastronomie abgenommen hat. Waren es in den Jahren zuvor immer rund 30 Geräte, so wurden 2020 nur noch 18 Geldspielmaschinen in Gaststätten betrieben, die 284 000 Euro Kasseninhalt hatten. Das ganz große Geld – 3,77 Millionen Euro – wurde in Spielhallen eingesetzt.

Die Corona-Pandemie spielt in diese statistischen Abfragen der Glücksspielsucht-Stelle NRW nicht hinein: Die Statistik wird zeitlich verzögert abgebildet, die Geräte-Lizenzen bleiben trotz coronabedingter Schließungen gültig.

Fiktive Kasseninhalte, keine Umsätze

Die Kasseninhalte der Geldspielgeräte vor Steuer stellen die Aufwendungen der Spieler (oder den Spielerverlust) dar, die von ihnen für das Spielen aufgebracht wurden. Die Spieleraufwendungen stellen nicht die tatsächlichen, sondern lediglich die fiktiven Kasseninhalte dar, da sie auf Basis von Durchschnittsangaben errechnet wurden. Auf Grund der zeitverzögerten Verfügbarkeit hängen die Durchschnittswerte der Spielaufwendungen immer dem aktuellen Untersuchungsstand hinterher. Infolge einer fehlenden Berechnungsgrundlage können in dieser Untersuchung keine Aussagen über den Einwurf und damit über die Umsätze der Geldspielgeräte gemacht werden.

Werdohl ist seit Jahrzehnten ein Eldorado für Geldspieler. Viele Zocker sind Migranten und mögen die Abwechslung und den Reiz von Glücksspiel um Geld. Insider berichten von einer früher hohen Dichte von illegalen Spielerrunden in Kneipen-Hinterzimmern und Wohnungen. An manchen Abenden hätten mittlere fünfstellige D-Mark-Beträge die Besitzer gewechselt. An solchen Abenden, so wird mit Stolz erzählt, seien die Geldautomaten der Banken leergezogen worden.

Abwechslung und der gewisse „Kick“

Warum gespielt wird: „Weil es sonst so langweilig ist.“ Schichtarbeit, Familie, immer dasselbe: Um Geld spielen bringe eine Abwechslung und den gewissen „Kick“. Abhängig sein will hier keiner. Schließlich machten es die gesetzlichen Bestimmungen den Hardcore-Spielern schwer, sehr schnell sehr viel Geld zu verlieren oder zu gewinnen. Abstände der Geräte zueinander, limitierte Spieldauer und begrenzte Geldbeträge können aber offensichtlich nicht dafür sorgen, dass die realen Umsätze seit Jahren steigen und steigen. Das lässt sich nur damit erklären, dass es mehr Spieler gibt, die insgesamt längere Zeit an den Automaten in den Spielhallen sitzen. Geldspielgeräte in Gaststätten hingegen sinken offensichtlich in ihrer Beliebtheit bei Gästen und Wirten gleichermaßen.

Ähnliches lässt sich auch in den Wettannahmestellen der Stadt hören und sehen: Junge Männer, die meisten von ihnen mit Migrationshintergrund, zeigen nicht unabsichtlich dicke Geldscheinbündel, die sie aus der Jogginghose holen. Der Unterhaltungswert, auf den Ausgang von Sportereignissen zu setzen, ist hoch. Die Umsätze aus Wettannahmestellen werden übrigens nicht von der Glücksspielstelle erfasst, sie werden vermutlich erst ab Mitte des Jahres durch den Glücksspielstaatsvertrag legalisiert. Bislang saßen Unternehmen wie Tipwin, Tipico oder Tipster auf Malta. Experten gehen davon aus, dass der legalisierte Wettmarkt weiter wachsen wird, besonders online. Man kann sicher sein, dass auch mancher Werdohler viel Geld auf Fußballspiele oder Hunderennen setzt.

Werdohl ist ein lukrativer Markt für Spielhallenbetreiber

Dass gerade Werdohl ein lukrativer Markt für Spielhallenbetreiber ist, zeigt die Untersuchung: 2016 und 2018 standen in den sieben Hallen der Stadt 100 Geräte, 2020 waren es 110 Maschinen. Immer wieder weist Ordnungsamtsleiterin Andrea Mentzel auf das gute Geschäft mit Geldspielautomaten hin: Bei der jährlichen Anpassung der Vergnügungssteuer teilt sie den Politikern mit, dass es nach wie vor Nachfragen auf Neuzulassungen von Geräten und Lizenzen gebe. Bei der Steuer bleibt die Stadt weit unter den Sätzen, die so gerade eben eine „Erdrosselung“ der Betreiber vermeiden. Mit einer Erhöhung der Steuer könnte den Betreibern das Leben schwerer gemacht werden. Ein Antrag der SPD-Fraktion, den Steuersatz bis zum eben noch Erlaubten zu erhöhen, fand aber keine Mehrheit. Je höher der Steuersatz ist, desto mehr würde die Stadt am Glücksspiel profitieren – eine politische Zwickmühle.

Um die Sonderstellung Werdohls als Zocker-Hochburg zu veranschaulichen, lohnt ein Blick in die gleich große und von der Einkommensstruktur her ähnlich aufgestellte Nachbarstadt Altena. Dort gibt es 60 Geräte in Spielhallen und sieben in Kneipen. Die Altenaer Zocker brachten es auf nur 2 Millionen Euro Kasseninhalt – gerade mal etwas mehr als halb soviel wie die Werdohler.

138 Einwohner pro Gerät in Werdohl

Zwei Messzahlen liefern verlässliche Vergleichsgrößen: Die Anzahl von Einwohnern pro Lizenz und die Anzahl von Einwohnern pro Gerät. Hier gilt die Lesart umgekehrt, je niedriger die Zahl, desto höher ist die „Zocker-Dichte“. Ein Vergleich im Kreis bestätigt Werdohl als Spielerparadies mit 138 Einwohnern pro Gerät. Die beiden großen Städte Iserlohn und Lüdenscheid kommen beim Wert Einwohner/Gerät auf 204 und 338. In Iserlohn und Lüdenscheid sind 2020 jeweils rund 8 Millionen Euro legal verzockt worden. Nur in Herscheid scheint die Welt in Ordnung zu sein, dort gibt es genau zwei Geräte in Kneipen mit 34 000 Euro Kasseninhalt und 3488 Einwohnern pro Gerät.

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