Mischung aus Kraft und Präzision

Vosslohs „Fabrik der Zukunft“ in Werdohl: Maschinen und Anlagen werden aufgebaut

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An der hochmodernen Beschichtungsanlage wurde in den vergangenen Tagen noch geschweißt.

Werdohl – Noch vor wenigen Tagen stand da eine riesige Hülle aus Beton, Stahl und Aluminium auf dem Werksgelände der Vossloh AG, 140 Meter lang und 80 Meter breit.

Als Mensch kam man sich verloren vor in dieser Halle, in der einmal die weltweit modernste Produktion von Schienenbefestigung angesiedelt sein soll. Jetzt wird die einst leere Hülle nach und nach gefüllt: mit Maschinen und Anlagen. 

Gut zwei Jahre sind vergangen, seit der Bahntechnikkonzern Vossloh auf dem Gelände am mittleren Lennebogen seine fast 100 Jahre alten Fabrikhallen abgerissen hat, um Platz zu machen für diese „Fabrik der Zukunft“, wie Vossloh sein Jahrhundert-Projekt getauft hat. Anschließend ist auf dem freigewordenen Areal eine moderne Fabrikhalle entstanden, die mehr als die Fläche eines Fußballfeldes überdeckt. 

Fünf Fabriken unter einem Dach

Eigentlich sind es fünf Fabriken, die dort unter einem Dach zusammengefasst werden. Vossloh verspricht sich davon mehr Effizienz, allein schon, weil die Wege zwischen den bisher über das Werksgelände verstreut liegenden Produktionsstellen zu einer großen Einheit zusammengeführt werden. Christian Renners, Geschäftsführer des Vossloh-Geschäftsfelds Fastening Systems, hat an einem Beispiel einmal die Dimensionen deutlich gemacht: Die Gabelstapler legen bisher jährlich ungefähr 3000 Kilometer zurück, um den Draht, aus dem die Vossloh-Spannklemme gebogen wird, vom Lagerplatz an die Produktionsstätte zu bringen. Das soll in Zukunft auf kürzeren Wegen wesentlich schneller geschehen. 

Arbeiter der verschiedenen Lieferanten sind derzeit damit beschäftigt, die Anlagen und Maschinen einzurichten.

Und auch rationeller soll in der „Fabrik der Zukunft“ gearbeitet werden, weshalb sich die Planer ausgiebig Gedanken gemacht haben über die Anordnung der Maschinen und Anlagen. Aus demselben Grund setzt Vossloh in Zukunft verstärkt auf Hochtechnologie, beispielsweise in der voll automatisierten Oberflächenbeschichtung. „Da setzen wir Hightech-Roboter ein, wie man sie zum Beispiel aus der Automobilindustrie kennt“, berichtet Geschäftsführer Renners. Das Gerüst für diese Anlage, die ein spanischer Hersteller liefert, steht bereits in der neuen Halle, es ist aber bei weitem nicht die einzige Stelle, an der momentan Monteure der Lieferfirmen ihrer Arbeit nachgehen. 

Schwertransporter rollen auf das Werksgelände

Im Abstand weniger Tage sind in den vergangenen Wochen die Schwertransporter auf das Werksgelände gerollt, um tonnenschwere Anlagenteile anzuliefern. Die schwerste Komponente, ein rund 60 Tonnen schweres Ofenteil, ist in der vergangenen Woche eingetroffen. Bei der Aufstellung kommt es auf die richtige Mischung von Kraft und Präzision an: Bewegen lässt sich das Ungetüm nur mit Hilfe eines mobilen Portalkrans, bei der exakten Ausrichtung setzen die Monteure auf Lasertechnik. 

Bestimmt ist das Ofenteil für die Vergütetechnik, mit der Vossloh neue Maßstäbe setzen will. Die Spannklemmen durchlaufen in diesem Bereich verschiedene Temperaturen und werden anschließend abgekühlt. Mit dieser Wärmebehandlung können die technologischen Eigenschaften des Spannklemmen-Materials beeinflusst werden. 

Öfen eigens für Vossloh entwickelt

Die Ofenanlage für Vosslohs „Fabrik der Zukunft“ liefert das Unternehmen Wienstroth aus dem niederrheinischen Goch, ein international tätiges Unternehmen, das Speziallösungen für die Wärmebehandlung von Stahl anbietet. Allerdings kommen die Öfen keineswegs „von der Stange“, sondern sind eigens für Vossloh entwickelte Unikate. „Da sind 20 Jahre Erfahrung unserer Mitarbeiter und auch einige Prozessgeheimnisse eingeflossen“, erzählt Renners davon, wie in Goch der für die Werdohler Bedürfnisse optimale Ofen entstanden ist. 

Mehr zum "Fabrik der Zukunft Projekt" von Vossloh lesen Sie hier.

Eine andere Anlage kommt ganz aus der Nähe Werdohls. In Menden hat die Firma Driesch die Beizanlage für die „Fabrik der Zukunft“ konstruiert. Das Beizen ist einer der grundlegenden Vorbehandlungsschritte für eine qualitativ hochwertige Metallbehandlung insbesondere von Eisenwerkstoffen. Durch Beizen mit verdünnten Mineralsäuren werden Fette, Öle, Flugrost oder Glühzunder entfernt und so metallisch saubere Oberflächen für die Beschichtung erzeugt. 

Oberflächenbeschichtung als letzter Schritt

So schließt sich der Kreis in dieser großen Fabrik, die eigentlich fünf Fabriken unter einem Dach vereint. Mit der Oberflächenbeschichtung, die die Spannklemmen resistent machen soll gegen äußere Einflüsse, ist der eigentliche Produktionsprozess abgeschlossen. Dann geht es in die Logistik, die Vossloh auch modernisieren wird, unter anderem, weil die Kunden mittlerweile immer öfter eine sortierte Anlieferung der Spannklemmen verlangen. Christian Renners hat eine Ahnung, was dahinter steckt: Die Verlegung von Bahnschienen erfolgt zunehmend mit Hilfe von Robotern, die kontinuierlich mit Spannklemmen „gefüttert“ werden müssen. Mit der neuen Anlage will Vossloh sich auch darauf einstellen. 

Mit Lasertechnik wurde die exakte Position des neuen Ofens bestimmt.

Wer sich auf der momentan wohl größten Industriebaustelle in Werdohl umsieht und -hört, stellt fest, dass nicht nur die Fahrzeuge der Lieferanten ganz unterschiedliche Kennzeichen tragen, sondern dass auch die Monteure unterschiedliche Sprachen sprechen. „Der größte Teil unserer Investitionen, etwa 70 Prozent, bleibt in Deutschland, und darauf sind wir auch stolz“, sagt Christian Renners. Es gebe aber auch Lieferungen aus Spanien, Österreich und China. „Wir haben uns international umgeschaut, denn wir haben ja auch Spannklemmen-Werke in Russland, den USA und China“, erklärt er. Auch das Knowhow vieler Mitarbeiter des international tätigen Konzerns sei in die Planung und Entwicklung der neuen Produktionsanlagen eingeflossen. „Fast das halbe Unternehmen ist in Projekten involviert“, erzählt Renners. Am Ende werde all dieses Wissen zu einem Ganzen zusammengefügt. 

Aufbau dauert noch rund drei Monate

Das Zusammenfügen der verschiedenen jetzt angelieferten Maschinen, Anlagen und Komponenten wird nach Einschätzung des Geschäftsführers noch etwa drei Monate dauern. Dann gehe es an die Optimierung, sagt Renners. In Probeläufen werden Anlagen dieser Größenordnung üblicherweise auf ihre Alltagstauglichkeit geprüft. Vossloh will in dieser Phase zweigleisig fahren: Im alten Betriebsteil werden die Aufträge abgearbeitet, im neuen Werk wird ausprobiert. Ab dem Sommer 2021 sollen dann in der „Fabrik der Zukunft“ die ersten Spannklemmen in Serie gefertigt werden.

An ihrem Stammsitz in Werdohl baut die Vossloh AG, weltweit tätiger Bahntechnik-Konzern, seit Mitte 2018 seine „Fabrik der Zukunft“. Unter diesem Schlagwort baut das Unternehmen für rund 40 Millionen Euro die nach eigenen Angaben weltweit modernste Produktion von Schienenbefestigungssystemen auf. In der neu errichteten, fast 8500 Quadratmeter großen Halle werden Beiz- und Biegeanlagen, Öfen, Oberflächenvergütung und Logistik in Zukunft unter einem Dach vereint sein. Die ersten Maschinen und Anlagen halten jetzt Einzug. Anfang 2021 sollen die Probeläufe beginnen. Die Einweihung ist für den Sommer 2021 vorgesehen.

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