Er krempelte den Konzern um

Ein Unternehmer mit Drang zur Macht ist tot: Patriarch Heinz Hermann Thiele holte Vossloh aus der Krise

Heinz Hermann Thiele, Besitzer der Vossloh AG, ist gestorben.
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Heinz Hermann Thiele, Besitzer der Vossloh AG, ist gestorben.

Der 28. Mai 2013 löste beim Werdohler Vossloh-Konzern die Wende aus: Vor acht Jahren übernahm bei der Hauptversammlung der Aktionäre der Münchner Heinz Hermann Thiele den Aufsichtsrat.

Vier Jahre leitete der Unternehmer den Werdohler Konzern als Aufsichtratsvorsitzender. 2017 zog er sich von dem Amt zurück, blieb aber bis zu seinem Tod Mehrheitsgesellschafter mit Führungsanspruch. Thiele ist am Dienstag im Alter von 79 Jahren verstorben.

Der in Mainz geborene Thiele kaufte den schwächelnden Werdohler Konzern, weil er mit Vossloh Mehrwert schaffen wollte. Nötig hatte es Thiele nie: Er galt als einer der reichsten Männer Deutschlands, seine Familie ist im Besitz von schätzungsweise 20 Milliarden Euro. Thiele wird als jemand beschrieben, der einen Drang zur Macht und zum Geschäft hatte und der sehr kritisch mit den Geschäftsführungen seiner Unternehmen umging.

Eine Agenda, die nur wenige nachvollziehen konnten

Als er die Werdohler Vossloh AG gekauft und unter Kontrolle gebracht hatte, ging er kurz vor seinem Tod noch einmal bei Knorr Bremse in den Aufsichtsrat. Was diesen Mann antrieb, im Alter von fast 80 Jahren auch noch mit 15 Prozent Anteilen als Großaktionär bei der Lufthansa einzusteigen, fragen sich viele. Thiele verfolgte eine Agenda, die nur wenige nachvollziehen konnten und der nicht viele folgen wollten.

Thiele hat Vossloh allerdings profitabel gemacht. Innerhalb von vier Jahren hatte der Münchner den Schienenkonzern im Sauerland umgekrempelt. Erste Gespräche zwischen den früheren Vossloh-Inhabern und Thiele gab es 2011. Die Familie mit ihrem Sprecher Peter Langenbach und Selfmade-Milliardär Thiele konnten sich nicht einigen. Bei der legendären Hauptversammlung 2013 in Düsseldorf griff Thiele die Inhaberfamilie um Vossloh-Nachfahrin Anne Traub direkt an. Die Hauptversammlung geriet zu einem spektakulären Wirtschafts-Krimi, die Familie sah fassungslos zu, wie ihre eigenen Kandidaten für den Aufsichtsrat scheiterten. Die damaligen Aufsichtsratsmitglieder wurden mit miserablen Ergebnissen entlastet, Thiele mit knappem Ergebnis gewählt. Er übernahm unverzüglich.

Thiele installierte komplett neuen Vorstand

Kurz nach der Machtübernahme durch den damals 71-jährigen Thiele wurden Vorstand Werner Andreé und sein Vorstands-Kollege Schiedeck abgelöst. Heinz Herrmann Thiele installierte einen komplett neuen Vorstand mit dem Vorsitzenden Dr. h.c. Hans Martin Schabert, Volker Schenk und Oliver Schuster. Erstmal ging es bergab: Die Dividende wurde auf 50 Cent abgesenkt. Im Juni 2014 schockte Vossloh die Anleger mit einer Gewinnwarnung. Danach ging es bergauf: Der Vorstand kündigte eine komplette Restrukturierung des Konzerns an, die bis heute konsequent durchgezogen wird.

Alles aus eigener Kraft geschaffen

Heinz Hermann Thiele wurde am 2. April 1941 in Mainz geboren. Nach kriegsbedingter Flucht aus Ostdeutschland wuchs er in Vlotho und Minden auf, wo er 1961 sein Abitur machte. Sein Vater, der 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, nahm 1951 seine Tätigkeit als Rechtsanwalt und Notar wieder auf, verstarb aber bereits 1963 im Alter von 61 Jahren. Heinz Hermann Thiele wuchs nach dem Verlust des Familienbesitzes im zerstörten Berlin in bescheidenen Verhältnissen auf. Trotzdem konnte Thiele im Wintersemester 1962/1963 ein Jurastudium an der Universität München aufnehmen. „In der Rückschau betrachtet habe ich die äußerst beschränkten finanziellen Verhältnisse und die mir sehr fehlende Vaterfigur genutzt, um aus eigener Kraft etwas zu schaffen“, sagte Thiele später. Im Jahr 1969 startete er seine berufliche Laufbahn bei der Knorr-Bremse als juristischer Sachbearbeiter in der Patentabteilung.

Patriarch Thiele fand für die Vossloh AG Männer, die wohl sein Vertrauen hatten, die es aber auch wieder verloren. Die Spitzenposten bei Vossloh waren in den vergangenen Jahren Schleudersitze. Bis auf den heutigen Vorstandsvorsitzenden Oliver Schuster, der mit Thiele 2014 nach Werdohl kam, wurden alle Positionen immer wieder ausgetauscht. Häufig waren es Spitzenmanager der Deutschen Bahn. Neben Schuster sitzen heute das Vossloh-Eigengewächs Dr. Thomas Triska und Jan Furnivall im Vorstand.

Ex-Bahn-Chef Grube leitet heute den Aufsichtsrat

Nach Thiele wurde Dr. Volker Kefer von der Deutschen Bahn Vossloh-Aufsichsratsvorsitzender, mittlerweile ist der ehemalige Bahn-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Rüdiger Grube Leiter des Kontrollgremiums. Mit Dr. Bettina Volkens gehört übrigens auch ein ehemaliges Lufthansa-Vorstandsmitglied zum Werdohler Aufsichtsrat.

Die Knorr-Bremse AG wurde bis März 2016 von Heinz Hermann Thiele selbst kontrolliert. Erst mit 75 Jahren legte Thiele dort den Aufsichtsratsvorsitz nieder, erst vor kurzem, mit schon 79 Jahren, kehrte er wieder in das Gremium zurück. „Er ist der klassische Patriarch. Noch nie ist eine Entscheidung ohne ihn gefallen“, heißt es aus Unternehmenskreisen. Seine Tochter Julia Thiele-Schürhoff ist ebenfalls im Aufsichtsrat, die beiden halten über die Holding etwa 65 Prozent der Aktien an dem M-Dax-Konzern. Sohn Henrik leitete das Asiengeschäft und sollte 2015 die Bahnsparte übernehmen – schied dann aber aus persönlichen Gründen komplett aus. Vater und Sohn hatten Differenzen. Knorr Bremse verschliss reihenweise Vorstandschefs, seit 2006 gaben sich dort sieben Manager die Klinke des Chef-Büros in die Hand.

Kein Freund der gewerkschaftlichen Mitbestimmung

Heinz Hermann Thiele hielt nie viel von gewerkschaftlicher Mitbestimmung. Als Knorr-Bremse 2017 ein kleines Werk in Berlin schloss, griff ihn der IG-Metall-Bezirkschef als asozialen „Steinzeitkapitalisten“ an, der Arbeitsplätze vernichte aus bloßer Gier. Einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft hat Knorr Bremse bis heute nicht. Die Vossloh AG in Werdohl war zwar schon vor Thiele in der Tarifbindung, wurde aber aus „juristischen Gründen“ nie von der IG Metall bestreikt.

Wie es ohne Thiele weitergeht in seinen drei Unternehmen, dürfte spannend werden für Führungseliten und tausende Mitarbeiter. Das Wirtschaftsmagazin Capital schrieb dazu: „Selbst wenn der Nachlass formell geregelt sein sollte, müsste es auch noch den Erben oder die Erbin geben, der oder die seinen Plan ideell fortführen. Danach sah es bislang nie aus.“ Heinz Hermann Thiele hinterlässt Ehefrau Nadia Thiele sowie seine Kinder Julia Thiele-Schürhoff und Henrik Thiele.

Unternehmen äußert sich nicht zu den Auswirkungen

Die Werdohler Vossloh AG gab auf Nachfrage keine Antwort auf die Auswirkungen des Todes von Inhaber Thiele auf das Unternehmen. In einer Mitteilung wird stattdessen Vorstandsvorsitzender Oliver Schuster zitiert, dass der plötzliche Tod Thieles „alle aufs Äußerste betroffen gemacht“ habe. „Er war für uns immer ein fairer und menschlich wie fachlich hoch geschätzter Partner. Wir werden ihm immer dankbar sein, für das, was er für Vossloh getan hat“, so Schuster.

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