Werdohler Autor im Interview

Plagiatsvorwurf: Warum Michael Martin auf einen Anwalt verzichtete

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Michael Martin bei den Literaturtagen des Woll-Verlags auf der Burg Altena.

Werdohl - Mit Shakespeare kann Michael Martin nicht viel anfangen. Ebenso wenig mit Joyce und Musil. Der aus Werdohl stammende und inzwischen in England lebende Buchautor liest viel lieber Krimis. Zum heutigen Welttag des Buches (23. April) sprach der 59-Jährige mit Carlo Czichowski über Klassiker, die keiner liest, über Kritik an seinen Büchern und über den Charme der Sauerländer.

Worin lesen Sie lieber, im gebundenen Buch oder im E-Book?

Ich lese nur ungerne E-Books. Meine Bücher werden auch nicht als E-Books veröffentlicht. Da ich als Autor beim Schreiben viel am Computer sitze, lese ich lieber das gebundene Buch. Mit dem Buch ist es wie mit dem Essen. Ein E-Book ist eher wie Astronauten-Nahrung, ein Buch hingegen wie ein Fünf-Gänge-Menü. Man kann es in der Hand halten und riechen. Man spürt die Struktur des Papiers. Und vor allem ist der Vorteil für Männer – die nach meiner Erfahrung eine geringere Affinität zu dicken Büchern haben – zu sehen, wie viele Seiten sie noch vor sich haben. E-Books nehme ich allenfalls mit auf Reisen, weil zu viele Bücher den Rahmen des Gepäcks sprengen würden.

Welche Buchgenres lesen Sie am liebsten?

Ich lese am liebsten Krimis – von Autoren aus der ganzen Welt. Ansonsten auch gerne deutsche Romane. Zuletzt habe ich „Die Hauptstadt“ vom österreichischen Autor Robert Menasse gelesen. Das kann ich jedem wärmstens empfehlen. Es ist thematisch sehr aktuell. Darin geht es unter anderem um die momentanen politischen Zustände in Europa, auch den Brexit.

Und was ist mit den sogenannten Klassikern?

Es gibt da ein Zitat über Klassiker, das allerdings nicht von mir stammt, sondern von Hemingway: „Ein Klassiker ist ein Buch, das die Leute loben, aber nicht lesen“ Joyce und Musil zum Beispiel finde ich grauenvoll zäh. Darüber hinaus lese ich Schauspiele in Buchform, also Dramen, nur sehr ungern. Shakespeare geht für mich persönlich gar nicht.

Haben Sie schon mal ein Buch nicht zu Ende gelesen?

Mit Büchern ist das wie mit Fußball: Ein Spiel muss mich mitreißen, sonst schalte ich um. Wenn ich ein Buch in die Hand bekomme, bis Seite 50 lese und mir das Buch noch immer nicht gefällt, dann lege ich es einfach weg. Und wenn ich ein Buch durchgelesen habe, verschenke ich es.

Warum?

Ich lese ein Buch niemals zweimal. Das ist für mich verschwendete Lebenszeit. Aber da tickt jeder anders. Ein guter Freund von mir hat tausende Krimis gelesen und sie alle mit Noten von eins bis sechs versehen. An Weihnachten liest er dann ein Buch mit der Note Eins-Plus nochmal durch. Wie schreibe ich ein Eins-Plus-Buch? Überlege ich mir zuerst ein Thema? Nein, man fängt noch einen Schritt vorher an. Erst-Autoren sollten sich die Frage stellen, warum sie überhaupt ein Buch schreiben möchten. Dafür kann es verschiedene Motivationen geben. Die allerschlechteste davon ist das Ziel, jemals Geld damit verdienen zu wollen. Ebenso wenig erfolgversprechend ist es, wenn kreative Menschen, die etwa gut zeichnen oder fotografieren können, denken: Jetzt schreibe ich mal ein Buch. Das kann man sofort knicken.

Also ist Leidenschaft die einzig richtige Motivation?

Ja, definitiv spielt Leidenschaft eine wichtige Rolle. Ich würde sagen, es ist eine kreative Leidenschaft, die eine Voraussetzung zum Schreiben eines guten Buches ist.

Haben Sie nach der Fertigstellung eines Ihrer Bücher mal den Wunsch gehabt, im Nachhinein noch etwas zu ändern?

Dadurch dass ich auch bei Lesungen aus meinen Werken vorlese, kann ich durchaus noch Dinge ändern. Wenn ich merke, dass mir etwas in der geschriebenen Variante nicht gefällt, dann trage ich es bei der Lesung einfach anders vor. Das einzig wirklich Ärgerliche ist, dass es unmöglich ist, ein Buch ohne Rechtschreibfehler zu schreiben. Wenn ich ein Buch vorstelle, sind die ersten Rückmeldungen oft nicht: „Ach Herr Martin, Ihr Buch hat mir so gut gefallen“, sondern eher: „Wussten Sie schon, dass auf Seite 138 an Stelle so und so die Gänsefüßchen fehlen“. Das stört mich mittlerweile aber nicht mehr wirklich.

Gibt es neben Rechtschreibfehlern weitere Kritik an ihren Büchern?

Ja, das schon. Es kommt aber immer darauf an, wie sie geäußert wird. Schlimm sind unnötig schlechte Kritiken im Internet. Bei Amazon habe ich mal gesehen, dass jemand eine negative Rezension geschrieben hat, weil das Buch zu spät geliefert wurde. Da kann man zwar nichts dafür, die schlechte Bewertung steht dann aber trotzdem unter dem Buch. Außerdem wurde ich im Internet mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Normalerweise hätte ich einen Anwalt einschalten können, wenn es nicht so eine recht unbedeutende Internet-Rezension gewesen wäre. Dennoch ist es sehr ärgerlich, zumal der Vorwurf völlig unsinnig war.

In Ihren Büchern schreiben Sie unter anderem auch über das Sauerland. Wie kamen Sie dazu?

Als ich angefangen habe zu schreiben, gab es noch keine Definition für die Sauerländer Kultur. Mir als Sauerländer, der selbst nicht mehr im Sauerland wohnt, fiel aber auf, dass es durchaus einige Unterschiede zu anderen Landstrichen gibt. Ich habe dann zunächst Bücher über die Sauerländer Umgangssprache geschrieben. Die Werke kamen sehr gut an. Anschließend ist mir aufgefallen, dass es im Sauerland Bräuche gibt, die es nirgendwo anders gibt. Also habe ich noch ein Buch über Sauerländer Bräuche geschrieben. Und so ging es dann weiter. Für weitere Werke habe ich Märchen und Sagen aus dem Sauerland gesammelt, und zuletzt habe ich ein Buch darüber geschrieben, wie wir Sauerländer drauf sind. Was sind unsere Charaktereigenschaften? Was macht uns aus? Das alles hat etwas mit Identitätsstiftung zu tun.

Sie schreiben aktuell wieder an einem Buch. Worauf dürfen sich Ihre Leser freuen?

Es gibt neue humorvolle Kurzgeschichten, die überwiegend mit meinen vielen Tätigkeiten zusammenhängen. Ich hatte früher mehr als 30 Ferienjobs, bei denen ich viele lustige Dinge erlebt habe. Bei jedem Job traf ich neue Härtefälle. Und genau diese Chaoten stelle ich in meinem neuen Buch vor. Es wird auf jeden Fall sehr unterhaltsam. Menschen, die sich für meine Werke interessieren, sind am 8. November herzlich zu meiner Lesung in die Stadtbücherei Werdohl eingeladen.

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