Therapiehund Boncuk

Vom frechen Wirbelwind zur Therapeutin auf vier Pfoten

Boncuk hat eine Menge gelernt und kann bei vielen Übungen eingesetzt werden. Hier zieht die Hündin eine Karte, der Patient muss den jeweiligen Begriff benennen.
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Boncuk hat eine Menge gelernt und kann bei vielen Übungen eingesetzt werden. Hier zieht die Hündin eine Karte, der Patient muss den jeweiligen Begriff benennen.

Dass Hunde zur Bewachung von Tieren oder Grundstücken oder zur Begleitung von blinden Menschen eingesetzt werden, ist nichts Ungewöhnliches. Seltener ist schon, dass sie als Therapiehunde Verwendung finden. In Werdohl gibt es ein solches Tier, dass auf Menschen eine ganz besondere Wirkung hat.

Werdohl – „Pause“, sagt Sule Özbilgin – Labradorhündin Boncuk legt vertrauensvoll den Kopf in die Handfläche der Logopädin, blickt sie mit ihren großen Augen erwartungsvoll an. Ein Hundeblick, der Bände spricht und emotional berührt. Spätestens in diesem Moment kann die Betrachterin erahnen, dass ein Hund durchaus positive Wirkungen auf Menschen haben kann, die erkrankt sind oder sich aus anderen Gründen in logopädischer Behandlung befinden.

Sule Özbilgin ist staatlich anerkannte Logopädin und Fachtherapeutin im Bereich Neurologie. Sie betreibt jeweils eine „Dialog(o)“-Praxis in Lüdenscheid und an der Friedensstraße in Werdohl. „Ich habe in den Niederlanden studiert. Während meiner beiden Praktika habe ich mit Hunden gearbeitet“, erzählt die 30-Jährige – und stellt fest: „Ich habe gesehen, was ein Hund bewirken kann.“ Seit dieser Zeit sei für sie eines klar gewesen: „Sollte ich mich selbstständig machen, dann nur mit einem Therapiebegleithund.“

Anstrengender Weg zum Therapiehund

Dabei hatte die Logopädin lange Zeit selbst panische Angst vor Hunden. „Ich bin als kleines Kind von einem Hund gebissen worden“, erzählt sie. Deshalb sei ihr auch die Erziehung der heute vierjährigen Boncuk nicht immer leicht gefallen. Denn der süße, silberfarbene Welpe mit den strahlend blauen Augen sei zeitweise zu einem pubertierenden Rowdy mutiert. „Jetzt kann man es sich nicht mehr vorstellen, aber Boncuk war furchtbar, es war manchmal ein echter Kampf. Ich dachte, aus diesem frechen Wirbelwind wird nie ein Therapiebegleithund.“

Doch aufgeben kam für Sule Özbilgin nicht in Frage, und so begleitete die Junghündin sie trotz aller Probleme auch regelmäßig mit in die Praxis. „Kurz vor ihrem ersten Geburtstag war die Grunderziehung dann abgeschlossen, und ich hatte wieder einen Funken Hoffnung, dass aus Boncuk doch noch ein Therapiebegleithund werden könnte.“

Bei Patienten sehr beliebt

Doch bevor die Labradordame ihre Ausbildung beginnen sollte, gab ihre Besitzerin ihr noch Zeit. „Sie sollte erwachsen werden, einfach reifer.“ Der Plan ging auf – im Mai 2020 bestanden Boncuk und ihre Besitzerin die Aufnahmeprüfung der Nette Hunde MG GbR. Ende August 2020 legte das Paar in diesem Schulungszentrum für tiergestützte Therapie in Mönchengladbach erfolgreich die Eignungsprüfung ab. Und auch die Überprüfung war für die beiden kein Problem.

Raus in die Natur: Spaziergänge sind ein wichtiger Ausgleich für die Therapie-Begleithündin.

Inzwischen ist die Labradordame nicht nur in der Praxis beliebt. „Wenn ich Termine für Hausbesuche vereinbare, kommt oftmals die Frage: ,Kann ich den Hund sehen?’“, erzählt die Logopädin. „Ich setze Boncuk immer dann ein, wenn ich der Meinung bin, dass mein Patient davon profitieren könnte. Aber ich achte auch sehr darauf, den Hund nicht zu überfordern.“

Der Hund erleichtert den Zugang

Schon die Anwesenheit des Vierbeiners sei oftmals eine große Therapiehilfe. Sule Özbilgin berichtet von einer Patientin, die an Demenz erkrankt war. „Mit Boncuk hat sie gesprochen. Mit mir nicht. Es ist nicht selten, dass mir meine Hündin hilft, einen Zugang zu den Patienten zu finden.“ Ganz besonders Kinder seien oftmals viel aufgeschlossener und motivierter, wenn sie mit der Hündin trainieren könnten.

Und Boncuk? Dem Labrador eilt allgemein sein Ruf als wahrer Scheunendrescher voraus. Es heißt, dass die meisten Vertreter dieser Rasse alle Register ziehen, um ein Leckerchen zu ergattern. „Boncuk ist verfressen“, bestätigt die Logopädin schmunzelnd. Es verwundert also kaum, dass die Hündin begeistert ist und sich sofort hinlegt, als sich Sule Özbilgin auf dem Boden niederlässt, um eine mundmotorische Übung zu demonstrieren: Sie setzt einen Strohhalm an die Lippen, pustet hinein und richtet den Luftstrom gegen eine getrocknete Sprotte – einen kleinen Fisch. Vorsichtig pustet sie den Leckerbissen in Richtung des Vierbeiners. Erst, als die Sprotte kurz vor ihrer Nase angekommen ist, lässt die Hündin sich den Fisch schmecken. „Das finden die Kinder toll“, lacht die Logopädin.

Der „Trick“ mit den Spielkarten

Doch Boncuk hat noch viel mehr gelernt: So hält ihr Frauchen beispielsweise einige Karten in der Hand, auf denen jeweils zeichnerisch ein Begriff dargestellt ist. Vorsichtig zieht die Hündin mit der Schnauze eine Karte heraus, um sie dem Patienten – in diesem Fall der Reporterin – zu bringen. „Mein Patient muss den Begriff dann benennen“, erklärt die Logopädin. „Wenn Boncuk die Karte anreicht, dann ist die Motivation für den Patienten viel größer.“ Wie bei allen Übungen, bei denen die Hündin im Spiel ist, gilt auch hier: Führt der Patient die Sprach- oder Motorikübung korrekt aus, darf er Boncuk mit einem Leckerchen belohnen.

Die Logopädin, die nebenbei studiert und demnächst auch als Psychotherapeutin tätig werden möchte, möchte ihre Labradorhündin zudem verstärkt in der Tiergestützten Intervention einsetzen: „Die Corona-Pandemie hat uns ausgebremst. Aber die Tiergestützte Therapie ist sehr vielfältig. Viele Menschen können davon profitieren.“ Besuche in Seniorenheimen sind ein Beispiel, das das Team schon erfolgreich gemeistert hat. „Ich arbeite mit älteren Menschen, Erwachsenen und Kindern. Mögliche Ziele sind unter anderem körperliche Mobilisierung, Stärkung des Selbstwertgefühls oder der Sozialkompetenz aber auch die Steigerung der Konzentration.“

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