Weihbischof spricht mit Lehrern der AEG

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Weihbischof Wilhelm Zimmermann und die Schulreferentin des Bistums Essen, Ursula Deggerich, kamen im Rahmen einer Visitation der katholischen Kirchengemeinde Werdohl/Neuenrade zu einem Gespräch an die Albert-Einstein-Gesamtschule.

Werdohl - „Es interessiert uns, wie die Katholiken hier in der Diaspora-Situation leben.“ Weihbischof Wilhelm Zimmermann, beim Bistum Essen auch zuständig für den interreligiösen Dialog, wollte in erster Linie „Hörender und Lernender“ sein beim Gespräch mit dem Schulleiter und den Religionslehrern der Albert-Einstein-Gesamtschule.

Im zweistündigen Gespräch über die zunehmend konservativen Einflüsse des Islam, den Katholizismus polnischer Prägung und eine erkennbare Evangelikalisierung an der Schule gab es interessante Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen.

Schulleiter Reinhard Schulte berichtete, dass jeweils eine Zeitstunde Religion auf dem Stundenplan der AEG stehe. Die große kulturelle Vielfalt an der Schule, der hohe Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bedeuteten eine Herausforderung. Die Kollegen, so der aus Gelsenkirchen stammende Schulte, leisteten an der Gesamtschule Integrationsarbeit.

Einflussnahme einer bestimmten islamischen Religionsgemeinschaft

Das Thema kam rasch auf die Islamisierung von türkischstämmigen Jugendlichen und die Verwunderung darüber, dass sich junge Menschen Terrorvereinigungen anschlössen oder für Botschaften der Salafisten empfänglich wären. An der Gesamtschule gäbe es eine durchaus erkennbare Einflussnahme einer in Werdohl ansässigen bestimmten islamischen Religionsgemeinschaft, sagte Schulte. Mädchen trügen häufig schon in der fünften Klasse ein Kopftuch, beobachtete Schulte. Die muslimischen Kinder und Jugendlichen wüssten meist sehr viel über ihren Glauben, bei den christlichen Kindern sei dies nicht so ausgeprägt.

Der Weihbischof wusste zu berichten, dass an der katholischen Grundschule in Werdohl erstmals der Anteil muslimischer Kinder größer sei als jener der katholischen Mädchen und Jungen. Kinder aus Familien, die der islamischen Gemeinschaft Milli Görüs in Werdohl angehörten, wollten nicht mehr im Rahmen von Schulveranstaltungen die katholische Kirche besuchen.

Milli Görüs habe den stärksten Einfluss

Schulte sagte, dass es für ihn gelte, ein größtmögliches Maß an Normalität an der Schule zu halten. „Der Einfluss aus den verschiedenen Moschee-Vereinen ist bei den Schülern bemerkbar.“ Islamische Eltern wollten verstärkt, dass sich das Schulsystem nach ihren Vorstellungen verändere. So etwas bestätigte auch der evangelische Religionslehrer Köllges: „Den stärksten Einfluss auf die Jugendlichen hat in Werdohl Milli Görüs.“ Schulte wollte auf keinen Fall übertreiben oder Gefahren heraufbeschwören: „Man muss einfach Augen und Ohren offen halten“, befand er.

Die Schulreferentin des Bistums hatte Zahlen mitgebracht: Im Januar waren 250 Schüler an der AEG muslimischen Glaubens, 296 evangelisch und 198 katholisch. Dazu kämen vereinzelt andere Glaubensrichtungen und eine große Zahl, die keiner Religionsgemeinschaft angehörten.

Wertediskussion bei Jugenlichen in vollem Gange

Weihbischof Zimmermann stellte fest, dass die Wertediskussion bei Jugendlichen in vollem Gange sei. Er war vorher zwölf Jahre Probst in Gelsenkirchen-Buer, seine Erfahrung sei, dass Kinder heute kaum noch in evangelischer oder katholischer Jugendarbeit eine Heimat oder Vorbilder fänden. Den größten Teil der Zeit verbrächten Kinder und Jugendliche heute in der Schule.

Schulleiter Schulte meinte, es sei heute sehr schwer für Jugendliche, sich von den Eltern abzugrenzen. Ein wie auch immer geartetes extremes Verhalten sei da sehr willkommen. Abendländische Werte ständen seiner Meinung nach durchaus nicht für Feigheit und Weichheit. Seiner Auffassung nach gelte es, diese Werte für Jugendliche attraktiv zu machen.

Ein Nebeneinander, kein Miteinander der Religionen

Nach Ansicht des evangelischen Religionspädagogen Köllges gebe es in Werdohl ein Nebeneinander der Religionen, von einem Miteinander sei die Stadt weit entfernt. Für den christlichen Bereich gelte es seiner Meinung nach, „mehr Klarheit der Begriffe zu zeigen.“ Ihm persönlich seien die Unterschiede zwischen Protestantismus, Katholizismus und dem Islam sehr wichtig. Zum Beispiel käme der „polnische Katholizismus“ in Werdohl überzeugter und definierter daher. Auch ein sehr konservativer evangelikaler Einfluss auf Jugendliche sei erkennbar.

"Plumpe Antworten" als Köder für Radikalisierung

Weihbischof Zimmermann sprach in diesem Zusammenhang von einer „Konsensmentalität der Gesellschaft“. Der katholische Religionslehrer Raschke hatte beobachtet, dass es bei Jugendlichen aktuell eine Suche nach Antworten auf Lebensfragen gebe. „Plumpe Antworten“ darauf seien oft ein Köder für jegliche Art von Radikalisierung.

In der Fachschaft der Gesamtschule werde diskutiert, ob anstelle der Schulgottesdienste „multireligiöse Feiern“ angeboten werden sollten. Die Debatte darüber sei „lokalpolitisch und theologisch nicht ganz ohne“. An Zimmermann wurde die Frage gestellt, wie er als Weihbischof dazu stehe.

Vom Bistum gebe es dazu keine Richtlinie, so Zimmermann. Er schlug vor, sich an den Friedensgebeten des Papstes in Assisi zu orientieren. Der Begriff „multireligiöse Feier“ löse bei ihm Aggressionen aus: „Was ist denn das für ein Einheitsbrei?“ Er neige zu pragmatischen Lösungen. In Zeiten des Übergangs seien Festlegungen und Richtlinien oft nicht sinnvoll.

Von Volker Heyn

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