Wenn der Schmerz furchtbarer erscheint als der Tod

+
Torsten Skodra leitet die Palliativstation in Hellersen.

Werdohl - „Mein Tod gehört mir“: Das war das Thema eines Vortrages, zu dem die Evangelische Kirchengemeinde Werdohl am Montagabend in den Gemeinderaum der Evekinger Friedenskirche eingeladen hatte. Referent war Dr. Torsten Skodra, der Leiter der Palliativstation am Klinikum in Lüdenscheid-Hellersen.

Ein ausgewiesener Experte also in Sachen Patientenrechte, der das Thema selbst als „brisant“ bezeichnete, „obwohl es eigentlich eine Selbstverständlichkeit“ wäre, sich den Wunsch nach einem Tod in Würde zu erfüllen. Wichtige Voraussetzung dafür ist eine in sich eindeutige Patientenverfügung, wie Dr. Skodra herausarbeitete. Trotz dieser Erkenntnis gebe es noch zu wenig Menschen, die den Schritt zu einem würdigen Tod für sich regeln. Ihr Anteil liegt laut Statistik bei rund zehn Prozent.

Ein Testament zu verfassen, in dem der Nachlass geregelt werde, sei eine Sache. Damit sei jedoch noch nicht die Frage beantwortet, was in der Phase vor dem Tod zu geschehen habe, in einer Phase, „in der man ausgeliefert ist“ und die Angst wachse, dass zu viel getan werde, um das Leben ohne Perspektive zu verlängern. Nicht die Furcht vor dem Tod stehe im Vordergrund, sondern das Wie. Es gehe um den Oberbegriff „in Würde sterben“.

Schmerzen, so Dr. Torsten Skodra, seien der häufigste Grund für den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe. 74 Prozent der Patienten der Palliativstation in Hellersen äußern im Zusammenhang damit diesen Wunsch und bestätigen im Grunde ein Zitat von Albert Schweitzer: „Der Schmerz ist ein furchtbarerer Herr als der Tod“.

Allerdings, so der Referent, denken nach erfolgreicher Behandlung, Entlassung aus der Klinik und wieder sichtbar gewordener Lebensqualität nur noch vier Prozent daran, aus dem Leben zu scheiden. Gleichwohl: In Würde in vertrauter Umgebung sterben zu wollen und dabei nicht allein zu sein, bleibe ein großes Thema. Zu viele Menschen sterben noch in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen (65 Prozent). Im Vergleich: 30 Prozent sterben zu Hause. Dieser Anteil müsse – bei gleichzeitiger Stärkung der Angehörigen – erhöht werden.

Wenn davon die Rede sei, in Würde sterben zu wollen, so geht dieser Wunsch nur im Zusammenhang mit einer Patientenverfügung in Erfüllung. Sie gebe die Möglichkeit, alle Maßnahmen im Voraus zu bestimmen, um zu vermeiden, „dass die Medizin-Maschinerie über den Patienten hinwegzieht“. Dabei stellte Dr. Skodra klar: „Jede Verfügung gilt und ist laut Gesetz bindend für die Ärzte“. Dabei spiele es keine Rolle ob ein Vordruck genommen oder die Verfügung handschriftlich verfasst wurde. Wichtig sei: Der Text müsse im zweiten Falle selbst geschrieben sowie mit Datum und Unterschrift versehen sein.

Und noch ein wichtiger Punkt: Die Verfügung solle gut auffindbar sein und zwar dort, wo Verwandte oder Personen des Vertrauens, die beim Amtsgericht beispielsweise benannt werden können, auch Zugriff haben. Hilfreich sei auch ein Eintrag im Bundesregister für Patientenverfügungen. Nach dem geltenden Betreuungsgesetz, so Torsten Skodra spiele es keine Rolle, wie alt die Verfügung sei. Es schade jedoch nicht, sie gegebenenfalls zu aktualisieren. Wichtig sei die Eindeutigkeit. Die Verfügung dürfe nicht „schwammig“ sein.

Eine Hilfe in dieser Richtung bietet das Klinikum Lüdenscheid seit einiger Zeit an. Dort gibt es Verfügungsvordrucke, die ausgefüllt werden können. Bei der Aufnahme von Patienten im Klinikum wird inzwischen auch gefragt, ob eine solche Verfügung vorhanden ist. Sie wird in die Patientenunterlagen eingefügt und damit griffbereit, wenn die entscheidende Frage gestellt werden muss.

Palliatives Denken, so Skodra abschließend, werde aufgrund der demografischen Entwicklung der Gesellschaft unweigerlich größere Bedeutung bekommen. Immer mehr Menschen „lehnen die Option einer durch die moderne Medizin möglichen Verlängerung des Lebens ab“. Am Ende des Vortrages stand ein Zitat von Dame Cecily Saunders, die im Alter von 87 Jahren starb und im Grunde als Mutter der Palliativmedizin angesehen werden kann: „Nicht dem Leben mehr Tage hinzufügen, sondern den Tagen mehr Leben geben.“

Von Rainer Kanbach

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare