Ein Vormittag mit Schwimm-Meisterin Tanja Midderhoff im Freibad

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Ordentlich eingecremt und mit wachsamen Blick am Beckenrand: Für Tanja Midderhoff sind die Sommerferien nicht unbedingt erholsam. Je größer der Besucheransturm im Ütterlingser Freibad ist, desto schwer ist es, die Badegäste im Auge zu behalten. Und auch drumherum gibt es für die Schwimm-Meisterin genug Arbeit. 

Werdohl - „So wie Du arbeitest, möchte ich mal Urlaub machen“ – diesen Spruch kennt Schwimm-Meisterin Tanja Midderhoff in- und auswendig. Doch der Beruf, der auf den ersten Blick Sommervergnügen pur verspricht, kann richtig schlauchen

Hitze, fröhliches und vor allem lautes Kindergeschrei und eine enorme Verantwortung gehören jetzt täglich dazu. 

Tanja Midderhoff hat Frühschicht. Als sie an diesem Sommertag das Bad in Ütterlingsen betritt, steht ihr Kollege Daniel Kamp schon am Becken, die Fernbedienung hält er in der Hand: Kamp hat den Bodenabsauger ins Wasser gelassen, der Sand, Haare, Haargummis und auch mal einen Kaugummi vom Boden aufnimmt. „Wenn Hochbetrieb herrscht, machen wir das täglich“, berichtet die Schwimm-Meisterin. Bahn für Bahn reinigt das Gerät das Schwimmerbecken, bevor Kamp es circa eineinhalb Stunden später herausziehen kann, das Sieb säubert und sich dann das nächste Becken vornimmt. „Wir haben vor Jahren schon mal einen vermissten Trauring gefunden“, erzählt er, dass so schnell nichts verschwindet, was im Ütterlingser Wasser verloren gegangen ist. 

In der Zwischenzeit hat Tanja Midderhoff im Heizungsraum den Gas- und Frischwasserverbrauch abgelesen und notiert. Bevor die Frühschwimmer ab 7 Uhr ihre Bahnen ziehen, muss sie die Wasserqualität kontrollieren. Ein Blick auf die digitale Anzeige im Technikraum zeigt, dass pH-, Chlor- und weitere Werte im grünen Bereich liegen. Doch darauf verlässt sich die Schwimm-Meisterin nicht. Sie zapft einen Mini-Becher Flüssigkeit aus dem geschlossenen System, mit dessen Hilfe das Wasser aus den Becken ständig aufbereitet wird. Ein spezielles Testgerät und verschiedene Chemikalien kommen der Reihe nach zum Einsatz. Das Wasser verfärbt sich einige Male, auf der Skala ließt Tanja Midderhoff mehrere Werte ab. Das Ganze erinnert an einen Versuch im Chemie-Unterricht, der mittags und abends wiederholt wird. Schließlich nickt die Schwimm-Meisterin zufrieden und kommentiert das Ergebnis. Was sie sagt, ist im Technikraum allerdings kaum zu verstehen: Es ist zu laut, die Pumpen laufen inzwischen auf Hochtouren. 

Wasserqualität: Drei Kontrollen täglich 

Dennoch ist die Arbeit im Technikraum noch nicht beendet. Tanja Midderhoff überprüft, ob sie den Kanister wechseln muss, aus dem bei Bedarf automatisch Natronlauge in den Wasserkreislauf gepumpt wird. „Das ist notwendig, wenn der pH-Wert zu weit absinkt“, erklärt sie. 

Tanja Midderhoff testet im Technikraum des Bades regelmäßig die Wasserqualität.

Dann geht es wieder ins Freie. Vor dem morgendlichen Kontrollgang über die Liegeweise – dazu gehört auch das Ausleeren der Mülleimer und das Aufsammeln von Abfall, der auf dem Rasen herumliegt – wirft Midderhoff noch einen prüfenden Blick, in den gesicherten Raum, in dem sich das Chlorgas befindet – auch hier ist alles in Ordnung. In den Umkleiden sieht die Schwimm-Meisterin nach dem Rechten, dann steht die Reinigung der Durchschreitebecken auf dem Programm, die als Hygieneschleuse zur Fußreinigung zwischen dem Wasserbereich und den Liegeflächen dienen. 

Mit der Gießkanne unterwegs

Die Blumen und Palmen brauchen dringend Wasser. Und während Tanja Midderhoff mit der Gießkanne unterwegs ist, hat sie die Frühschwimmer im Blick, die inzwischen entspannt ihre Runden drehen. 

Daniel Kamp hat in der Zwischenzeit die verstopften Abflüsse im Bereich der Herrendusche von Haarknäueln befreit. Das lockere Scharnier an der Toilettentür lässt sich aber nicht ohne weiteres befestigen – das ist ein Fall für den Stadtwerke-Mitarbeiter Manfred Klein. 

Tanja Midderhoff nimmt Telefonate an, kassiert den Eintrittspreis, bis das Kassenhäuschen am Eingang besetzt ist – und betätigt ein Zählgerät, damit am Abend notiert werden kann, wie viele Besucher das Freibad genutzt haben. Als die „2. Schicht“ der Frühschwimmer ins Wasser steigt, legt sie eine kurze Verschnaufpause ein – natürlich am Beckenrand und mit wachsamen Blick aufs Wasser. 

"Man ist sich der Verantwortung bewusst"

Angespannt sei sie nicht, stellt die Schwimm-Meisterin fest. Auch nicht, wenn es nachmittags voll wird. „Aber man ist sich schon der Verantwortung bewusst. Und wenn viele Menschen hier sind, ist es längst nicht mehr so übersichtlich wie jetzt.“ Dann sei es auch zu gefährlich, alleine die Aufsicht zu führen. Um die Mitarbeiter der Bäderbetriebe zu entlasten, springen mitunter Ehrenamtler der Werdohler DLRG-Ortsgruppe ein – und das sei auch gut so, sagt Tanja Midderhoff. „Gerade in der vergangenen Woche gab es einen Zwischenfall“, erzählt sie, und schildert, dass ein unsicherer Schwimmer mitten im Becken von einer Panikattacke erfasst wurde und auf Hilfe angewiesen war. „Es ist ihm aber zum Glück nichts passiert.“ 

Ilse Meister (Mitte) ist 88 Jahre alt. Sie gehört, ebenso wie Gerda Voß (links) und Ulla Sonneborn, zur „2. Schicht“ im Bad.

Inzwischen sind auch zahlreiche Kinder im Wasser: Das Team der Werdohler Jugendpflege ist mit den Ferienspaßkindern im Freibad angekommen. Die Mädchen und Jungen toben im Schwimmerbecken und kreischen vor Freude. Zeitgleich springt ein besonders mutiger Junge vom Fünfer – mit einem ohrenbetäubenden Schrei. An der Rutsche im Kinderbecken hat sich eine Schlange gebildet, und auch in diesem Bereich stürzen sich Kinder lautstark ins Wasser. 

Zwiebeln, Sonnencreme und tröstende Worte 

Tanja Midderhoff hat jetzt das Mikrofon eingeschaltet – für den Fall, dass sie meistens jüngere Badegäste daran erinnern muss, die Regeln einzuhalten. „Hin und wieder kommt das vor“, stellt sie fest. Auch außerhalb der Becken schreitet sie manchmal ein: „In der vergangenen Woche ist jemand auf einen Baum geklettert, weil ein Ball ziemlich weit oben gelandet ist. Das geht natürlich nicht.“ Mit Rundumblick nimmt sie das Gewusel in und rund ums Wasser aufmerksam zur Kenntnis, und erzählt, dass die Kühlpacks bereit liegen. Denn kleine Blessuren sind im Freibad an der Tagesordnung. „Und manchmal haben wir auch Zwiebeln hier, falls jemand von einer Wespe gestochen wird.“ Sonnencreme und natürlich tröstende Worte gibt’s im Notfall ebenfalls bei der Schwimm-Meisterin.

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